Mi., 13. Juli 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

16. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Martha and Mary Magdalene, by Michelangelo Merisi da Caravaggio (ca. 1598)

Bibelstellen


Lukas 10,38-42

Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

Biblische Predigten


„Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf.“ (vgl. Vers 38)

Das vorliegende Evangelium wird manchmal falsch verstanden, so als würde der Dienst, in diesem Beispiel der der Marta, nicht gebührend anerkannt. Aber es geht um etwas anderes. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Hier kommt er nun mit den ihm nachfolgenden Jüngern in dieses Dorf und kehrt bei Bekannten ein. Und Marta nimmt ihn freundlich auf.

Betont ist hier zuerst wieder einmal, dass der Herr auf dem Weg nach Jerusalem ist. Für die Menschen ist immer wieder wichtig, dass Jesus bei ihnen einkehren darf, auch aufgenommen wird. Jesus kommt hier als der Herr zu diesen Geschwistern. Wenn er selber kommt, was ist dann noch wichtig? Denn: Was ist seine Sendung? Warum kommt er? Er kommt ja nicht, weil er ein Mittagessen braucht, sondern er kommt, um Hörende zu finden, denen er das Reich Gottes verkünden kann.

„Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ (vgl. Vers 39-40)

Jesus sucht also Hörer. Er fängt sofort an zu verkündigen und will ihnen etwas mitteilen. Das Essen hätte man ja nachher bereiten können. Marta aber ist von ihrer Arbeit so in Anspruch genommen, dass sie sich aufregt, weil ihre Schwester Maria nur dasitzt und zuhört. Sie verlangt von Jesus, dass er sie zurechtweist.

Hier sind zwei entgegengesetzte Verhaltensweisen dargestellt, nämlich: „hören“ auf der einen und „allzu sehr beschäftigt sein“ auf der anderen Seite. Im griechischen Originaltext kommt noch deutlicher zum Ausdruck, dass Marta praktisch in alle Richtungen schaut: Sie hat ihre Augen überall und ist innerlich zerrissen, ganz unruhig, weil sie ja bei Jesus und Maria mithören und gleichzeitig arbeiten will. Marta vermischt dabei alles so, dass sie letztendlich die Botschaft Jesu nicht aufnehmen kann.

Das ist ein ganz entscheidender Hinweis auch für uns heutige Christen, die wir manchmal das an sich durchaus richtige und wichtige Tun im Reich Gottes so sehr übertreiben, dass wir gar nicht mehr auf die Botschaft Jesu hören. Ich bin manchmal geradezu erschüttert, wenn ich manche besonders aktive Katholiken erlebe, die sich in Pfarrei in allen möglichen Bereichen engagieren. Wenn man mit ihnen aber auf den Glauben zu sprechen kommt, stellt man oft fest, dass sie darüber kaum Kenntnisse haben. Ansonsten lebt man ganz weltlich orientiert und kann oder will tiefere geistliche Dinge gar nicht nachvollziehen. In solchen Situationen und Gesprächen wird mir bewusst: Durch das viele Tun im Reich Gottes verbaut man sich den Zugang zum Wesentlichen, nämlich zur Botschaft Jesu, zum Wort Gottes und zu dem, was geistliches Leben – aus dem der Dienst überhaupt erst kommen kann! – ausmacht. Marta aber versieht ihren Dienst, bevor sie das Wort aufgenommen hat. Diese Gegenüberstellung von Contemplatio und Actio ist sehr wichtig: Ich muss immer zuerst empfangen, um geben zu können. Im Reich Gottes geht es um Vermittlung von Gnade und Erlösung in allen unseren Diensten, aber ich kann nur weitergeben, was ich empfangen habe. Wenn ich selber nicht mehr bete, kann ich zu den Menschen nicht mehr von Gott reden. Nur wenn ich selber von Gott empfange – indem ich bei ihm bin, im Gebet verweile und mir Zeit nehme für die Betrachtung – nur dann kann ich etwas weitergeben. Sonst bleibt meine Verkündigung ganz oberflächlich und kann kein Menschenherz entzünden oder entflammen. Das ist also hier die entscheidende Gegenüberstellung: Marta hätte ja zuhören und anschließend gemeinsam mit ihrer Schwester noch ein Essen zubereiten können. Aber sie will beides gleichzeitig machen, und das hat nicht funktioniert.

