Mi., 17. November 2021Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Erster Adventssonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Bibelstellen


Lukas 21, 25-28.34-36

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, so wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.

Biblische Predigten


„In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ (vgl. Vers 25-26)

Wie schon am Ende des alten so steht uns auch zu Beginn des neuen Kirchenjahres das Ziel unseres Lebens vor Augen: die Ankunft des Herrn. Alle Generationen sollen so darauf vorbereitet sein, dass der Herr jederzeit kommen kann. Unser Leben wird vom Ziel her bestimmt. Weil aber so viele Menschen ziellos dahinleben, ohne die Wiederkunft des Herrn in ihrem Herzen zu tragen, ist auch ihr Leben oft so leer, zufällig und sinnlos. Das Kommen des Herrn bedeutet den Beginn der großen und ewigen Hochzeit, des ewigen Höhepunktes unseres Lebens. Von dort her bekommt unser Leben einen Sinn, auch alles das, was in unserem Leben manchmal unverständlich und schwierig ist. Denn gerade auch die Widrigkeiten sollen und können uns helfen, uns auf das Kommen des Herrn, auf dieses höchste Ziel unseres Lebens vorzubereiten.

Das heutige Evangelium hört sich für uns zunächst sehr bedrängend an, aber der Schlusssatz zeigt uns, in welcher Haltung wir in all diesem Zusammenbruch, wie er hier geschildert wird, auf den Herrn zugehen sollen: „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ (vgl. Vers 28) Voraus aber geht eine namenlose Angst, die die ganze Menschenwelt erfüllen wird. Auch die Geheime Offenbarung kennt solche Gedanken und Aussagen.

Der Herr kündigt also einen schweren Alpdruck dunkler Vorahnungen an, die seiner Wiederkunft vorausgehen. Es sind uns Zeichen gegeben, d.h. der Herr überlässt uns nicht einfach dem Zufall. Der Glaubende kennt diese Zeichen und wenn die Elemente toben, ahnt er, dass dies ein Zeichen ist und er sich überlegen muss: Bin ich bereit? In diesem Sinne sind auch die „kleineren“ Naturkatastrophen, die nicht die ganze Menschenwelt betreffen und erfassen, Hinweise auf das Kommen des Herrn und wir sollten uns daher immer wieder von ihnen erschüttern lassen: Bin ich jetzt, zu diesem Zeitpunkt, wirklich bereit für das Kommen des Herrn? Jesus nennt vor allem Angst und Ratlosigkeit, die die Völkerwelt  erfüllen, also zwei Begriffe, die uns in unserer Zeit sehr bekannt vorkommen müssten. Angst und Ratlosigkeit finden wir heute überall. Sie erfüllt die Völkerwelt. Allein das wäre schon ein Zeichen, das uns heute unaufhörlich an die Ankunft des Herrn erinnern sollte. Das Toben des Meeres erinnert an schreckliche Dinge, die über den Erdkreis kommen werden. Denken wir nur an den Tsunami in Südostasien von 2004 mit über 230.000 Todesopfern. Das war eine schreckliche Katastrophe und eine mächtige Vorahnung. Doch leider hat ihn ein Großteil der Menschheit überhaupt nicht als Zeichen wahrgenommen und deshalb hat sich auf dieser Welt auch nichts verändert.

Die Erschütterung der Himmelskräfte zeigt die Auflösung des bisherigen Weltenlaufes, aber auch den Anbruch einer neuen Weltordnung. Die heilige Hildegard sagte einmal: Die Elemente wehren sich gegen den Menschen. Der Mensch zerstört die Elemente durch seine Sünde. Diese Aussage ist natürlich nicht naturwissenschaftlich und deshalb für die heutige Zeit per se uninteressant. Aber wir finden diese Wirklichkeit auch in der Geheimen Offenbarung. Die vier Lebewesen um den Thron, die die Unheilsengel ausschicken, um die Welt zu schlagen, sind die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Die Elemente wehren sich also gegen den Menschen, sie sind aber zugleich ein Zeichen, das Jesus für seine nahe Ankunft gibt.

Dass die Menschen vor Angst vergehen werden, bedeutet zum einen, dass alles wankt und auseinanderbricht. Gleichzeitig vergehen, d.h. sterben die Menschen aber auch aus Furcht, denn bei der Ankunft des Herrn werden sie ihr ganzes Leben in seinem Licht sehen. Es wird gleichsam wie ein Film noch einmal vor ihnen ablaufen, manche werden vielleicht sogar im Sinn eines ewigen Sterbens, im Sinne der verpassten Chancen daran sterben.

„Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.” (vgl. Vers 27-28)

Inmitten des Chaos‘ aber wird der Menschensohn erscheinen. Und er wird auf dieselbe Art und Weise wiederkommen, wie er auch in den Himmel aufgefahren ist, nämlich auf einer Wolke: „ Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.” (Apg 1, 9-11)

Jesus spricht im heutigen Evangelium zu den Jüngern aber auch von der Erwartung und Freude auf sein Herannahen. Wenn sie alle diese Zeichen sehen, sollen sie sich nicht ängstigen oder erschrecken, sondern voller Erwartung und Freude sein. Auch wir haben also keinen Grund zur Verzweiflung oder zu Ängsten, wenn wir glaubende Menschen sind und dieses Wort Gottes ernst nehmen. Das ist der entscheidende Unterschied: Durch die gleichen Zeichen werden die einen Angst, ja sogar Todesangst erleben, die andern Freude. Vielleicht meint diese Stelle auch ein zweifaches Kommen des Herrn. Es gibt aber keine kirchliche Entscheidung darüber, wie diese Stelle zu verstehen ist: ob das Kommen Jesu in Herrlichkeit und das Kommen Jesu zum Gericht dasselbe sind. Wenn aber Jesus in der Kraft seiner Gottheit kommt, so kann das wirklich ein Erschrecken, eine Furcht auslösen, an der manche sterben werden.

„Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.” (vgl. Vers 34-35)

Jesus spricht diese Worte nur wenige Tage vor seinem Leiden und seinem eigenen Tod. Deshalb warnt er seine Jünger, dass sie sich in Acht nehmen sollen, damit ihre Herzen nicht abstumpfen oder durch Oberflächlichkeit oder Genusssucht belastet werden. Das kann leicht geschehen etwa durch Völlerei, Trunksucht, oder auch andere Süchte, oder durch eine übertriebene Sorge, um den Lebensunterhalt. Das alles raubt die Klarheit und die Nüchternheit des Geistes und die Menschen vergessen darüber das Wichtigste, nämlich die Ankunft des Herrn. Dann werden sie auch die seiner Wiederkunft vorausgehenden Zeichen übersehen: Sie rechnen ja nicht mehr wirklich mit der Ankunft des Herrn, weil sie total im Diesseits verhaftet sind, mit oberflächlichen Dingen, z.B. eben auch mit Genusssucht. Es geht dann nur noch darum, hier einigermaßen zu überleben. Das alles aber raubt uns die Klarheit und die Nüchternheit des Geistes.

Jesus macht hier sehr deutlich, dass wir in Erwartung des Herrn nicht nur das Unerlaubte meiden, sondern – im Hinblick auf die Sorgen des Alltags – auch mit dem Erlaubten klug umgehen und es nicht wichtiger nehmen sollen als die Ankunft des Herrn. Selbstverständlich dürfen wir uns aber im guten Sinne um unser Leben sorgen, um das, was zum Leben notwendig ist.

Trotz all der gegebenen Zeichen kommt der Tag des Herrn auch für die Gläubigen letztlich doch überraschend. Die Zeichen sollen uns ja nur in der Bereitschaft halten, aber der große Tag selbst wird trotzdem auch für den Glaubenden unerwartet sein. Für diejenigen, die in irdischer Sicherheit sorglos dahinleben, kommt er wie ein Fallstrick. Dieses Bild bezeichnet das Unerwartete und das Verderbliche. Und die wörtliche Übersetzung „die da wohnen oder sitzen auf der ganzen Erde“ deutet ein ruhiges, behagliches Sitzen an, sodass sie gleich beim ersten Strick, der über sie geworfen wird, gefangen sind. Sie können nicht mehr aufstehen und entrinnen.

„Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.“ (vgl. Vers 36)

Weil also jener Tag alle, die in irdischer Sicherheit dahinleben, plötzlich überfallen wird, ist ein beständiges Wachen nötig: Dabei müssen wir gar keine großen Umstände machen. Wir sollen nur gefasst sein und bewusst auf das Ziel zugehen. Wir sollen immer wieder Jesus vor Augen haben und diesen Höhepunkt unseres Lebens, der eine Ewigkeit dauert, wirklich erwarten. Dann werden wir immer richtig handeln und uns richtig verhalten. Wie schnell und unerwartet kann unser persönliches Leben zu Ende sein. Darum ist ein beständiges Wachen nötig, unabhängig davon, was wir gerade tun.

Es geht aber bei dieser Aufforderung Jesu um beides: Gebet und Wachen. Viele Menschen beten zwar, aber sie wachen nicht. Sie sind nicht gefasst auf das Kommen des Herrn. Sie leben in der Sünde und glauben, sie könnten alles noch regeln bevor er kommt. Das aber ist eine Täuschung, und solche Menschen erwarten den Herrn nicht wirklich. Sie leben letztlich nicht in der Erwartung, sondern in der ständigen Angst, er könnte doch kommen, wenn sie nicht darauf gefasst sind.

Diese letzten Worte Jesu über seine Wiederkunft zeigen uns den Inbegriff der höchsten Glückseligkeit. Und das ist das Wunderbare. Das ist die letztlich froh machende Botschaft dieser Worte, die ja zunächst so beängstigend und bedrängend wirken. Lassen wir uns von dieser Frohbotschaft ansprechen und beginnen wir das neue Kirchenjahr mit dieser Entschiedenheit, mit dem Ausblick und der Erwartung auf das Ziel hin. ∎