Mi., 12. Januar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

2. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

The Wedding at Cana. Ⓒ Picture by Lawrence OP on Flickr. Mosaic by Fr Marko Rupnik SJ from the National Shrine of St John Paul II.

Bibelstellen


Johannes 2, 1-11

Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.

Biblische Predigten


„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.“ (vgl. Vers 1-2)

Jesus ist nach der Taufe im Jordan, wo er mit dem Hl. Geist gesalbt wurde, wieder nach Galiläa, in die Gegend seiner Heimat, seiner Herkunft zurückgekehrt. Und dort findet nun in Kana – das ist unterhalb von Nazareth – eine Hochzeit statt. Sicher war Jesus auch auf anderen Hochzeiten von Bekannten eingeladen. Warum berichtet uns Johannes nun ausgerechnet von dieser Hochzeit? Wir müssen immer bedenken, dass es sich hierbei um das Wort Gottes handelt und Johannes uns mit der äußeren Schilderung der Ereignisse dieser Hochzeit eigentlich eine viel tiefere Botschaft geben möchte.

Es ist zunächst einmal interessant, dass Johannes im ersten Kapitel nach dem Prolog gewissermaßen eine ganze „Arbeitswoche“ Jesu schildert: Erzählt wird ab dem Sabbat, also einem Samstag. Es heißt dann: „Am andern Tag…“, also Sonntag, stand Jesus am Jordan usw. Und ein paar Verse weiter wiederholt sich dreimal die Formulierung: „Am Tag darauf…“, so dass wir einen Überblick darüber erhalten, was Jesus jeweils am Montag, Dienstag und Mittwoch getan hat. Dann heißt es hier: „Drei Tage später…“, d.h. die Hochzeit findet also an einem Freitag statt. Warum berichtet uns Johannes nun so relativ ausführlich über die ganze Woche bis zur Hochzeit und warum findet die Hochzeit ausgerechnet an einem Freitag statt? Dieser Freitag erinnert an den Karfreitag, an die große Hochzeit des Lammes, bei der sich Jesus mit Maria, seiner Braut, unter dem Kreuz als der Blutbräutigam vermählt. Vor diesem Hintergrund also müssen wir auf die Botschaft des heutigen Evangeliums hören.

„Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!“ (vgl. Vers 3-5)

Nachdem der Wein ausgegangen ist, sagt die Mutter Jesu zu ihm einfach nur: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Diese Feststellung enthält aber natürlich auch eine Aufforderung an Jesus. Dieser jedoch reagiert mit einer ganz eigenartigen Frage: In der Einheitsübersetzung steht hier: „Was willst du von mir, Frau?“ (V. 4) Im Griechischen aber heißt es wörtlich: „Was ist dein, was ist mein?“ Gemeint ist hiermit: Was ist deine Sache, Maria, als meine natürliche Mutter – und was ist meine Sache als Messias? Denn wenn Maria Jesus darauf hinweist, dass kein Wein mehr da ist, so müssen wir davon ausgehen, dass es in der ganzen Gegend keinen Wein mehr gibt, sonst hätte man ihn ja schnell herbeiholen können. Und dazu hätte man Jesus nicht gebraucht. Wenn es also keinen Wein mehr zu holen gibt, so erbittet Maria von Jesus etwas anderes, also etwas Messianisches oder – anders formuliert – ein Wunder. Deshalb antwortet Jesus ihr mit dieser Frage: Was ist deine Sache als meine natürliche Mutter? Du bittest mich ja nicht um etwas Natürliches. Wenn du mich gebeten hättest, mit meinen Jüngern in der nächsten Ortschaft Wein zu holen, dann wäre das in der natürlichen Ordnung gewesen. Du aber bittest mich um etwas Übernatürliches. Aber das ist nicht deine Sache, sondern meine als Messias.

Und dann stellt er fest: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ (V. 4) Jesus spricht ja öfters von seiner Stunde. Diese seine Stunde ist die Stunde seines Todes und seiner Auferstehung. Bevor diese Stunde nicht gekommen ist, hat niemand Macht über ihn. Niemand kann ihn verfolgen oder gar ausschalten. Das werden wir dann in den Evangelien der nächsten Sonntage in Nazareth genauer sehen.

