Mi., 13. Oktober 2021Lesezeit 15 minFather Hans Buob

Vom Dienen und Herrschen

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr B

The Chosen (TV Series). Ⓒ Angel Studios.

Bibelstellen


Markus 10, 35-45

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen! Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es bestimmt ist. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Biblische Predigten


Vom Dienen und Herrschen

Hören wir wieder in dieses Wort Gottes hinein, denn das Wort Gottes am Sonntag will uns auf dem Weg der Nachfolge an Dinge erinnern, die wichtig sind. Es geht immer wieder um ein Umdenken, um Neu-Orientierung, damit wir Christus wirklich ernsthaft folgen können. Deshalb sollten wir diese Worte Gottes wirklich ernst nehmen und nicht bloß so anhören und denken: „Ja, kenne ich, habe ich schon mal gehört!“, sondern überlegen: „Was will der Herr mir heute sagen, da, wo ich jetzt stehe in meiner Christusnachfolge?“

„Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.“ (vgl. Vers 35)

Die beiden Brüder treten fordernd an Jesus heran: „Wir wollen, dass du etwas Bestimmtes tust!“ Das ist sehr massiv. Diese Bitte muss in den anderen, die das hören, eine Spannung auslösen, wie das später auch zum Ausdruck kommt. Er antwortete: „Was soll ich für euch tun?“ (vgl. Vers 36) Jesus gibt ihnen keine Zusage, sondern er fragt nach dem Inhalt der Bitte. Die beiden haben ein uneingeschränktes Vertrauen auf die Vollmacht Jesu, zu handeln, wie er will. Sie trauen ihm zu, dass er handeln kann, dass ihn niemand daran hindern kann. Aber Jesus bestätigt das nicht.

„Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen!“ (vgl. Vers 37)

Im Griechischen wird das ganz klar in der Befehlsform ausgedrückt: „Gib uns!“ Es ist also ein fordernder Imperativ, den sie an Jesus richten. Das ist seltsam. Wörtlich übersetzt heißt es: „Lass in der Herrlichkeit deines Reiches einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.“ Gemeint ist die himmlische Herrlichkeit. Der Hinweis Jesu auf das Martyrium im nächsten Vers setzt diese Deutung voraus: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke?“, d.h. durch den Tod hindurchgehen für mich? Also muss das gemeint sein, was auf ihn zukommt. Es dürfte auch bei Johannes ziemlich deutlich sein, dass er die Herrlichkeit meint, Jesu Herrlichkeit beim Vater. In den Versen vorher spricht Jesus ausdrücklich von seinem Tod und von seiner Auferstehung. Und die Forderung dieser beiden Jünger klingt eigensinnig und egoistisch, als wollten sie den anderen zuvorkommen. Es könnte auch anders gemeint sein. Versuchen wir einmal, ihre Bitte vom Apostel Johannes hier zu verstehen, vom Liebesjünger her, der an der Brust Jesu ruhte. Von ihm heißt es am Ostermorgen ausdrücklich: „Er sah und glaubte!“ (Joh 20,8) Petrus dagegen lief wieder weg. Johannes in seiner Liebe zum Herrn erkennt manches schneller als die anderen. Später, als Jesus am See steht, sagt er zu Petrus: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7) Immer wieder ist er es, der schneller erkennt. Seine Liebe erkennt. Und diese Liebe des Johannes zum Herrn ließ ihn das Wort Jesu von Tod und Auferstehung tiefer verstehen. So drängte diese Liebe hin, Jesus einfach zu bitten: „Ich möchte immer ganz nahe bei dir sein!“ Die Liebe will immer ganz nahe beim Geliebten sein. Wenn Johannes die Worte Jesu von seiner Auferstehung verstanden hat, könnte man seine Bitte sehr wohl auch so verstehen, vor allem, weil es im Griechischen wörtlich heißt: „Lass mich in der Herrlichkeit deines Reiches neben dir sitzen.“ Das Wort „doxa“ bezeichnet immer die Herrlichkeit beim Vater, in die Jesus bei seiner Auferstehung zurückkehrt. Dass Johannes seinen Bruder in das Reich Gottes mitnehmen möchte, ist verständlich. Der massive Imperativ: „Wir wollen, dass du uns eine Bitte erfüllst“ kann also auch Ausdruck der starken Sehnsucht der Liebe sein. Die Liebe sagt nicht „vielleicht“, sondern sie will mit Entschiedenheit. Sie drängt in die Nähe des Herrn. Der Herr mag das gespürt haben. Er hat sie nicht zurückgewiesen, ihnen keinen Vorwurf gemacht, sondern er hat ganz verständnisvoll geantwortet:

„Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ (vgl. Vers 38)

Mit „Taufe“ ist die Taufe seines Todes gemeint. Jesus fragt sie ganz liebevoll nach ihrer Bereitschaft, mit ihm durch den Tod in die Herrlichkeit zu gehen, denn von seinem Tod und seiner Auferstehung hatte ihr ja vorher gesprochen: „Könnt ihr mit mir diesen Weg gehen, durch diese Bluts-Taufe in meinen Tod? Könnt ihr mit mir durch den Tod hineingehen in die Herrlichkeit?“ Was antworten Sie?

„Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde." (vgl. Vers 39)

Ohne zu überlegen antworteten sie: „Wir können es.“ Das ist typisch Liebe. Die Liebe ist zu allem bereit. „Ich gebe mein Leben für dich" (Joh 13,37) hatte Petrus vorher gesagt, wenn er es dann auch nicht konnte. Dieses „Wir können es" ist ein Ausdruck dafür, wie die Liebe alles riskiert. Vom Gesamtzusammenhang hier darf man sehr wohl diese Stelle so verstehen, dass es die Liebe des Johannes ist, der Tieferes erkannte und der danach drängte, immer beim Herrn zu sein. Jesus bestätigt es ihnen. Sie werden mit derselben Taufe getauft werden. Sie werden den Märtyrertot sterben, obwohl Johannes nicht den Märtyrertod gestorben ist. Er wurde zwar gemartert hat, aber er ist nicht daran gestorben. Das zeigt jedoch, dass auch ein Leben in Bedrängnis und Verfolgung – und das war das Leben des Johannes, er wurde ja in siedendes Öl getaucht, er wurde auf Patmos verbrannt usw. – es zeigt, dass auch ein solches Leben eine Weise des Martyriums ist. Papst Gregor der Große stellte fest: „Sie alle sind Märtyrer, die einen durch das Schwert, die anderen durch die Geduld.“ Insofern stimmt es auch bei beiden Brüdern. Jakobus ist gemartert worden, Johannes ist normal gestorben, aber auch Johannes ging durch Verfolgung und Bedrängnis.

„Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es bestimmt ist.“ (vgl. Vers 40)

Jetzt verweist Jesus sie an den Vater. Es ist nicht seine Sache, zu bestimmen, wer rechts und links von ihm sitzt, worum die beiden Brüder gebeten haben. Das ist die Sache des Vaters.

„Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.“ (vgl. Vers 41)

Das ist verständlich. Aber es ist wichtig, dass mich diese Stelle wirklich zum Nachdenken bringt und ich mich frage: „Ist in mir diese Sehnsucht des Johannes, diese Sehnsucht, dort zu sein, wo der Herr ist? Wächst in mir überhaupt die Sehnsucht? Lasse ich sie wachsen? Tue ich etwas dafür – und bitte: Herr, lass mich immer dort sein, wo du bist?“ Er hat ja verheißen: „Ihr werdet dort sein, wo ich bin.“ (vgl. Joh 12,26 u.a.) Aber die Liebe des Johannes drängt noch näher zum Herrn hin – „zu deiner Rechten, zu deiner Linken – nicht bloß dort in deinem Reich, sondern bei dir, ganz in deiner Nähe.“ Ist das meine Sehnsucht? Wie oft denken Sie an den in Ihnen gegenwärtigen Gott? Freuen Sie sich über seine Gegenwart? Wollen Sie immer wieder ganz bewusst in seiner Gegenwart sein, jeden Tag? Oder, wenn Sie an einer Kirche vorbei gehen – drängt es Sie, bei ihm zu sein, kurz hineinzuschauen, ihn kurz zu grüßen, ihn anzubeten? Drängt es Sie, in seiner Nähe zu sein? Oder latschen Sie vorbei, ohne etwas zu denken - wie an einem ganz gewöhnlichen Haus? Prüfen wir uns! Haben wir so eine Sehnsucht wie Johannes? Dann dürfen wir getrost zum Herrn sagen: „Herr, beeile dich! Ich will ganz bei dir sein. Sorge dafür, dass es klappt!“ Er wird mir zwar sagen: „Das ist nicht meine Sache, das ist die Sache des Vaters“, aber er wird sich freuen über meine Sehnsucht, so ganz in seiner Nähe zu sein. Die anderen Jünger haben das offensichtlich anders verstanden. Sie sind eifersüchtig und neidisch geworden. Sie scheinen nicht an das zu denken, woran Johannes wohl gedacht hat: An die ewige Herrlichkeit, und das, was nach der Taufe mit Blut kommt, also nach dem Martyrium. Sie dachten wohl an das irdische Königreich des Messias, das sie immer noch erwarteten. Das zeigt die anschließende Lehre Jesu, er spricht nun über das irdische Reich Gottes. Es ist sehr eindeutig, dass die Jünger neidisch wurden, weil sie glaubten, Johannes und Andreas meinten ein irdisches Reich, denn sie sind ja auf dem Weg nach Jerusalem. Sie erwarteten, dass der Messias dort sind Reich ausruft. Da braucht er schließlich auch Minister und ähnliche Leute dazu. Die anderen Jünger dachten an dieses Reich. Deshalb geht Jesus im Folgenden darauf ein:

