Mi., 19. Januar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

3. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Bibelstellen


Lukas 1, 1-4; 4, 14-21

Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest. Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen. So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Biblische Predigten


„Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.“ (vgl. Vers 1-2)

Der hl. Lukas schreibt an Theophilus, einen getauften Christen, und sein Anliegen in diesem Evangelium ist es, das Handeln Gottes im Leben Christi sichtbar zu machen. Es geht also in seinem Evangelium nicht um das Handeln Gottes in der Kirche – das beschreibt Lukas dann in der Apostelgeschichte –, sondern um das Handeln Gottes im Leben Christi, das in der Auferstehung Christi und in seiner Himmelfahrt zur Vollendung gekommen ist.

Die Formulierung „was sich unter uns ereignet und erfüllt hat“ (V. 1,1) macht deutlich, dass dieses Heilswirken Gottes im Leben Christi nicht Vergangenheit ist, sondern dass es Gegenwart bleibt bis zur Wiederkunft Christi.

Schon damals gab es verschiedene schriftliche Zeugnisse über diese Ereignisse, die Lukas sorgfältig bearbeitet hat. So z.B. das Evangelium des hl. Markus, das wir im letzten Jahr (Lesejahr B) betrachtet haben und das sicher vor Lukas entstanden ist und ihm daher auch schon vorgelegen hat. Lukas beruft sich also auf gesicherte Quellen, die schon berichtet haben, was die Augenzeugen und die Diener des Wortes ihnen mitgeteilt haben, also nicht einfach irgendeine Fantasie. Es sind Texte, die von den Augenzeugen (vor allem von den zwölf Aposteln) stammen und evtl. sogar von ihnen geprüft worden sind. Alle diese Zeugnisse sind uns, also der Kirche, überliefert.

„Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“ (vgl. Vers 3-4)

Lukas hat also alle schriftlichen Unterlagen, die schon da waren, gesichtet und der Reihe nach geordnet. Möglicherweise hat er sich auch bei den Aposteln, die damals noch lebten, über den Wahrheitsgehalt der Berichte vergewissert. Denn Lukas begleitete ja immer wieder Paulus auf seinen Missionsreisen und Paulus ging mit ihm er auch zu den anderen Aposteln, um sich zu vergewissern, dass seine Botschaft auch tatsächlich der Botschaft Christi entspricht, wie wir in der Apostelgeschichte erfahren.

Lukas wollte also nicht einfach nur vage irgendetwas über Jesus und seine Lehre schreiben, sondern er wollte gesicherte Überlieferungen über das, was Jesus tat, seine Zeichen und Wunder, und über das, was er lehrte. Darum ist das Lukas-Evangelium z.B. im Vergleich zum Markus-Evangelium ein „Großevangelium“: Lukas hat wesentlich mehr Kapitel als Markus und es ist damit ein vom Umfang her viel größeres Evangelium. Und Lukas bringt auch etwas Neuartiges, worüber uns kein anderes Evangelium berichtet: die ganze Kindheitsgeschichte Jesu.

Als Adressat und Ziel seines Evangeliums nennt Lukas einen gewissen Theophilus, ein bereits getaufter Christ, der sich anhand der Aufzeichnungen des Lukas vergewissern können soll, dass er in die wahre Apostolische Lehre eingeführt worden ist – denn es traten ja schon damals bereits Irrlehren und Irrlehrer auf –, und der sich mit Hilfe dieses Evangeliums auch weiter in die Apostolische Lehre einarbeiten kann.

„Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.“ (vgl. Vers. 4,14-15)

Im Folgenden macht die heutige Perikope einen Sprung zu Kapitel 4 des Lukas-Evangeliums. Vorausgegangen ist die Taufe Jesu durch Johannes, bei der Jesus mit dem Hl. Geist gesalbt und durch die Stimme des Vaters in seiner Aufgabe bestätigt wurde. In diesem Taufgeschehen ist das ganze weitere Wirken Jesu grundgelegt: Jesus kehrte erfüllt von der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück. Bis dahin hat er keine Zeichen und Wunder getan, sondern ganz normal unter den Menschen gelebt, sodass die Nazarener sagen konnten: Was bildet sich dieser Jesus eigentlich ein? Das ist doch ein ganz normaler Mensch, der 30 Jahre unter uns gewohnt hat, ohne dass uns an ihm etwas Ungewöhnliches aufgefallen wäre.

