Mi., 17. August 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

21. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Ⓒ Photo by Danilo Chacaguasay from Pexels.

Bibelstellen


Lukas 13,22-30

Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.

Biblische Predigten


„Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte. Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ (vgl. Vers 22-23a)

Auch heute haben wir es wieder mit einem sehr interessanten Evangelium zu tun. Wenn wir das Wort Gottes, das wir an jedem Sonntag hören, ernst nehmen, dann haben wir gewissermaßen eine Art Geländer, an dem wir uns in unserem alltäglichen Leben orientieren können. So wesentlich sind die Evangelien.

Jesus ist auf seinem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg zu Tod und Auferstehung. Er zieht dabei von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrt, denn er will die Botschaft vom Heil allen Menschen bringen. In dieser Situation kommt jemand auf ihn zu und fragt: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ Das nämlich ist eine brennende Frage all derer, die ihm auf seiner Wanderung folgen. Zur Zeit Jesu gab es dazu zwei gegensätzliche Auffassungen: Die Pharisäer lehrten, dass ganz Israel an der zukünftigen Welt Anteil habe. Andere Kreise glaubten, dass nur wenige daran Anteil hätten. Viele würden verloren gehen. Von daher wird die Dringlichkeit der Frage des Mannes verständlich: „Sind es nur wenige, die gerettet werden?“

Der Fragende spricht Jesus als Kyrios, als Göttlicher Herr, an und spricht ihm mit diesem Titel gleichzeitig auch die Autorität zu, in dieser Frage des Heiles und der Endzeit eine entsprechende Antwort zu geben.

„Er sagte zu ihnen: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid.“ (vgl. Vers 23b-25)

Jesus aber gibt keine direkte Antwort, sondern er nutzt diese Frage, um über das Notwendige zu sprechen, das zu tun ist. Er entscheidet die Frage, ob viele oder wenige gerettet werden, nicht, denn der Fragende sucht in den Zahlen wohl nur eine Absicherung für sich selbst, nach dem Motto: Wenn sowieso alle gerettet werden, dann komme ja auch ich in den Himmel. Dieser Gedanke findet sich auch heute in manchen Fragen und Aussagen zum Thema: Wenn alle in den Himmel kommen, dann muss ich nichts mehr dafür tun, denn dann bin ja auch ich dabei. Und wenn es nur ganz wenige sind, wozu soll ich mich dann anstrengen, denn dann komme ich sicher auch nicht rein. Diese Rechenexempel aber motivieren nicht, sondern sie hindern uns vielmehr daran, das eine Notwendige, von dem Jesus spricht, zu tun: die Umkehr der Menschen und ihre Entscheidung für Gott. Deshalb gibt Jesus auf diese Frage keine direkte Antwort, sondern ruft zur Entscheidung für das gegenwärtige Angebot Gottes auf. Das ist das Notwendige.

In seiner Antwort vergleicht Jesus das endgültige und endzeitliche Heil mit einem Mahl, und die Tür zu diesem Festmahl ist eng. Im Griechischen heißt es dann wörtlich: „Kämpft, damit Ihr hineinkommt“, und nicht nur, wie in der Einheitsübersetzung zu lesen ist: „bemüht euch mit allen Kräften … versucht hineinzukommen,“ Es heißt also wörtlich: „Kämpft“ – „agonizomai“( αγωνιζομαι) - davon ist das Wort Agonie, der Todeskampf, abgeleitet. Es handelt sich also um einen Todeskampf, um einen Kampf ums Leben. Wir müssen wirklich um dieses ewige Leben kämpfen. So heißt es auch bei Mt 11,12: „die Gewalttätigen reißen es [das Himmelreich] an sich. Jesus fährt dann fort: „Viele werden versuchen hineinzukommen und sie werden nicht stark sein.“ (griechischer Wortlaut) D.h., die Menschen versuchen hineinzukommen, aber vielleicht auf einem bequemen Weg, auf ihre Art und Weise. Sie versuchen vielleicht, in die Kirche zu gehen, aber sie halten sich an keine Gebote, nach dem Motto: Jeder wird nach seiner eigenen Fasson heilig.

