Mi., 28. September 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

27. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Bibelstellen


Lukas 17,5-10

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Biblische Predigten


„Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! 6 Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.“ (vgl. Vers 5-6)

Das heutige Evangelium führt uns tief auf den Grund unserer Haltung vor Gott. Die Apostel bitten den Herrn: „Stärke unseren Glauben“ – im Griechischen heißt es wörtlich: „lege uns Glauben bei“. „Glauben“ steht hier interessanterweise nicht mit dem Artikel. Es geht also nicht um den seligmachenden Glauben, d.h. die göttliche Tugend des Glaubens. Sondern es geht vielmehr um die Glaubenskraft und Glaubensvollmacht, die der Herr unserem Tun in dieser beilegen möge. Denn nur wenn die Erfüllung des Auftrags, den Gott uns im Reich Gottes gegeben hat, mit Glaubenskraft verbunden ist, kann sie auch übernatürliche Früchte bringen, sodass wir Schritte wagen, die Gott durch uns tun will, die wir uns aus uns selbst heraus aber nicht zutrauen. Paulus spricht vom Charisma des Glaubens, das der Gemeinde zur Auferbauung gegeben ist.

Dieser „Senfkornglaube“, von dem Jesus dann spricht, bringt für die Welt erstaunliche Dinge hervor. Was haben glaubende Menschen, die Heiligen, aus der Kraft des Glaubens manchmal für außergewöhnliche Dinge bewirkt, über die wir heute noch staunen. Sie haben Dinge gewagt und begonnen, die sie sicherlich nicht riskiert hätten, wenn sie nur auf den natürlichen Menschenverstand gebaut hätten. Dann hätten sie nicht geglaubt, dass ihr Vorhaben gelingt. Sie hatten aber innerlich den Anstoß vom Hl. Geist und in dieser Glaubenskraft haben sie Schritte gewagt, die wirklich erstaunliche Dinge hervorbrachten. Beim Pfarrer von Ars vermehrte sich plötzlich das Getreide; Don Bosco teilte Brot aus und es ging nicht aus, obwohl es eigentlich zu wenig war für die vielen Kinder. Neben diesen eher außergewöhnlichen Dingen aber ist entscheidend, was die Heiligen zum Teil aufgebaut haben, was sie an Umkehr bei Menschen bewirkt haben. All diese Früchte erwachsen aus dieser Glaubenskraft und sind damit Sache Gottes. Deshalb bitten auch die Jünger um diesen Glauben: Glaube ist nicht mein Können, ist nicht meine Anstrengung: „Herr, lege unserem Tun Glauben bei“. Verbinde deine Gnade mit unserem Tun, damit wirklich staunenswerte Werke geschehen. Wenn wir zu Menschen sprechen oder wenn ich predige und das Wort Gottes verkünde, kann ich das rein sachlich tun, so wie man einen Artikel liest und erklärt. Es wird jedoch kaum etwas geschehen, wenn nicht der Herr Glaubenskraft beilegt, so dass die Menschen durch ein gewöhnliches Wort plötzlich im innersten Herzen getroffen werden. Dann ist das Wort nur der Träger der Glaubenskraft und der Gnade, die der Herr ihm beilegt und die im Zuhörer das bewirkt, was das Wort sagt. Darum ist diese Bitte um Glauben, um Glaubenskraft und Glaubensvollmacht eine so wichtige Bitte.

Das Gleichnis vom Senfkorn macht deutlich, dass es hier nicht um das Maß des Glaubens geht. Denn selbst mit einem Glauben, klein wie ein Senfkorn, werde ich diesen riesigen, vielleicht jahrhundertealten Maulbeerbaum versetzen können. Aber es geht eben nicht um das Maß, sondern um das Wesen des Glaubens als Glaubensgabe. Es ist ein Unterschied, ob etwas aus eigener Kraft geschieht oder geistgewirkt. Natürlich ist es z.B. in Ordnung, wenn ich eine Predigt gut vorbereite, indem ich Ideen dafür zusammentrage und am Text feile. Womöglich habe ich auch noch eine Gabe zu reden, sodass die Predigt gut ankommt, wie eine Stück Lyrik oder eine gute Dichtung. Und dennoch kann es sein, dass sich beim Hören einer solchen Predigt kein Mensch bekehrt, eben weil keine Glaubenskraft damit verbunden war. Ich habe nur aus mir selbst heraus gepredigt und eine solche Predigt bewirkt dann keine Bekehrung. Der Unterschied ist, ob ich etwas aus eigener Kraft tue oder geistgewirkt und ob ich wirklich zu meinem Tun den Herrn bitte: „Leg meinem Tun, meinem Wort Glauben bei.“ Gib mir den Hl. Geist, damit er in meinem Wort gegenwärtig ist.