Nach dem Taufgeschehen aber steht Jesus nun die ganze Kraft des Hl. Geistes zur Verfügung. Dabei beherrscht nicht im negativen Sinne der Geist Gottes den Menschen Jesus, sondern der Sohn, nämlich Jesus, wirkt jetzt im Geiste: Jesus lehrt in Vollmacht und seine Verkündigung wirkt durch die Kraft des Geistes Heilungen und Dämonenaustreibungen. Und so wird Jesus eigentlich mehr durch seine Machttaten – die Wunder und Dämonenaustreibungen – bekannt als durch seine Lehre. Sein Wirken kann auf Grund dieser Machttaten nicht mehr verborgen bleiben. Sie sind ein Zeichen, dass Gott mit ihm ist. Doch letztlich ging es Jesus nicht um diese Zeichen und Wunder – sie alle sollten lediglich auf seine Lehre hinweisen und ihn als den Gottgesandten bestätigen, damit die Menschen seinem Wort glauben.

Jesu Wirken ist nun das eines Wanderpredigers, d.h. er wusste nicht, wohin er sein Haupt legen soll. Und Jesus wird von allen gepriesen. Das griechische Wort für dieses „Preisen“ wird im ganzen Neuen Testament eigentlich nur hier auf Jesus angewandt, sonst immer nur auf Gott. Allerdings ist diese Lobpreisung Jesu nicht von Dauer, wie bereits das Evangelium des nächsten Sonntags zeigen wird. Denn auf einmal wird Jesus von den Menschen nicht mehr gepriesen, sondern hinterfragt. Ja, man will ihn sogar umbringen.

 

„So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht:“ (vgl. Vers 4, 16-17)

Lukas stellt das hier geschilderte Ereignis an den Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu. Dieses feierliche Anfangsereignis ist deshalb von größter Bedeutung, weil Jesus hier gewissermaßen sein ganzes Lebensprogramm darlegt, vom Anfang bis zum Tod, und sich damit selbst offenbart.

Wenn es in Vers 15 heißt: „So kam er auch nach Nazareth …“, so ist das nicht einfach nur eine geographische Angabe, sondern in diesem Wort Gottes, das das Evangelium ja immer ist, steckt Größeres: Es bedeutet das absolute Kommen Jesu in die Welt. Er kommt jetzt in die Welt und er bleibt bei uns bis ans Ende der Welt. Dieses Kommen Jesu aber geschieht in Verborgenheit, eben in der Gestalt des Menschen. Seine Gottheit und seine Herrlichkeit sind zu diesem Zeitpunkt noch verborgen.

Normalerweise fordert der Synagogenvorsteher irgendein volljähriges Gemeindemitglied zum Lesen der Schrift auf, hier aber steht Jesus aus eigener Initiative auf. Das ist ein Zeichen, dass er von höherer Autorität gesandt ist, nämlich – durch die vorangegangene Taufe im Jordan – durch den Vater: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1,11),

„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3,17), „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5) Aus dieser Autorität heraus also ergreift Jesus selber, von sich aus, die Buchrolle und trägt den Text aus dem Propheten Jesaja vor.

„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (vgl. Vers 4, 18-19)

Diese Stelle stellt das Taufgeschehen Jesu in ein neues Licht. Jesus wurde in der Taufe im Jordan mit der Kraft und dem Hl. Geist gesalbt, genau wie es der Prophet hier sagt. Und er nimmt jetzt diese Aussage für sich in Anspruch: Der Herr hat mich gesalbt und gesandt. Jesus wurde so gesalbt, dass die Geistfülle bleibend, wie es hier beim Propheten heißt, auf ihm ruhte: „Der Geist des Herrn ruht auf mir.“ Damit wird deutlich, dass der Beginn des irdischen Wirkens Jesu seinen Grund in der Taufe im Jordan hat. Und darum ist diese Taufe Jesu im Jordan ein so wichtiges Ereignis. Papst Johannes Paul II. hat sie deshalb gleich als erste Betrachtung in den lichtreichen Rosenkranz eingefügt. In der Taufe wird Jesus mit dem Hl. Geist gesalbt und dieser steht ihm nun zur Verfügung sein Leben lang, bis er ihn dann am Kreuz aushaucht, gleichsam in seine Braut hinein, die in Maria unter dem Kreuz steht: die Kirche.