Jesus geht es also um die äußerste Anstrengung, um das Aufgebot all unserer Kräfte. Wir sollen alles tun, was in unseren Kräften steht, damit Gott uns dieses großartige Geschenk des ewigen Lebens machen kann. Damit ist keine Überforderung gemeint, etwas Übermächtiges, das wir gar nicht leisten können, sondern wir sollen das Unsere tun. Jesus selbst kämpft diesen Kampf für uns stellvertretend am Ölberg – es ist ein Todeskampf, ein Kampf ums Leben. Und der Weg der Nachfolge ist der Weg der Rettung. Hier wird deutlich: Es geht in diesem Leben eben nicht um ein bequemes Zurücklehnen, sondern um Entscheidung. Dafür ist uns die kurze Zeitspanne unseres irdischen Lebens gegeben: uns für Christus zu entscheiden und die Erlösung anzunehmen. Das Ziel ist, das ewige Leben zu gewinnen, d.h. es uns von Gott schenken zu lassen. Aber wie viele Menschen leben lässig dahin, ohne sich um das Endgültige zu kümmern, für das wir eigentlich geschaffen sind? Das ist erschreckend, v.a. wenn es sich dabei um Christen handelt. Aber auch Nichtchristen haben doch Kopf und Verstand, sodass sie sich die Frage stellen können: Was ist der Sinn meines Lebens? Was kommt nachdem Tod? Warum existiere ich überhaupt? Ist meine Existenz nur reiner Zufall? Und in uns allen ist die Sehnsucht, zu leben und nicht zu sterben.

Bildhaft gesprochen geht es also über den Ölberg und Golgotha nach Jerusalem zur Auferstehung. Das ist der Kampf ums Leben. Und Jesus sagt ganz deutlich: Die enge Tür ist nur für bestimmte Zeit geöffnet; sie steht seit dem Leben und Sterben Jesu offen und wird bei seiner Wiederkunft wieder geschlossen. Der Ruf duldet daher keinen Aufschub, er drängt zur Entscheidung, denn wann der Herr kommt und die Tür verschließt, weiß niemand.

Diejenigen, die beim Kommen des Herrn draußen stehen, nennen ihn zwar „Herr“, Kyrios, aber es nützt nichts mehr, weil sie die offene Tür nicht genutzt haben. Sie haben sich in ihrem Leben nicht für Christus entschieden. Das aber muss ich tun, ich kann mich Christus gegenüber nicht neutral verhalten. Ich kann nicht sagen: Ich bin nicht gegen Christus, aber auch nicht für ihn, ich lebe einfach mein Leben. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ (Mt 12,30 u. Lk 11,23). An ihm muss sich jeder entscheiden, wie schon der alte Simeon gesagt hat. Das einmalige „jetzt“ ist dann gleichsam endgültig vorbei. Wenn diese Zeit des Heiles von der ersten bis zur zweiten Ankunft Jesu vorbei ist, bleibt nur noch das Gericht. Wer das Heilsangebot nicht angenommen hat, wird vom Herrn des Hauses nicht erkannt. Das sind schon harte Aussagen. Wenn man aber bedenkt, wie sich der Himmel um die Menschen bemüht – z.B. in den Offenbarungen der Schwester Faustyna, die Johannes Paul II. anerkannt hat, und die so etwas Wunderbares sind. Dieses Angebot der Barmherzigkeit Jesu für den größten Sünder; und in vielen anderen Angeboten, durch die der Himmel einbricht in diese Zeit, um uns zu erschüttern und uns bewusst zu machen, um was es geht – doch der Mensch kümmert sich nicht darum. Es ist wirklich erschreckend, wie lässig die Menschen mit ihrem Heil umgehen, wie gleichgültig und leichtsinnig sie ihre Ewigkeit aufs Spiel setzen.

„Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!“ (vgl. Vers 26-27)

Die draußen Stehenden weisen Jesus darauf hin: Wir haben doch mit dir gelebt. Aber sie haben eben sein Wort nicht ernst genommen und den Willen Gottes nicht getan. Ihr Rechtfertigungsversuch sollte auch uns zu denken geben: Wir sind vielleicht in die Eucharistie gegangen und haben mit Jesus – in diesem geistigen Sinne – gegessen und getrunken. Wir haben vielleicht am Sonntag die hl. Messe besucht, aber waren gar nicht bei der Sache, haben keine Beziehung zu Jesus hergestellt und vor allem nicht danach gelebt. Der Wille Gottes wurde nicht getan.

