Mi., 31. August 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

23. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

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Bibelstellen


Lukas 14,25-33

Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Biblische Predigten


„Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.“ (vgl. Vers 25-27)

Jesus ist noch immer auf dem Weg nach Jerusalem, wo ihn Tod und Auferstehung erwarten. Er geht also auf seine Stunde zu und bildet die ihm nachfolgenden Menschen zu seinen Jüngern aus, indem er ihnen sagt, was zu diesem Jünger-Sein dazugehört. Er stellt gewissermaßen Bedingungen, denn Nachfolge Christi ist nicht Sache der Masse, sondern eine persönliche Entscheidung Einzelner. Das wird in den Worten Jesu sehr deutlich: „Wenn jemand“ – nicht die Masse – „zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder… gering achtet.“ – auch hier steht immer die Einzahl.

Im Griechischen heißt es wörtlich „hassen“ statt „gering achten“, wie es in der Einheitsübersetzung steht. Jesus setzt aber hier keinesfalls das Gebot der Nächstenliebe oder der Elternehre außer Kraft. Hass ist das Gegenteil von Liebe und die Liebe des Jüngers zum Herrn muss so haushoch über der Liebe zur Familie stehen, wie die Liebe über dem Hass. Dennoch soll ich selbstverständlich meine Eltern ehren und lieben.

Die Nachfolge Jesu verlangt sogar die Bereitschaft zum Tod und damit totales Loslassen aller menschlichen Bindungen. Darum sagt Jesus ganz klar: Wer nicht „sogar sein Leben gering achtet“ – hier wieder verstanden im Sinne von „hassen“ – „der kann nicht mein Jünger sein.“ Und: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Jesus ist ja auf dem Weg nach Jerusalem, wo ihn das Kreuz erwartet, und sein Jünger soll mit seinem Kreuz hinter Jesus hergehen, d.h. er soll auch die Bereitschaft mitbringen, sein Leben ganz hinzugeben, selbst bis in den Tod im wörtlichen Sinne. Aber sich ganz hingeben ist ja auch schon ein Sich-selber-Sterben: Ich lebe nicht mehr für mich. Es geht nicht mehr um mich. Es geht mir nur noch um Jesus, meinen Meister, dem ich folge. Ich folge ihm gleichsam ganz und gar in absolutem Gehorsam, selbst bis in den Tod. Auch diese Hingabe, bei der ich Jesus mein Ich ganz überlasse, ist schon Ausdruck des gleichsam In-ihn-Hineinsterbens.

„Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.“ (vgl. Vers 28-32)

Dann bringt Jesus zwei Gleichnisse: vom Turmbau und von der Kriegsführung. Diese Gleichnisse sollen zeigen, was der Jünger eigentlich zu tun hat: bauen und kämpfen. Wir spüren ja schon bei diesen ersten Gedanken und Worten Jesu, dass die Nachfolge Christi gar nicht so einfach ist. Meine Liebe zum Herrn muss so haushoch über meiner Liebe zu Eltern und zur Familie sein wie die Liebe über dem Hass steht – das verlangt eine enorme Willensstärke. Und auch „das Kreuz auf sich nehmen bis in den Tod“ ist eine schwerwiegende Entscheidung.

Jesus spricht vom Hausbau und von der Kriegsführung. Beide Lebensaufgaben müssen überlegt sein und nüchtern ergriffen werden, nicht in falscher Begeisterung. Ich muss mir überlegen, ob ich wirklich diesen Weg mit Christus gehen kann, bis in den Tod, ob ich mich loslösen kann von allem und von allen – unter Umständen auch von geliebten Menschen, die ich ja ruhig lieben darf, aber eben in so großer Freiheit, dass die Liebe zum Herrn haushoch über der Liebe zu diesen Menschen steht. Ich muss mir überlegen: Kann ich das?

Der Jünger muss in der Nachfolge Christi also feststellen, ob seine Kräfte dazu überhaupt reichen, so wie in den Gleichnissen beschrieben: Wenn er einen Turm baut, muss er überlegen, ob er die erforderlichen Mittel hat. Sonst legt er ein Fundament und kann den Bau nicht fertigstellen und die Leute verspotten ihn. Genauso derjenige, der einen Krieg führen will. Er muss sich vorher überlegen, ob er diesen Krieg überhaupt gewinnen kann. Das sind zwei ganz wichtige Bilder für unsere Jüngerschaft. Wir müssen uns klar sein: Jüngerschaft ist nicht unser Tun, nicht unser Können – darum bringt Jesus so massive Beispiele –, sondern es ist Gabe Gottes. Um Jüngerschaft muss ich bitten. Jesus ruft mich. Wir haben es ja schon in anderen Evangelien gehört: Komm! Hinter mich! Komm! Folge mir! Sein Ruf ist mehr Kraft als Befehl. Und nur wenn ich auf seinen Ruf höre, dann habe ich auch die Kraft zu gehen.

Wenn ich mich frage: Kann ich das aus mir heraus?, dann muss ich ehrlich sein und sagen: Nein. Wenn ich glaube, alles aus mir heraus zu können, dann wird es mir so ergehen wie dem, der anfängt ein Fundament zu bauen, nicht mehr weiterbauen kann und verlacht wird. Das ist vergleichbar mit jemanden, der vor anderen groß tut, wie er Christus folgt, letztlich dann aber irgendwo fernab von Christus sitzt und verspottet wird. Auch der Jünger muss ehrlicherweise feststellen, dass seine Kräfte zur Jüngerschaft und Christusnachfolge bis in den Tod nicht reichen, sondern er sich allein auf die Kraft und auf das Können des Herrn verlassen muss. So wie es Paulus formuliert: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,10), d.h. wo ich meine Armut erkenne, mein Nicht-Vermögen, dass ich etwas nicht aus mir selbst heraus kann, da, wo ich schwach bin und auch dazu stehe, dort bin ich stark. Wo wir nicht mehr weiterkommen, kommt uns der Herr zur Hilfe. Armut ist Voraussetzung für Gottes Handeln – die Erkenntnis, dass wir aus eigener Kraft nichts vermögen. Ein liegen gebliebener Bau reizt die Menschen höchstens zum Spott – und so auch ein gescheiterter Jünger Christi.

„Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ (vgl. Vers 33)

Der Schlusssatz fasst alles noch einmal zusammen. Keiner kann Jesu Jünger sein, der nicht auf alles, was er besitzt, was für ihn Sicherung ist – auch menschliche Kräfte, menschliche Anstrengung und menschliches Können – verzichtet und erkennt, dass alles vom Herrn geschenkt ist. Ich erwarte alles von Christus! Keiner kann Jesu Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet, d.h. der auf nichts Irdisches baut, sondern nur auf die Kraft Gottes. Das müssen nicht materielle Dinge sein. Das können auch geistige Fähigkeiten sein. Wer sagt: Ich habe so einen starken Willen, ich werde Christus folgen, der irrt bereits.

Und da müssen wir überlegen: Wie sieht es in meinem Leben aus? Wo entscheide ich mich, das Wort Gottes zu tun? Wo lebe ich die Jüngerschaft als Ganzhingabe an Christus – wenn es sein muss, bis in den Tod? Diese Ganzhingabe ohne Bedingung, die Zweite Umkehr, wie die Tradition diesen Schritt nennt, kann ich nicht aus mir selbst heraus machen. Sie ist ein Geschenk, Gnade Gottes, aus der heraus ich diesen Schritt tun kann. Aber diese Gnade Gottes muss ich auch erbitten.