Mi., 3. August 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

19. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

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Bibelstellen


Lukas 12,32-48

Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben. Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie. Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen? Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen. Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Biblische Predigten


„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (vgl. Vers 32)

Auch heute haben wir es wieder mit einem sehr ernsthaften Evangelium zu tun. Wir hören ja immer wieder vom plötzlichen Tod eines Menschen, sei es durch einen Unfall oder dass ein lieber Verwandter eines Morgens einfach tot im Bett liegt. Durch solche Erlebnisse werden wir immer wieder wachgerüttelt und daran erinnert, dass es auch uns jederzeit treffen kann.

Jesus sagt uns dazu ganz klar: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ Und diese kleine Herde – das sind natürlich wir. Wir sollen uns nicht fürchten, denn der Herr sichert uns das Königreich zu. Das ist das, was uns unwahrscheinlich prägt und Freude macht.

„Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ (vgl. Vers 33-34)

Die anschließende Aufforderung Jesu: „Verkauft und geht!“ (wie es im Griechischen genauer übersetzt heißt) dient nicht dazu, uns den Himmel erst aufzuschließen, sondern eigentlich nur seiner Verschönerung, denn den Himmel bekommen wir ja geschenkt. Der Herr will uns überraschen. Er will uns etwas Herrliches geben, das wir uns nie selber verdienen können. Wenn er uns auffordert: „Verkauft eure Habe und gebt den Erlös den Armen!“, dann sollen wir uns dadurch nicht den Himmel verdienen, sondern frei werden, jederzeit in die Herrlichkeit des Himmels abgerufen zu werden.

Sammelt nicht, sagt Jesus, in löcherige Beutel, bei denen alles praktisch wieder hinausfällt. Das ist das irdische Sammeln und Denken. Legt euch statt dessen Vorräte im Himmel an, d.h. tut Gutes! Ihr habt Arme unter euch. Ihr könnt immer Gutes tun, überall auf der Welt und zu allen Zeiten.

Und dann eine ganz wichtige Aussage und ein wunderbarer Ausdruck: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Die Schätze auf Erden werden hier interessanterweise in der Mehrzahl genannt, der Schatz im Himmel aber in der Einzahl. Das Irdische ist Vielheit und Zersplitterung. Das Himmlische ist ein einheitliches Ganzes. Und natürlich soll unser Schatz beim Herrn sein, in seiner Herrlichkeit. Deshalb sagt Jesus: Seid bereit! Legt das alles ab! Hängt euch an nichts! Lasst euch nirgendwo binden, sondern seid einfach immer bereit, sozusagen jederzeit „abholbar“.

„Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft! Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie.“ (vgl. Vers 35-38)

Weil es auf die Hochzeit des Lammes zugeht, sollen auch wir gegürtet sein, d.h. einfach bereitstehen und warten. Wir sollen gerüstet gehen oder auch gerüstet zu arbeiten versuchen, denn der Herr kann uns auch während der Arbeit abrufen, je nachdem, was er mit uns vorhat. Es geht also um beides: um das Tätigsein des Jüngers und um das Wachen. Der Jünger ist tätig und setzt sich ein. Er setzt sich nicht einfach untätig hin, sondern kämpft für das Reich Gottes. Aber er ist immer auch bereit, sofort vom Herrn angerufen zu werden.

Deshalb ist Wachen ein Herzenszustand, ein innerer Zustand in Erwartung des Herrn. So, wie wir uns manchmal nach einer Begegnung mit bestimmten Menschen sehnen und schon ganz gespannt darauf sind; so sollen wir auch auf die Ankunft des Herrn warten, wo wir etwas bekommen, das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat. Das muss spannend werden, wenn wir unsere Angehörigen und Freunde wieder sehen, die vielen erkennen und eine Fülle des Lebens erleben, die wir uns jetzt noch gar nicht richtig vorstellen können. Warum lassen wir uns nicht innerlich immer mehr begeistern, wenn wir an dieses Ziel denken? Wir wachen und warten auf etwas Einmaliges und Endgültiges. Und findet der Herr den Diener wachend, so bedient er selbst ihn mit der Speise, die der Diener dem Herrn bereitet hat. Der Herr selbst wird mich bedienen. Das bedeutet ewiges Leben. Wir werden unendlich beschenkt.

