Mi., 15. Dezember 2021Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Vierter Adventssonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Bibelstellen


Lukas 1, 39-45

In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Biblische Predigten


„In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.“ (vgl. Vers 39-40)

Maria macht sich auf den Weg in eine Stadt im Bergland von Judäa. Es heißt dabei ausdrücklich: Sie ging den Weg in Eile, denn bei der Verkündigung ist ihr vom Erzengel Gabriel ein Zeichen gegeben worden: „Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat.“ (Lk 1,36) Ohne zu verstehen hat sie dazu im Glauben ihr „Ja“ gesagt. Und nun eilt sie also zu Elisabet, um jenes verheißene Zeichen zu sehen. Ihre Eile ist bestimmt von der erwartungsvollen Freude auf dieses Zeichen. Und als sie es sieht, bricht aus ihr das mächtige Gotteslob des Magnifikat hervor.

„Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (vgl. Vers 41-42)

Gleich bei der Begrüßung gibt Gott Maria das verheißene Zeichen. Und es ereignet sich viel mehr als nur das nüchterne Zeichen – dass nämlich Elisabet noch in ihrem Alter ein Kind empfangen hat –, denn es kommt zur ersten Begegnung zwischen Jesus und Johannes, und zwar in den werdenden Müttern.

Heinz Schürmann übersetzt aus dem Griechischen nicht einfach nur „er hüpfte“, sondern: „Er macht einen Freudensprung.“ „Er hüpft in Jubel.“ Und dieser Freudensprung des Johannes ist gleichsam der Hochzeitstanz des Brautführers. In Johannes – der ja vom Hl. Geist erfüllt und von der Erbsünde befreit ist, – jubelt gleichsam schon die Braut Christi, nämlich die Kirche. Das ist eine ganz tiefe und wunderbare Aussage.

Johannes hat also von Anfang an die Aufgabe, auf Jesus hinzuweisen. Er ist der Brautführer, der die Kirche – in seinem Fall: die Jünger – sammelt und zu Jesus, dem Bräutigam führt. Und bereits bei dieser ersten Begegnung beginnt er seinen Hochzeitsjubel.

„Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.” (vgl. Vers 43-44)

Elisabet verkündet – vom Hl. Geist erfüllt – die von ihrem Kind bezeugte Wahrheit, dass nämlich Maria nicht irgendein Kind empfangen hat, sondern Christus, den Herrn, dem Johannes den Weg vorbereiten soll. Es heißt ausdrücklich: Sie rief laut. Ihr lautes Rufen weist auf Gottes Geist hin, der sie erfüllt hat. So heißt es ja auch über Jesus, als er im Tempel stand: „Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ (Joh 7, 37-39): Dieses laute Rufen Elisabets ist also das Rufen nach dem Geist. Elisabet erkennt ihn im Schoß seiner Mutter auf Grund der Salbung des Hl. Geistes, d.h. ihre Christuserkenntnis ist gänzlich geistgewirkt. Ähnliches erfährt Petrus an anderer Stelle: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Mt 16,17)

Maria ist die Mutter des Messias. Sie ist die Begnadetste aller Frauen, wie es Elisabet ausdrückt. Dieses Geheimnis Mariens, auch im Sinne ihrer Sendung innerhalb der Kirche und innerhalb des Gottesreiches, ist theologisch und mariologisch noch nicht voll erschöpft, noch nicht ganz und gar erkannt. Schürmann weist

z.B. darauf hin, dass das griechische Wort „agalliasis“ (αγαλλιασισ) nicht nur die Begrüßung Jesu durch Johannes meint, sondern schon den eschatologischen Jubel über den Anbruch des Messiasreiches enthält. Was hier zwischen Johannes und Jesus geschieht, dieses Hüpfen und dieser Jubel des Johannes im Schoß seiner Mutter ist dann nicht einfach nur eine Privatangelegenheit zwischen Johannes und Jesus, sondern es ist bereits der endgültige Jubel der ganzen Kirche und des Himmels über den Anbruch des Messiasreiches. Dieser Jubel wird hier im Schoß der Mutter gleichsam gottgewirkt vorverlegt. Bereits hier beginnt der Hochzeitstanz des Brautführers.

„Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.” (vgl. Vers 45)

Hier ist die Mutterschaft Mariens schon sehr tief verstanden und ausgedrückt, nämlich auch als geistliche Mutterschaft: Maria ist die Frau des Glaubens. Mit ihr beginnt der Glaube auf Erden und deshalb kann sie von sich selber sagen: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ (Lk 1,48) Sie ist nicht nur die Mutter Jesu, sondern als Frau des Glaubens die Mutter aller Menschen. Das ist ihre eigentliche Heilssendung innerhalb des Heilsplanes Gottes, die hier bereits durch Elisabet ganz tief ausgedrückt wird.

Damit ist bereits an diesem vierten Adventssonntag das Geheimnis der Menschwerdung Gottes vorbereitet. Wir beginnen hier bereits, dieses Geheimnis im Schoß Mariens zu betrachten. Wer ist der, den sie empfangen hat? Wer ist sie, die sie ihn gebären wird? Welche Sendung hat sie? Was ist uns mit dieser Menschwerdung von Gott an Unbegreiflichem geschenkt? Sind wir noch dankbar dafür? Lebt in uns wirklich die Erwartung auf Weihnachten? Denn das ist der Sinn des Evangeliums, dass auch in uns diese Menschwerdung neu und in einer vertieften Weise möglich wird, und zwar nicht ohne Maria. Sie, die Frau des Glaubens, führt uns in das Geheimnis ihres Inneren ein, in das Geheimnis Jesu. ∎