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen.“ (vgl. Vers 42)

Jesus ruft jetzt alle zwölf zu sich. Er nutzt wiederum die aktuelle Situation mit den Jüngern, um eine Lehre über die Grundprinzipien und Grundhaltungen im Reich Gottes auf dieser Welt zu geben und spricht dabei vom Missbrauch der Macht durch die Mächtigen.

„Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ (vgl. Vers 43-44)

Wie in der Bergpredigt belehrt Jesus nun über die Regeln des Gottesreiches. Genau dieselbe Lehre finden wir bereits in der Bergpredigt: Im Reich Gottes gelten andere Regeln als in der Welt. In der Welt herrschen die Mächtigen über die Mitmenschen, im Reich Gottes sollen die Mächtigen dienen. Wer groß sein will, soll der Diener aller sein. Wer Erster sein will, soll sogar der Sklave aller sein, ihnen also selbstverständlich dienen, ohne etwas dafür zu fordern oder gar zu bekommen. Nur wer dienend leitet und dienend versorgt, bekommt von Jesus die Schafe anvertraut. Nach seiner Auferstehung sagt Jesus am See von Tiberias zu Petrus: „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“ (Joh 21, 15-8) Im Griechischen werden hier für „weiden“ zwei verschiedene Worte verwendet. Das eine bedeutet „füttern und auf die Weide führen“, das andere „dienend leiten und schützen“. Wer Erster sein will, soll dienend leiten und versorgen. Das ist das Grundprinzip des Gottesreiches und die Grundhaltung derer, die im Reich Gottes einen Auftrag haben.

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (vgl. Vers 45)

Den innersten Kern des Dienens zeigt Jesus selbst anhand seines Lebens, nämlich: „…sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mt 20,28) Das ist der innerste Kern des Dienens – alles riskieren, sein Leben hingeben. Nicht – so ein bisschen den Leuten dienen, aber sein eigenes Leben leben. Nein – ganz sein Leben hingeben. Das griechische Wort für „Leben hingeben“ meint nicht nur das blutige Martyrium am Lebensende, sondern unser ganzes Leben, alle Mühsal und Verfolgung, unsere Arbeit, unser Gebet – einfach alles, was zu unserem Christsein gehört. Mit diesem Satz hat Jesus dem Johannes und dem Jakobus eine Antwort auf ihre Bitte gegeben, damit sich ihre Sehnsucht, ganz bei ihm zu sein, erfüllen kann. Sie sollen jetzt nicht auf das blicken, was kommen wird. Ihre Sehnsucht soll zuerst einmal sein, mit ihrem ganzen Leben dem Reich Gottes zu dienen, ihr Leben hinzugeben und mit der Taufe getauft zu werden, mit der Christus getauft wird. Das sollte auch unsere Sehnsucht in dieser Welt sein. Manche Menschen machen sich furchtbar viele Gedanken darüber, wie sie in den Himmel kommen. Doch dafür sorgt die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes, wenn wir zuerst das Reich Gottes suchen. Alles andere wird uns dazugegeben. In Matthäus 6,33 sagt Jesus uns: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Unsere Sehnsucht sollte sein, unser Leben ganz für das Reich Gottes hinzugeben. Dann wird uns alles andere dazu gegeben. ∎