Je mehr sich die Ankunft des Herrn verspätet, umso dankbarer ist der Herr, wenn wir wachend anzufinden sind. Jesus spricht dabei interessanterweise nicht von der ersten und vierten Nachtwache, sondern von der zweiten und dritten Nachtwache. Das bedeutet, dass mit seiner Ankunft nicht zu schnell und auch nicht zu spät gerechnet werden kann. Wir wissen nicht, zu welcher Stunde der Herr kommt, ob in der zweiten oder dritten Nachtwache, aber wenn er uns wach findet, dann gilt auch für uns: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt.“ Seien wir also einfach bereit!

„Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (vgl. Vers 39-40)

Diese Stelle weist auf die Gefahr hin, dass zwischen diesen Nachtwachen die Versuchung, einzuschlafen, wohl am stärksten ist. Man rechnet nicht mehr mit ihm. Man weiß, er kommt, aber man rechnet heute nicht mehr damit. Aber der echte Knecht, von dem Jesus hier spricht, der stets bereit ist, verliert das sehnsüchtige Verlangen nach der Wiederkunft des Herrn nicht, Das erleuchtete Haus in der dunklen Nacht ist das Bild für das „Erwarten des Herrn“; es ist gleichsam die Brautgemeinde, die wachende Kirche, die auf die Ankunft des Bräutigams wartet.

In diesem zweiten Gleichnis vom Dieb, der bei Nacht kommen und einbrechen könnte, wird die Notwendigkeit des Wachens und die Gefahr sorgloser Sicherheit erläutert. Der Knecht wird als Hauseigentümer geschildert. Der Herr kommt also nicht nur als einer, der alles ersetzt, sondern auch wie ein Dieb, der alles nimmt, was man für sich noch festgehalten hat. Jesus spricht von keinem bestimmten Zeitpunkt, sondern nur vom treuen Warten. Vielmehr sollen wir uns um den Zeitpunkt gar nicht kümmern.

„Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen? Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen“ (vgl. Vers 41-46)

Auf die Frage des Petrus, wer mit diesem Gleichnis gemeint ist, macht Jesus deutlich: Wir alle sind gemeint. Jeder soll sich ernstlich prüfen! Der Haushalter ist in diesem Gleichnis zugleich der Knecht, der über die Dienerschaft gesetzt ist. Es geht einfach um die Treue. Denn wenn der Verwalter treu war, gewartet hat und wirklich auf dem Sprung war, wird der Herr „ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.“ Das aber ist das ewige Leben.

Der treue Verwalter weiß, dass er Knecht bleibt. Der untreue Verwalter hingegen spielt sich als Herr auf, wie es Jesus dann schildert. Er lebt seine ehrsüchtigen Neigungen aus – schlafen, essen, trinken, berauschen usw. – und wird plötzlich vom Herrn angerufen, wenn er gar nicht mehr damit rechnet. Die Ausrede dieses Knechtes aber ist: „Mein Herr kommt noch lange nicht zurück.“ Doch da sollten wir uns nicht täuschen lassen, das sagt Jesus hier ganz deutlich.

„Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.“ (vgl. Vers 47-48)

In diesen beiden Versen ist jetzt nicht mehr vom Wachen die Rede, sondern vom Gehorsam. Interessant ist dabei die Unterscheidung zwischen dem Knecht, der den Willen des Herrn kennt und nicht danach handelt, und demjenigen, der falsch handelt ohne den Willen des Herrn zu kennen. Denn damit ist auch die Frage des Petrus: „Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen?“ eindeutig beantwortet. Wir alle sind gemeint!