Interessant ist nun die Reaktion Marias auf diese scheinbare Zurückweisung durch ihren Sohn: Sie sagt zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!“ (V. 5) D.h.: Wenn er euch nichts sagt, dann tut nichts, wenn er euch etwas sagt, dann tut es. Sie überlässt also alles vollkommen Jesus. Hier kommt bereits diese Haltung Mariens, der Braut bzw. der Kirche, zum Ausdruck. Das ist die bereits eingangs erwähnte Parallele zum Karfreitag: So wie hier in Kana wird Jesus Maria auch am Karfreitag unter dem Kreuz mit „Frau“ anreden. Auch dort steht Maria als die Frau, als die Braut unter dem Kreuz. Das ist das Entscheidende an dieser Stelle. Und darum werden bei dieser Hochzeit die wichtigsten Leute, nämlich Braut und Bräutigam, gar nicht erst genannt, was ja sehr auffällig ist. Aber diese Hochzeit von Kana ist eben nur der Hintergrund, entscheidend ist das Verhältnis von Jesus und Maria. Und was hier nur im Bild angedeutet ist, wird dann am Karfreitag unter dem Kreuz vollendet, wenn Maria, die Braut, wieder den Bräutigam um den Hochzeitswein bittet: um sein Blut und seine Hingabe.

„Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt.“ (vgl. Vers 6-10)

Wein ist in der Heiligen Schrift der Ausdruck des Überflusses. Darum versuchen die Diener, die Krüge bis zum Rand zu füllen, denn Gott gibt immer maßlos. Der heilige Vinzenz Pallotti sagt: Gott gibt immer maßlos und würde das Geschöpf kein Hindernis setzen – und wir haben viele Hindernisse in uns: Zweifel an Gott, mangelndes Vertrauen, mangelnder Glaube oder Sünden – so würde sich Gott in einem unendlichen Maß in das Geschöpf ergießen. Diese Maßlosigkeit also wird hier durch das Bild vom Gefäß, das randvoll mit Wein gefüllt ist, wunderbar ausgedrückt: Gott gibt maßlos.

Es geht hier also um viel mehr als um gewöhnlichen Wein bei einer gewöhnlichen Hochzeit. Es geht um dieses maßlose Geben Gottes, um das, was dann unter dem Kreuz und aus dem Kreuz, aus der Erlösung Jesu durch Maria, der Vermittlerin aller Gnaden, in die Welt strömt. Maria ist die Erstbraut, die Mutter der Kirche. Sie steht unter dem Kreuz und bittet um den Hochzeitswein, d.h. um die Gnade Gottes, die ohne Maß gegeben werden soll. Und so steht auch die ganze Kirche, die ja die Braut Christi ist, immer wieder unter dem Kreuz des Bräutigams und bittet ihn um den Hochzeitswein. Wir alle bitten um die Fülle, um die Maßlosigkeit seiner Barmherzigkeit, seiner Gnade und seiner Liebe für die Menschen, besonders für all die Menschen, die ihn noch nicht kennen. Hier ist etwas so Wunderbares ausgedrückt.

Und hier spüren wir auch diese Doppelbödigkeit des Johannes: Er benutzt diese Hochzeit von Kana und bereitet sie gewissermaßen schon vor, indem er zeigt, was Jesus all die Tage vorher getan hat, sodass deutlich wird: Dieser Freitag, dieser Tag der Hochzeit, ist kein gewöhnlicher Freitag. Er ist der absolute Höhepunkt der Woche und weist so über sich hinaus auf etwas Größeres, nämlich auf den Karfreitag. Deshalb auch dieser Titel der „Frau“, mit dem Jesus Maria nur an diesen beiden Stellen, in Kana und unter dem Kreuz, anredet. Und dies ist auch der Titel der Frau in der Genesis und der Frau in der Apokalypse, der Braut des Lammes. Maria ist somit die „Frau“ schlechthin.

