Mi., 20. Oktober 2021Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Die Heilung eines Blinden bei Jericho

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr B

Jesus Healing the Blind Man, by Brian Jekel (born 1951), Oil on canvas, painted in 2008.

Bibelstellen


Markus 10, 46-52

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

Biblische Predigten


Die Heilung eines Blinden bei Jericho

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. (vgl. Vers 46)

Jesus ist auf seinem Weg nach Jerusalem inzwischen in Jericho angekommen. Jericho war damals der Sammelplatz für die Pilger  nach Jerusalem, die von Galiläa her kamen. Von dort ging es dann durch die judäische Wüste hinauf nach Jerusalem. Die Pilger gin­ gen in Gruppen, weil der Weg zum Teil gefährlich war. Sie mus­sten von 300 Meter unter dem Meeresspiegel bis auf 800 Meter über dem  Meeresspiegel aufsteigen. Jesus bricht gerade mit seinen Jüngern  und den anderen Wallfahrern nach Jerusalem auf. Der Aufstieg nach Jerusalem ist zwar ein reales Erlebnis, doch Jesus benutzt ihn auch  im  übertragenen Sinn für  alle, die ihm nachfolgen. Hier „am Weg", heißt es, also genau am Weg Jesu nach Jerusalem, wo Tod und Auferstehung auf ihn warten, sitzt der blinde Bettler und begegnet Jesus. Blind sein und betteln gehörte damals zusammen. Wovon sollte der blinde Mann sonst leben? Auf die­ diesem Weg kamen normalerweise die Jerusalem-Pilger vorbei, die auf ihrer Wallfahrt sowieso zu einem Almosen verpflichtet waren. So ist es verständlich, dass der blinde Bettler an diesem Weg sitzt, der gleichzeitig der Weg Jesu, sein Lebensweg und Schicksals­weg nach Jerusalem ist.

Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!  (vgl. Vers 47)

Jesus musste ihm also bekannt gewesen sein. Da es eine große Menschenmenge war, begann er zu schreien: ,,Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!", denn er konnte Jesus ja nicht sehen. Und es zogen so viele Menschen an ihm vorbei. Also mus­ste er laut schreien, damit dieser Jesus, der irgendwo mitlief, ihn auch hören konnte. Doch es war zugleich auch der Schrei des Blinden nach dem, der das Licht ist - schon wieder etwas im übertragenen Sinn: Es war ja der Weg Jesu, an dem er saß.

Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! (vgl. Vers 48)

Viele wollten nicht gestört werden bei ihrer Wallfahrtsprozession und wollten ihn deshalb zum Schweigen bringen. Anstatt ihm zu helfen und ihn zu Jesus zu führen, brachten sie ihn zum Schweigen - eigentlich eine unverständliche Reaktion für solche, die auf einer Wallfahrt nach Jerusalem sind. Aber das zeigt uns: Wir können­ sehr wohl auf einem geistlichen Weg gehen und trotzdem noch sehr egoistisch sein. Es geht uns nur darum, dass wir bei Jesus sind, dass wir mit ihm gehen und wollen deshalb in Ruhe gelassen werden. Und die noch Blinden - wieder bildhaft - die  Blinden für den Glauben, die noch Ungläubigen an unserem Weg, die übersehen wir oder wir überhören sogar ihr Schreien nach Jesus. Prüfen wir, wie oft uns das passiert. Wir gehen unseren Weg mit Gott, vielleicht sehr treu, sehr ehrlich, aber wir hören nicht das stumme Schreien der Ungläubigen an unserem Weg. Wir schauen nur auf uns. Wir schauen nur auf unser Heil. Wir überhören sehr oft das Schreien, die Sehnsucht nach der Wahrheit oder ein Sich-Wehren gegen die Wahrheit - sei es nun in den Medien oder selbst in den Angriffen auf den Glauben. Wir müssen­ also Hörende sein auf dem Weg mit Jesus - müssen das Schreien der Blinden, der Glaubensblinden, der Ungläubigen wahrnehmen - und sie dann, wenn es möglich ist, zu Jesus führen­. Manchmal geschieht es auch in unserem Leben, dass wir diese nach Gott, nach dem Sinn des Lebens schreienden Men­schen durch unsere Lieblosigkeit sogar verstummen lassen. Weil wir Christen eben nicht als Christen leben, können sie Christus nicht finden - sondern sie suchen sich irgendwo einen Guru oder irgendetwas, was ihnen Antwort gibt auf ihre ungelösten Lebensfragen. So müssen wir uns immer wieder fragen: Sind wir in der Gesellschaft Jesu, als seine Jünger - und stieren nur auf unser eigenes Heil? Oder haben wir ein Ohr für die schreienden Blinden an unserem Weg? Bringen wir sie gar zum Schweigen durch unsere Lieblosigkeit, weil wir denken: ,,Hauptsache, wir sind an der Seite Jesu" - und vergessen, sie zu Jesus zu führen? Das heutige Evangelium spricht sehr eindringlich diese tiefen Schichten in unserer Existenz an. Jesus benutzt auch hier wieder eine äußere Situation, um viel tiefere Glaubenswahrheiten anzu­sprechen und uns bewusst zu machen.

Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. (vgl. Vers 49)

Jesus hört den Schrei und bleibt stehen. Er gibt uns ein Beispiel - er bleibt stehen. Aber - hören Sie genau hin! - Jesus ruft ihn nicht selbst, sondern die Leute sollen ihn rufen. Wir sollen also die  Menschen zu Christus führen. Wir müssen rufen. Doch der  Blinde, der Ungläubige, muss auch einen Schritt tun. Er muss  aufstehen - als Zeichen seines Glaubens. Im Evangelium ist jedes Wort eine Aussage. Er „sprang" sogar auf - also glaubte er zu­tiefst: Wenn Jesus mich ruft, wenn ich zu ihm gerufen werde,  dann habe ich Aussicht auf Hilfe. Und er muss nun Schritte auf Jesus zu tun. Er läuft auf ihn zu, sicher geführt von den anderen. Aber er darf nicht stehen bleiben. Aufstehen und Schritte auf Jesus zu tun - das ist wichtig. Jesus verbietet ihm nicht, ihn „Sohn Davids" zu nennen, denn so nennt ihn ja die Schrift. Der Messias ist der „Sohn Davids". Bisher hat er das nicht erlaubt. Jetzt, von dem Blinden, lässt er sich so nennen. Kurz vor Jerusalem lässt er  sich also mit diesem Titel aus dem Alten Testament ansprechen. Denn in Jerusalem, beim Einzug schon, offenbart sich Jesus als der Sohn Davids. Die Leute riefen ihm dort zu: ,,Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" (Mt 21,9)

Doch hier ist es der Blinde, der Jesus diesen Titel zum ersten Mal gibt und Jesus erlaubt es ihm. Jetzt sollen alle, die mit ihm nach Jerusalem ziehen, jetzt sollen sie alle sehend werden. Durch die Begegnung Jesu mit dem Blinden auf diesem letzten Weg nach Jerusalem wird uns gezeigt, dass nur die, die sehend sind, mit ihm gehen können. Sie sollen ihn als Messias erkennen, d.h. sehend  werden. Bis jetzt sind ihm manche gefolgt, weil sie einen politi­schen Messias erwarteten. Nun können sie nur noch mit ihm gehen, wenn sie ihn als den Sohn Davids erkennen und damit sein Schicksal teilen, das des Sohnes Davids, wie es in den Psalmen und in den Gottesknechtsliedern des Jesaja geschildert ist - näm­lich mit ihm in seinen Tod und seine Auferstehung. Sie müssen  sich dafür entscheiden, dass sie das ihm in seinen Tod und in seine  Auferstehung folgen. Denn bis jetzt waren selbst die zwölf Apostel dafür blind. Sie verstanden ihn nie. Immer wenn er von seinem Tod und seiner Auferstehung gesprochen hatte, verstan­den sie ihn nicht. Und jetzt sagt Jesus: ,,Es wird Zeit, dass ihr sehend werdet, sonst werdet ihr mich in Jerusalem nicht verste­hen und ihr werdet vor allem nicht mit mir gehen.“

Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. (vgl. Vers 50)