Über die Sendung Jesu und seine Menschwerdung, die der Geistsalbung im Jordan vorausgeht, heißt es im Hebräerbrief:

„Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle –, um deinen Willen, Gott, zu tun.“ (Hebr 10, 5- 7) Das also ist die Sendung und der Wille des Vaters, und Jesus ist nun gekommen, um diese Sendung anzunehmen, um „ein Gnadenjahr des Herrn“ (V. 19) auszurufen. Dieses Gnadenjahr des Herrn aber ist nicht bloß ein Jahr, sondern es ist die Zeit zwischen seiner ersten und zweiten Wiederkunft.

Vor allem aber drückt Jesus in diesen Versen den Inhalt seiner Sendung, seine wesentliche Tätigkeit, vollkommen aus, nämlich: die Frohe Botschaft zu verkünden, das Geheimnis Gottes offenbar zu machen, die Gefangenen zu befreien – das ist der Be- freiungsdienst, Befreiung von Dämonen – und zu heilen. Die drei Dinge sind der wesentliche Inhalt seiner Sendung und genau diese drei Dinge hat er auch den Aposteln anvertraut. Sie sollen das Wort Gottes verkünden, sie sollen die Kranken heilen und die Dämonen austreiben. Am Ende des Markus-Evangeliums spricht Jesus diese Sendung sogar allen Getauften zu, der ganzen Kirche. Jesus übergibt diese Sendung also nicht nur den Aposteln, sondern der ganzen Kirche – bis heute. Dann aber stellt sich die Frage: Erfüllt die Kirche alle drei Aufträge, die der Herr ihr gegeben hat? Der Auftrag der Verkündigung steht an erster Stelle und scheint auch der in unserer Zeit am wenigsten problematische zu sein. Im Jahr 2000 hat der damalige Kardinal Ratzinger eine Schrift über die beiden anderen Sendungen, die man für gewöhnlich nicht so betont hat, herausgegeben: den Dienst der Heilung und den Dienst der Befreiung. Auch diese beiden sind Dienst Christi, sind Inhalt seiner Sendung und damit auch der Sendung der Kirche, die er ihr ganz wortwörtlich übertragen hat. Und da müssen wir heute schon überlegen: Werden wir als Kirche diesem Auftrag Christi heute wirklich gerecht? Ordnen wir die Inhalte seiner Sendung richtig ein? Denn Jesus sagt ja, er ist gekommen, ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, d.h. das Heil kommt im Wort, in der Verkündigung. Diese Verkündigung steht an erster Stelle. Heilungen und Dämonenaustreibungen sind zwar auch mit eingeschlossen, aber letztlich geht es zuerst um die Heilsverkündigung, die über die irdischen Nöte – Krankenheilungen, Totenerweckungen, Dämonenaustreibungen – hinausgeht. Jesus ist der Heilsbringer schlechthin. Das wird hier ganz deutlich.

„Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (vgl. 4.20-21)

Zusammen mit den Menschen in der Synagoge will Lukas uns gespannt machen auf das, was jetzt kommt. Wie wird Jesus jetzt anhand des Prophetenwortes sein Programm erklären? Denn jetzt ist ja der Augenblick, in dem sich dieses Prophetenwort erfüllt, und zwar durch sein Kommen, wie Jesus sagt. Der letzte Vers 21 ist zugleich der erste Vers des Evangeliums vom nächsten Sonntag, sodass wir schon jetzt mit den Nazarenern gleichsam gespannt darauf sein können, was das wirklich bedeutet: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ ∎