Maria hingegen hört Jesus ganz zu. Bevor das Mahl bereitet ist, sitzt sie wie eine Schülerin zu Jesu Füßen. Sie hört einfach auf sein Wort, denn dazu ist er ja gekommen. Marta aber ist das Kontrastbild zu Maria, die ruhig lauschend zu Füßen des Kyrios sitzt. Marta ist als Gastgeberin so sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, dass sie schließlich ganz außer sich gerät und sogar von Jesus, dem Gast, gereizt verlangt, dass er seine Zuhörerin Maria zur Arbeit „abkommandieren“ soll, was ja eigentlich sehr taktlos von ihr ist. Denn Jesus ist ja eigens gekommen, um zu ihnen vom Reich Gottes zu sprechen. Er will ihnen etwas bringen. Das ist ihm wichtiger als etwas zu bekommen. Und jetzt soll er gerade die, die auf ihn eingeht, fortschicken. Entsprechend klar fällt auch die Antwort Jesu aus.

Auch hier sollten wir uns selbst wieder befragen. Auch ich erlebe immer wieder, dass solche „Superaktivisten“ im Reich Gottes auf andere Christen, die sich auch Zeit zum Gebet und zur Contemplatio nehmen, verächtlich herabschauen und argumentieren, man müsse im Reich Gottes etwas tun, Arbeit sei auch Gebet usw., aber so ist es eben nicht! Arbeit ist nicht Gebet! Wenn wir nicht beten, wird auch unsere Arbeit nicht zum Gebet. Wenn wir uns jedoch Zeit nehmen für Gott, dann wird auch unser Tun im Reich Gottes, sei es an unserem Arbeitsplatz oder sei es in unserer Gemeinde, vom Gebet begleitet sein und kann zum Ausdruck der Liebe zu Gott werden, also zu einem Gebet. Aber es ersetzt nie die Zeit des Gebetes! Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen! Hier wird aber auch sehr klar und deutlich: Es geht jetzt nicht um die Verachtung der Tätigkeit des Dienstes der Marta. Es geht um ihre übertriebene Sorge und darum, dass sie überhaupt nicht hören kann, weil sie sich die Zeit dazu nicht nimmt.

„Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ (vgl. Vers 41-42)

Jesus befolgt also die Aufforderung Martas, Maria fortzuschicken, damit sie ihr hilft, nicht. Aber er spricht ein sehr entscheidendes und eindringliches Wort zu Marta: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.“ Er wertet ihr Tun im Letzten und Tiefsten nicht ab, aber die Art und Weise aber, wie sie es tut, das wertet er ab, ihre unnötigen und übertriebenen Sorgen. Jesus tadelt dieses Sich-Verlieren an so vielerlei. Diesem unnützen Vielerlei stellt er das eine Notwendige gegenüber: auf die Botschaft Jesu zu hören, auf Gott zu hören, Zeit zu haben für Gott. Darum lobt Jesus das Verhalten Marias, die „das Bessere gewählt“ hat. Denn im Wort Gottes empfängt der Mensch das Erbe des ewigen Lebens. Noch einmal: Es geht nicht um die Gegenüberstellung einer besseren Verhaltensweise gegenüber einer weniger guten. Zum Hören des Wortes des Herrn gibt es keine konkurrenzfähige Alternative, da es dabei um das ewige Leben geht!

Überdenken auch wir einmal unser Leben neu anhand dieses Evangeliums! Wer sind wir im Hinblick auf das Wort Gottes – Marta oder Maria?