Ein solcher Glaube sieht dann in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen immer noch Möglichkeiten, wo der reine Vernunftmensch verzweifelt. Das haben Menschen immer wieder erlebt, das haben vielleicht auch wir selbst schon einmal erlebt. Nehmen wir z.B. die Situation im heutigen Deutschland: Können wir uns wirklich noch vorstellen, dass Deutschland sich bekehrt und wieder gläubig wird? Wenn man nur mit dem Verstand antwortet, muss man sagen: Es geht immer mehr abwärts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei der nächsten Generation noch besonders viel Glauben vorhanden sein wird. Aber der Glaube sieht Möglichkeiten, die weit über unsere Vorstellungskraft hinausgehen, weil er weiß, dass durch die Gnade Gottes, durch ein neues Pfingsten plötzlich eine Erkenntnis in die Menschenherzen gelangt, die zur Offenbarung führt, wenn sie angenommen wird. Das ist der Glaube. Und deshalb wird der wahrhaft Glaubende nie verzweifeln. Der Glaubende weiß, dass Gott alles in der Hand hat und durchführen wird und dass alles, was in dieser Welt ist, dem Plan Gottes dienen muss. Er muss daher nicht verzweifeln, auch wenn seine Situation noch so düster aussieht. Der Glaube fängt dort an, wo man mit dem rechnet, was der Herr tut.

„Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ (vgl. Vers 7-10)

Dann erzählt Jesus das Gleichnis vom Sklaven. Dieses kurze Gleichnis offenbart eine große pädagogische Weisheit Jesu, mit der er seine Jünger belehrt und formt. Mit dem vorausgehenden Bild vom Senfkorn und vom Maulbeerfeigenbaum hatte Jesus gezeigt, dass es nicht auf die Stärke, sondern auf das innere Wesen unseres Glaubens ankommt. Und dieser Glaube kann oft ohne Gefühle sein: Man fühlt rein glaubensmäßig gar nichts, tut aber dennoch den Glaubensschritt, auch wenn sich vielleicht die Gefühle und die Vernunft sogar dagegen wehren, weil man überzeugt ist: Der Herr will es. Gott verlangt von uns immer den ersten Schritt. Er gibt uns nie gleich zu Beginn das Ziel an. Wir müssen immer zuerst einen Schritt wagen, wie Abraham. Damals, im heutigen Irak, sprach Gott das erste Wort an einen Menschen: Abraham, geh! Gott schickt ihn fort, ohne ihm zu sagen, wohin. Er verheißt ihm zwar ein Land, aber wo es liegt und wie er dort hinkommen und es in Besitz nehmen kann, das erfährt Abraham nicht. Er muss sich zuerst auf den Weg machen. Das ist dieser Weg des Glaubens. Das ist das innere Wesen des Glaubens: Mit dem kleinsten Fünklein des Glaubens können wir das sonst Unmögliche leisten. Diesen Glaubensfunken aber muss ich zuvor von Gott erbitten.

Mit dem Gleichnis vom Sklaven macht Jesus den Jüngern jetzt klar, dass ein solcher Glaube nicht das Verdienst des Menschen ist. Ein Sklave war von seinem Herrn völlig abhängig. Er war sein Eigentum. Ein Knecht konnte bei seinem Herrn Geld verdienen, er hatte Freizeit und konnte sogar kündigen. Der Sklave aber war totales Leibeigentum und hatte keinerlei Rechte. Er konnte nicht sagen: Ich habe etwas Besonderes getan. Denn alles, was er getan hat, war eben Sklavenarbeit und als solche selbstverständlich und ohne Verdienst. Es gab dafür keinen Dank, weil der Sklave nichts über Gebühr oder Außergewöhnliches getan hat, sondern nur das, was seine Pflicht war. Im blinden Gehorsam musste also der leibeigene Sklave die Befehle des Herrn ausführen. Er hatte für die getane Arbeit nur Anspruch auf Essen und Trinken. Denn essen und trinken musste er ja, um für den Herrn überhaupt arbeiten zu können.

