Mi., 15. Juni 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

12. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Christ Tempted by Satan, by Georg Karl Franz Cornicelius (1888).

Bibelstellen


Lukas 9,18-24

Und es geschah: Jesus betete für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute? Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes. Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen. Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

Biblische Predigten


„Und es geschah: Jesus betete für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute? Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.“ (vgl. Vers 18-20)

Was will dieses Gotteswort uns heute für unseren Weg mit Christus sagen? Es geht hier um Offenbarung und Offenbarung geschieht immer in der Stille vor Gott, also in einer Art Gebetsraum. Daher spielt auch die geschilderte Begebenheit gewissermaßen in einem Gebetsraum, als nämlich Jesus in der Einsamkeit betet und seine Jünger bei ihm sind.

Es geht hier um die Offenbarung der Frage: Wer bist du, Christus? Jesus ist hier der Fragende, aber auch der Gefragte. Gefragt ist die Meinung der Menge und die drei unterschiedlichen Meinungen des Volkes sind gleichsam der Hintergrund für das dann folgende Petrusbekenntnis. Die einen glauben, er sei Johannes der Täufer, andere halten ihn für Elija oder einer der alten Propheten.

Dann aber kommt die direkte Frage Jesu an die Apostel und damit auch an jeden von uns heute, der sich Christ nennt: „Für wen hältst du mich?“ Die Antwort des Petrus lautet wörtlich: „Für Christus, also den Gesalbten Gottes.“ Das wird im deutschen Text mit „Messias“ übersetzt. Christus oder der Gesalbte Gottes aber ist derjenige, in dem das ganze alttestamentliche Gesetz und alle Verheißungen für Israel ihre Erfüllung finden und der ganz Gott zugehörig ist. Denselben Titel, den Petrus hier Jesus gibt, benutzen dann später auch die Ältesten Israels, wenn sie Jesus unter dem Kreuz verspotten: „Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben“ (Mk 15,32; vgl. auch Mt 27,40-42 und Lk 23,35). So weist dieses Petrusbekenntnis bereits auf das Ende hin. Gleichzeitig wird an dieser Stelle auch der Primat des Petrus herausgestellt, denn alle Jünger sind mit dem Bekenntnis des Petrus einverstanden. Er hat für alle gesprochen.

„Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen. 22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.“ (vgl. Vers 21-22)

An dieser Stelle wird deutlich: Jesus ist nicht gegen diesen Titel des „Christos“, des „Gesalbten Gottes“, aber er will, dass dieses Bekenntnis noch in der Stille bewahrt werden soll, denn erst, wenn der folgende V. 22 erfüllt ist, wenn das alles geschehen ist, erst dann trifft dieses Bekenntnis voll zu, erst dann hat sich Jesus wirklich als der „Gesalbte Gottes“ erwiesen. Jesus ist erst und nur als der Leidende, als der Gestorbene und als der Auferweckte der Messias, der Gesalbte Gottes. Das Verbot ist also gewissermaßen bis Ostern „befristet“.

(Dass die vgl. Vers 21 und 22 tatsächlich zusammengehören zeigt im Griechischen das Partizip an: „eipon“ ειπων). Mit dem Partizip ist gleichsam der nächste Vers verbunden, d.h., beide Verse gehören auch inhaltlich untrennbar zusammen. Erst wenn Tod, Auferstehung usw. geschehen sind, dann ist dieser Titel im vollsten Sinn erfüllt und dann sollen die Jünger Jesus als den „Christos“ bekennen. Jesu Messianität soll also nicht nur vorerst geheim gehalten werden, sondern ganz und gar zusammengedacht werden mit seinem Leiden, mit seinem Tod und seiner Auferstehung, denn diese sind die Erklärung und der Inhalt des Titels, wie ihn schon der Prophet Jesaja im Gottesknechtlied voraussagt.

Jesus nimmt nun aber nicht den Christustitel des Petrus auf, sondern spricht vielmehr von sich als dem Menschensohn. Das ist ein Hoheitstitel, den schon Daniel benutzt hat. Der Sinn dieser Offenbarung des Geheimnisses Jesu als Menschensohn leuchtet schon auf in diesem göttlichen „muss“ (griech. „dei“ – δει): Er muss vieles leiden, er muss verworfen werden, er muss getötet werden und er muss auferstehen. Dieses „muss“ trägt alles. Es erinnert an die ergangene Verheißung und weist auf die Schrift hin, nämlich auf den „Gottesknecht“ des Propheten Jesaja, in dem all das schon beschrieben und verheißen ist. Mit dem Wort „Der Menschensohn muss vieles erleiden“ ist das ganze Schicksal Jesu gemeint. Die Worte „erleiden“, „verworfen“, „getötet“ stehen dabei im Griechischen im Infinitiv, d.h. sie benennen als selbstverständlich, was Christus von den Menschen her widerfahren wird und widerfahren muss. Und auch die Passiv-Form: „Er wird auferweckt“, entspricht wiederum diesem göttlichen „Muss“. Es ist der Plan Gottes und gehört untrennbar zum Messiastitel dazu.

„Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (vgl. Vers 23)

Bis hierhin hat Jesus von sich selbst gesprochen, von seinem persönlichen Schicksal. Jetzt aber spricht er gleichsam zu allen, die um ihn waren, nicht bloß zu den Jüngern – und damit nicht zuletzt auch zu uns, die wir heute das Evangelium lesen und betrachten. Es ist das Gesetz der Nachfolge Christi, das für alle Menschen und für alle Zeiten gilt.

Der Ruf in die Kreuzesnachfolge zeigt dabei immer nur den Weg, den wir gehen sollen, nicht das Ziel. Die ersten zwei Imperative: „er verleugne“ und „er nehme sein Kreuz auf sich“, also Selbstverleugnung und Bereitschaft zur Nachfolge, sind nicht zwei völlig verschieden nebeneinander stehende Bedingungen für die Nachfolge Christi. Selbstverleugnung wird vielmehr erst dadurch konkret und verwirklicht, indem ich Christus folge, indem ich täglich das Kreuz auf mich nehme.

Das Wort Selbstverleugnung hört sich heute für uns zunächst etwas seltsam an, weil ja eigentlich jeder gerade „sich selbst verwirklichen“ will. Und dieses Bestreben ist an sich ja auch nichts Schlechtes. Was aber meint Jesus, wenn er dazu auffordert, sich selbst zu verleugnen? Es geht um ein entschlossenes Nein zum eigenen Ich, also zum eigenen Egoismus, zu diesem „Sein wollen wie Gott“, zum alles selber bestimmen und nicht von Gott abhängig sein wollen. Selbstverleugnung im biblischen Sinn aber bedeutet: Ich folge Christus nach und nicht mir. Prof. Schlier erklärt dieses Wort folgendermaßen: Mich im radikalen Verzicht auf mich selbst, nicht nur auf meine Sünden, preisgeben. In Entschlossenheit den eigenen Tod ergreifen. Das also ist die Bedeutung des griechischen Wortes „sich selbst verleugnen“. „Sein Kreuz auf sich nehmen“ meint hingegen ganz konkret das Anheben und Aufheben des Kreuzespfahls, den der Verurteilte zur Gerichtsstätte tragen musste. Auf unser Leben übertragen heißt das: Wir sollen das Kreuz, das uns täglich in unserem Beruf und in unserer Berufung, ja in unserem ganzen Leben widerfährt, nicht einfach nur ein bisschen anheben und dann gleich wieder fallen lassen, sondern es auf unsere Schulter heben und wirklich tragen. So wie die Verurteilten, sollen auch wir uns nicht gegen unser Kreuz wehren, sondern es ganz annehmen – und zwar „täglich“. D.h. die ganz konkreten Beschwerden und Bedrängnisse des Christenlebens oder auch die Nachstellungen um unseres Glaubens willen: Verfolgung, verlacht werden, verspottet werden, nicht verstanden werden. Eine ganz konkrete Aufforderung Jesu an mich. Der dritte Imperativ schließlich: „er folge mir nach“ meint ein Gehen auf dem Kreuzweg, den Jesus vorausging.

Das sind die drei Schritte in der Nachfolge Jesu:

  1. das entschlossene Nein zu meinem Ich;

  2. das Annehmen und Tragen des täglichen Kreuzes, das das Christenleben mit sich bringt und

  3. die persönliche Nachfolge Jesu auf meinem eigenen Kreuzweg.

„Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.“ (vgl. Vers 24)

Diese letzten Worte des heutigen Evangeliums machen noch einmal ganz deutlich, dass die Forderung des vorausgehenden Wortes auch die Bereitschaft zum Martyrium mit einschließt. Christus folgen kann auch ganz konkret bedeuten, den Weg nach Jerusalem, also in das wirkliche Martyrium zu gehen.

Wer sich aber der gefährlichen Situation der Nachfolge Jesu entziehen will, um sein Leben zu retten, wird im kommenden Gericht das Leben verlieren und das kommende ewige Leben nicht gewinnen. Jesus spricht dann denjenigen Mut zu, die sich vor dem eventuellen Martyrium fürchten, und macht deutlich: Ein solches Martyrium wird das wirkliche Leben nicht nehmen, sondern im Gegenteil über das Gericht hinaus das wahre Leben retten. Wer sich eingelassen hat auf die Christusnachfolge bis nach Jerusalem, vielleicht sogar bis in den konkreten Tod, wird das wahre Leben retten. Dass es wirklich um die konkrete Entscheidung für Christus und seine Nachfolge geht, wird durch das Wort „um meinetwillen“ deutlich.

In diesem Evangelium erklärt Jesus also zuerst den Inhalt des Messiastitels – verspottet, verfolgt, getötet, auferstanden usw. – , fordert dann aber seine Jünger und alle, die bei ihm sind, auf, mit ihm diesen Weg nach Jerusalem zu gehen mit all den Konsequenzen der Selbstverleugnung, des Aufnehmens des täglichen Kreuzes, ja der Christus-Nachfolge – wenn es sein muss bis in den Märtyrertod. Und da müssen auch wir uns wieder fragen: Ist mein Christsein wirklich das Christsein eines Jüngers, der bereit ist, Christus zu folgen, und ihm wirklich folgt mit allen Konsequenzen, über Selbstverleugnung und Aufnehmen des täglichen Kreuzes, bis hin zu dieser Bereitschaft: Herr, wenn du es willst, gibst du mir auch die Kraft, für dich mein Leben zu geben!?