Weder die Zugehörigkeit zu seinem Volk Israel noch zur Kirche durch die Taufe oder eben zur Jüngergemeinschaft nützen, wenn nicht die Botschaft Jesu in der Tat vollzogen, sondern nur gehört wird. Mahlgemeinschaft mit Jesus, Taufe oder auch das Hören seiner Lehre retten nicht, wenn sie nicht verbunden sind mit dem Tatgehorsam gegenüber dem Wort Gottes und mit personaler Entscheidung für Christus. Darum ist es so entscheidend, dass wir die Menschen zu dieser wirklichen Entscheidung für Jesus hinführen, zu dieser echten Umkehr, in der sie sagen können: Jesus, du bist mein Leben. Dich nehme ich als meinen Herrn an. Mein Leben gebe ich dir. Das ist ganz entscheidend: Tatgehorsam gegenüber seinem Wort und personale Entscheidung für Christus.

„Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.“ (vgl. Vers 28-30)

In den letzten Versen des heutigen Evangeliums, in diesem Heulen und Zähneknirschen vor der verschlossenen Tür hören wir gleichsam den verzweifelten Schmerz der Ausgeschlossenen. Diese Ausgeschlossenen entdecken mit tödlichem Erschrecken, dass sie Gottes Gnade leichtfertig ausgeschlagen haben. Niemand kann dafür Gott anklagen, denn Gott hat es immer wieder allen angeboten, unaufhörlich.

Auch in unserer Zeit bietet Gott uns immer wieder seine Gnade an. Wie bekannt ist allein schon der Nachfolger des Petrus, der Heilige Vater mit seinen Botschaften in der ganzen Welt. Wer kennt sie nicht. Aber wie viele hören nicht auf ihn? Sie kümmern sich nicht um seine Worte, sondern haben sofort etwas zu kritisieren – auch Katholiken. Und Jesus sagt ganz klar zu den Aposteln und zu ihren Nachfolgern: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16).

Wie viele werden dann sagen müssen: Ja, wir haben dich gehört, aber getan haben wir nicht was du gesagt hast. Doch niemand kann Gott dafür verantwortlich machen, wenn selbst die Heiden von Norden und Süden, Osten und Westen in das Reich Gottes eingehen, weil sie Gott gesucht und gehört haben. Das Neue der Verkündigung Jesu ist eben, dass die Entscheidung über Heil und Unheil am Ende meines Lebens sich am Tun seines Wortes orientiert: ob ich das Wort nur höre oder auch tue, eben dieser Tatgehorsam und diese Entscheidung für ihn.

Aufrütteln sollte uns auch der letzte Vers: Manche von den Ersten werden die Letzten sein und umgekehrt. Wer aber ist mit den Ersten und Letzten gemeint? Erste, die vielleicht schon als Kinder getauft wurden, Erstberufene, die eigentlich von Kindheit auf von Christus gehört haben, aber sich überhaupt nicht mehr darum gekümmert haben, die werden vielleicht Letzte sein. Und Letzte, die kaum etwas von Jesus gehört haben, vielleicht erst gegen Ende ihres Lebens, sich dann aber ganz für ihn entschieden haben, werden Erste sein im Reich Gottes. An dieser Stelle müssen wir uns fragen, die wir vielleicht als Kinder getauft und religiös erzogen worden sind, die wir Religionsunterricht gehabt haben und alles über Gott erfahren haben, auch über die Quelle des Heils, die Sakramente – haben wir uns um das Wort Gottes gekümmert und danach gelebt? Haben wir uns wirklich für Christus entschieden und gesagt: Mein Leben gehört dir, Christus? Wenn nicht, so sind wir zwar Erste hier auf Erden, von Anfang an von Gott angerufen, und werden vielleicht im Reich Gottes doch Letzte sein. Und diese Letzten, von denen Jesus spricht, vielleicht alle möglichen, vielleicht sogar verbrecherische Menschen, die nicht religiös erzogen wurden und nichts von Jesus wussten, früher vielleicht sogar verbrecherisch gelebt haben – wenn sie plötzlich Jesus erkennen, umkehren und ganz entschieden für ihn leben, dann sind diese Letzten plötzlich die Ersten.

Es kommt also auf die Entscheidung für Christus und auf das Tun seines Wortes an. Prüfen wir uns immer wieder. Hier merken wir, wie uns diese Evangelien ins Mark gehen. An ihnen kann man nicht vorbeileben. Man kann sie nicht überhören. An ihnen müssen wir wachsen. Das sollten wir alle versuchen, und dabei so viele andere wie möglich mitnehmen.