Bemerkenswert ist, dass der Dienst der Knechte Gottes – Jesus vergleicht ja diesen Sklaven mit denen, die ihm nachfolgen – die in diesem Gleichnis mit dem Bild des Ackerbaus und der Hirtenarbeit dargestellt wird. Die apostolische Arbeit wird hier in ihrer schweren (Ackerbau) und auch in ihrer leichten Seite angedeutet. Jeder Jünger soll treu und geduldig die Arbeit ausführen, die ihm auferlegt ist, unabhängig davon, ob sie mal schwer oder mal leicht ist. Jesus will einen bestimmten Aspekt des dienenden Knechts bzw. Sklaven veranschaulichen: Wir sind entbehrliche Sklaven, entbehrliche Knechte, denn wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig sind, nichts über Gebühr und nichts Außergewöhnliches. Auch der nächste Sklave oder Knecht tut nur, was er zu tun schuldig ist. Jesus sagt damit aber nicht, dass wir wertlose Knechte sind. Denn an einer anderen Stelle nennt er uns ja Freunde. Der Grundgedanke ist vielmehr: Jedes Berufen auf eigene Leistung wird verworfen, denn wir können durch menschliches Tun nicht Ewiges erwerben. Erlösung ist reines Geschenk. Was wir tun, ist das Selbstverständlichste. Es ist Ausdruck unserer Liebe, nichts Außergewöhnliches und nichts, wofür wir einen Lohn verlangen könnten. Dass Jesus uns trotzdem einen Lohn gibt, ist Ausdruck seiner vollkommen freien Liebe und Barmherzigkeit.

Es geht wieder um diese Grundhaltung der Armut, wie wir sie im Evangelium des letzten Sonntags vom reichen Prasser und vom armen Lazarus kennengelernt haben. Diese Grundhaltung der Armut ist die Voraussetzung für den Reichtum, den Gott uns im ewigen Leben gibt. Alles ist reine Gnade, wie Paulus sagt. Und da merken wir sofort, wie sich unser Stolz dagegen wehrt: „Alles ist Gnade? Ich trage doch auch etwas dazu bei!“ Das stimmt sicherlich, aber ich muss mir klar sein: Was ich tue, ist selbstverständlich. Es ist mein Auftrag. Es verdient nichts. Dafür bekomme ich Essen und Trinken, d.h. dafür erhält mich Gott. Dafür hat er die Welt geschaffen. Aber ich habe darüber hinaus kein Anrecht auf etwas unendlich Ewiges, denn was ich tue, ist nicht unendlich und nicht ewig. Wenn ich es getan habe, ist es vorbei. Dann habe ich kein Anrecht mehr. Es geht um diese wirklich demütige Grundhaltung. Dieses Angewiesen-Sein auf Gott ist nichts anderes als meine innerste Existenz. Ich bin nichts aus mir selbst. Ich bin aus Gott und habe meinen ganzen Halt in Gott. Aber dieser Gott ist unendliche Liebe. Ich bin nicht einfach jemand, den man braucht und wegwirft, sondern ich bin unendlich geliebt in alle Ewigkeit, unabhängig davon, wie ich mich verhalte. Deshalb kann ich auch dieses Ganz-von-Gott-abhängig-Sein, von seiner unendlichen Liebe, ganz annehmen. Es ist doch viel leichter, von einer unendlichen Liebe ganz abhängig zu sein als von sich selber, für sich selber total verantwortlich zu sein. Was können wir schon für uns selbst tun? Wenn ich krank werde, kann ich nichts dagegen tun, und wenn ich sterbe, auch nicht. Wenn ich aber von einer unendlichen Liebe abhängig bin, dann weiß ich mich immer geliebt und es geht immer um diese Vollendung, in die die Liebe führt.

Auch Petrus fragt ja: „Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ (Mt 19,27), d.h. auch er will etwas für seinen Dienst bekommen. Am Beispiel selbst des Petrus sehen wir die Gefahr derer, die Christus folgen, und damit auch unsere Gefahr: Wenn wir Christus folgen und versuchen, nach dem Evangelium zu leben so gut wir können, stellen wir schnell Ansprüche an Gott. Wenn wir Gott dann um etwas bitten, müsste er es doch eigentlich erfüllen. Und selbstverständlich ist der Himmel für uns sicher; haben wir einen Anspruch auf ihn, denn schließlich sind wir ja anständige Menschen! Wir kommen immer wieder in diese Gefahr, in diese falsche Denkweise: Was wird uns zuteil? Was bekomme ich für das, was ich geleistet habe? Was bekomme ich dafür, Christus, dass ich dir gefolgt bin? Gar nichts bekomme ich dafür. Das Andere ist reines Geschenk einer unendlichen Liebe. Und wenn etwas aus einer unendlichen Liebe kommt, dann ist es für uns hundert Mal sicherer als wenn wir es uns selbst zu erwerben suchen. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten.

Achten wir also auf diese Grundhaltung. Wir werden diesen Stolz und diesen Reichtum aus uns selbst heraus immer wieder in uns spüren: Diese versteckten Ansprüche in unserem Herzen sind ganz schnell da, vor allem wenn man sich im Dienste des Reiches Gottes eifrig einsetzt und müht. Aber wir dienen einem Herrn, der für uns sein Leben hingegeben hat. Er hat uns zu seinem Eigentum erkauft und unsere Antwort ist ein Ihm-dienen-dürfen, nicht Ihm-dienen-müssen.