Hier wird wunderbar im Bild ausgedrückt, dass wir Jesus blind­lings  vertrauen können und alle Sicherungen abwerfen sollen, wenn wir mit ihm den Weg nach Jerusalem gehen wollen. Nur so können wir ihm bis in Tod und Auferstehung folgen, nur so. Der Mantel ist ein Bild dafür. Der Blinde sprang auf und warf den Mantel weg - der Ausdruck seines absoluten Vertrauens. Er zögert keine Minute. Er warf seinen Mantel ab. Der Mantel war für den Blinden existenznotwendig, denn nachts war es so kalt, dass er den Mantel brauchte, um nicht zu erfrieren. Und tagsüber brauchte er den Mantel zum Sammeln. Er legte ihn vor sich hin. Die Leute warfen beim Vorbeigehen das Geld hinein und dann am  Abend raffte er den Mantel zusammen und hatte so das Geld bei­einander. Er brauchte ihn also sehr, der Mantel war notwendig für seine Existenz, nachts wie tags. Der Blinde vertraut Jesus also blindlings und wirft seine Existenzsicherung weg. Es hätte ihm ja in der Zwischenzeit auch jemand den Mantel wegnehmen kön­nen, und er als Blinder hätte das ja nicht bemerkt oder er hätte ihn gar nicht mehr gefunden. Durch dieses wunderbare, starke Bild zeigt Jesus seinen Jüngern, die alle zuschauen und zuhören: Wer sich jetzt entscheidet, mit mir nach Jerusalem zu gehen und mein Lebensschicksal mit mir zu teilen, muss alle Sicherungen abwer­fen und ganz mir vertrauen, total vertrauen, sonst kann er nicht mein Jünger sein. Wir werden im Evangelium immer wieder auf­gefordert, auf alle Sicherungen zu verzichten. Das ist der Kern­punkt. Wir dürfen durchaus Dinge besitzen wie der reiche Jüngling, aber sie dürfen nicht unsere Absicherung sein. Unsere Absicherung ist allein die Liebe und das Erbarmen Gottes und das Vertrauen zu Jesus, sonst nichts. Hier ist es eine ganz andere, wunderbare Art, wie das ausgedrückt wird, gerade bei einem Blinden.

Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. (vgl. Vers 51)

Jesus fragt ihn dann, was er eigentlich wolle, warum er schreie. Das ist wieder ein Zeichen dafür, dass es notwendig ist, vor Gott meine Not auszusprechen im Gebet, - das, was mich bewegt, was mich belastet, vielleicht auch vor anderen Menschen, vor Mitglaubenden, vor der Kirche - um Heilung zu erlangen. Das ist also auch ein Bild für den Weg der Heilung: Was nicht ausge­sprochen wird, wird nur schwer heilen. Und mit der Aussage „Rabbuni, ich möchte sehen können", mit der Antwort auf die Frage Jesu „Was willst du, dass ich dir tue?", will Jesus seinen Jüngern andeuten, dass alle, die jetzt mit ihm gehen, ihn bitten sollten, von ihrer geistlichen Blindheit geheilt zu werden, damit sie Jesus wirklich erkennen als den Sohn Davids. Nur Gott kann diese Blindheit nehmen. Und das geschah dann wirklich an Pfingsten, als alle diese Schleier von den inneren Augen der Apostel und aller Glaubenden genommen wurden. Gott kann diese Blindheit nehmen, aber der Mensch muss ihn darum bitten. So müssen auch wir immer wieder um den Heiligen Geist bitten, dass er uns die Blindheit nehme - die Blindheit, Gott zu erkennen, Jesus zu er­kennen, die Blindheit, dass wir uns Jesus nur so vorstellen, wie wir ihn gerade brauchen, als Helfer in der Not, und sonst nicht viel von ihm wissen wollen. Wenn ich davon geheilt bin, weiß ich: Er ist der Herr und ihm allein will ich dienen und mich ihm allein ausliefern und mich auf ihn allein abstützen. Ich habe nichts an ihm zu kritisieren. So will ich leben. Der Geist Gottes ist es, der aufdeckt, was in uns blind ist, was falsch ist. Um den sollten wir täglich bitten, immer wieder bitten, dass er uns die Blindheit nehme, all unsere falschen Gottesvorstellungen.

Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.  (vgl. Vers 52)

Wieder auch ein Hinweis für alle, die ihm jetzt folgen auf dem Weg. Der Glaube ist entscheidend. Dieses „… er folgte ihm" nach Jerusalem steht im Imperfekt, d.h. er ist ihm von da an gefolgt. Er ist nicht bloß kurz ein paar Schritte mit ihm gegangen, sondern es war seine Lebensentscheidung: Er folgte ihm auf sei­nem Weg. Dieses Bild gilt für alle seine Jünger, für alle, die ihm folgen: Sie müssen eine Lebensentscheidung für Christus treffen.  Das ist heute dran.∎