Gleichzeitig zeigt Maria aber auch, wie wir als Kirche, als Braut Christi, uns Christus gegenüber verhalten sollen: „Was er euch sagt, das tut!“ Wie oft sind wir – auch im kirchlichen Bereich, in der Pastoral – so richtig aktiv und versuchen alles selber zu machen und zu regeln. Es wird so viel gerannt und geschuftet, organisiert und gespielt – und trotzdem sind wir in Europa gewissermaßen eine sterbende Kirche. Derzeit sind z.B. nur noch 5,5 % der Deutschen, d.h. ca. 4,5 Mio. Menschen, laut einer Umfrage aktive Katholiken. Darum ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die, so wie Maria, als Braut Christi noch unter dem Kreuz stehen, unaufhörlich um diesen maßlosen Preis, um diese maßlose Gabe Gottes bitten: das Blut Christi. Wir sind erlöst durch sein Blut. Das ist der Hochzeitswein, um den die Braut den Bräutigam bittet.

In einer Kirche in Norddeutschland gibt ein Kirchenfenster, das Christus am Kreuz und Johannes und Maria unter dem Kreuz zeigt und dann noch eine Frau, die mit dem einen Arm Jesus am Kreuz umfängt und ihm mit dem andern gleichsam das Schwert in die Seite stößt. Das ist die Braut Christi, die Kirche, die gleichsam sein Herz öffnet und den Hochzeitswein bittet, d.h. um die Fülle des Heils, um sein erlösendes Blut. Das ist der Hintergrund dieses wunderbaren Geschehens in Kana. Und derjenige, der den Wein kostet, sagt ja selber: Den guten Wein, also das Beste vom Besten, hast du aufbewahrt. Und in der Tat hat Gott genau das für uns getan, für unsere Zeit, in der wir jetzt leben. Das ist ein wunderbares Geschenk, das wir viel mehr schätzen sollten.

„So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ (vgl. Vers 11)

Bei der Hochzeit zu Kana tut Jesus also sein erstes Zeichen und dies nach der Taufe im Jordan. Vorher tat er keines dieser Zeichen, denn er hatte ja seine Gottheit abgestreift, wie es im Philipperbrief heißt. Er war zwar Gott und Mensch in einer Person, hat aber die Gottheit, also die Fähigkeiten und Eigenschaften Gottes, nicht in Anspruch genommen, sondern es ist vielmehr der Heilige Geist gewesen, der die Menschennatur Jesu als sein Werkzeug benutzte. Der Geist Gottes gab ihm zu erkennen, was die Menschen in den Herzen bewegt und der Geist Gottes war es auch, der durch ihn die Heilungen und die Totenerweckungen usw. bewirkte, so wie wir es auch bei den Heiligen bis in unsere Zeit erleben können. Das ist das Wirken des Geistes Gottes und so hat jetzt dieser Geist Gottes als erstes Zeichen nach der Salbung im Jordan das Zeichen in Kana gewirkt. Und es ist eben nicht ein bloß nebensächliches Zeichen, sondern es will etwas sehr Tiefes auf die Zukunft hin ausdrücken, nämlich auf den Karfreitag hin. Diese Bedeutung des Wunders von Kana bleibt auch für uns heute.

Auch wenn Jesus bereits hier seine Herrlichkeit offenbart und die Jünger an ihn glauben, so bleibt dies letztlich doch nur angedeutet und unvollendet. Denn die endgültige Offenbarung der Herrlichkeit Jesu erfolgt erst, als seine Stunde gekommen ist, nämlich in Tod und Auferstehung. Und die Frucht dieses Todes und dieser Auferstehung ist die Sendung des Hl. Geistes. Da erst erkennen die Jünger im tiefsten Sinn die Herrlichkeit Jesu und wer er wirklich war. Dann erst erkennen sie sein Wort und verstehen es. Denn dann erst hat der Geist Gottes sie auf Grund der Erlösung, auf Grund des Todes Jesu und seiner Auferstehung in die ganze Wahrheit eingeführt. Sie haben „… seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) ∎