Aber diejenigen, die den Willen des Herrn kennen, stehen in besonderer Verantwortung: Wer den Willen des Herrn kennt und nicht tut, der muss mit einigem rechnen. Wer den Willen des Herrn aber nicht kennt und nicht tut, dem wird es nicht so schlecht gehen. Letzterer wird zwar auch Schläge bekommen, wie es im Bild heißt, aber nicht in dem Maße wie der erste Knecht. Es geht also um die Gerechtigkeit des Herrn. Der Herr ist gerecht.

Abschließend unterscheidet Jesus dann zwischen dem, was gegeben, und dem, was anvertraut wurde: „Wem viel gegeben wurde,“ – im Griechischen heißt es „edotè“ (εδοθη) = geschenkt – „von dem wird viel zurückgefordert werden“. Aber „wem man viel anvertraut hat“ – im Griechischen heißt es „paretento“ (παρεθεντο), also zur Verwaltung, zur Aufbewahrung –  „von dem wird man um so mehr verlangen.“ Wem also etwas geschenkt wurde, von dem wird nur das Geschenkte wieder zurückverlangt, also das Kapital. Wem aber zur Aufbewahrung mehr anvertraut ist, von dem wird auch mehr zurückverlangt, nämlich Kapital und Zinsen. Das erinnert uns an ein anderes Gleichnis vom Knecht, der sein Talent vergraben hat, statt es auf die Bank zu bringen, damit es Zinsen abwirft. Das genau ist gemeint. Mit dem, was der Herr uns gegeben hat, sollen wir in unserem wirklichen Leben umgehen. Damit sollen wir arbeiten und im guten Sinne wuchern. Hier ist auch die Gerechtigkeit Gottes ganz wunderbar ausgesprochen. Wem Gott viel gibt, von dem verlangt er auch viel. Und wenn jemand den Willen Gottes kennt und bewusst dagegen handelt, ist das etwas ganz anderes als wenn er den Willen Gottes nicht kennt und unbewusst dagegen handelt.

Wir aber kennen den Willen Gottes. Wir können uns nicht mehr herausreden. Aber eigentlich ist das ja positiv zu verstehen: Wir können nach diesem Willen Gottes handeln. Wir dürfen als Wartende in diesem Hause wohnen. Wir erfüllen unsere Aufgabe ohne Hektik und tun, wozu Gott uns berufen hat. Wir sind einfach Wartende und größte Glück unseres Lebens ist das das Kommen des Freudenboten, so wie eine Braut wartet, bis endlich der Bräutigam kommt. Darauf will uns Jesus hier vorbereiten. Denken wir noch einmal an den Anfang des Evangeliums: Lassen wir wirklich alle los, was uns bindet an diese Erde, was uns belastet und an diesem Warten hindert, sodass wir nicht zur Hochzeit gehen können! Bereiten wir statt dessen mit allem einen Schatz im Himmel, d.h. tun wir Gutes mit allem, was uns geschenkt und anvertraut ist, seien es geistige Güter, seien es materielle Güter, sei es mit unserer Arbeitskraft usw. Tun wir es einfach aus der Liebe zum Herrn, aus der Liebe zu Jesus. Dann haben wir nicht viele Schätze, die uns innerlich auseinanderreißen, sondern bekommen den einen Schatz, der uns ganz erfüllt! Dieser eine Schatz zerreißt uns nicht, sondern er vereint uns und wir sind dann wirklich diese wartende Braut Kirche, die auf das Kommen des Herrn wartet.

Gerade heute, wo man immer wieder vom plötzlichen Tod eines Menschen hört, sollte uns das Wort des heutigen Evangeliums mitten ins Herz zu treffen: Natürlich können wir jederzeit abberufen werden, aber es sollte nicht überraschend sein. Es sollte vielmehr etwas Erwartetes sein. Das will Jesus. Er will keine Menschen empfangen, die gar nicht zu ihm wollen. Er will uns mit Freuden empfangen.