Mi., 4. Mai 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Vierter Sonntag der Osterzeit

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

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Bibelstellen


Johannes 10,27-30

Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.

Biblische Predigten


„Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.“ (vgl. Vers 27)

Das heutige Evangelium ist ein zwar sehr kurzer, aber dennoch wunderbarer Text. Es enthält eine wunderbare Zusage des Herrn. Voraus geht die Auseinandersetzung mit den Juden, die zwar seine Zeichen gesehen haben, aber seinem Wort nicht glauben. Jesus sagt sogar sehr deutlich: Weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört, glaubt ihr nicht.

Jesus setzt dem Unglauben der Juden nun gleichsam wie ein Kontrast das Verhalten derer gegenüber, die zu seinen Schafen gehören, die also ganz auf Jesus hören: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ „Hören“ hat mit Gehorsam zu tun. Wenn ich ihm gehöre, dann habe ich auch die Sehnsucht, nur seinen Willen zu tun, weil ich weiß, dass er es gut mit mir meint. Der Hirte lebt und stirbt für seine Schafe. Deshalb kann ich mich diesem Hirten total ausliefern. „Meine Schafe“ sind die, die dem Hirten trauen, der sich selbst für sie hingibt. Und deshalb hören sie auf ihn. Gehören auch wir zu seinen Schafen? Hören wir auf ihn in der Gewissheit, dass er es gut mit uns meint?

Aber wo hören die Menschen heute noch auf Christus in seinen Jüngern und in seiner Kirche? Denn durch sie spricht er ja heute auch zu uns. Der Papst, die Bischöfe und die Priester haben sein Hirtenamt übernommen und er hat zu Petrus gesagt: Weide du jetzt meine Schafe und leite und führe sie. An anderer Stelle sagt er ganz klar: Wer euch hört, hört mich. Wer euch verachtet, verachtet mich und den, der mich gesandt hat. Wie viel Ungehorsam erleben wir heute – auch unter Christen – demgegenüber, der dieses Hirtenamt von Jesus übertragen bekommen hat? Hören wir noch auf seine Stimme? Nur die, die zu ihm gehören, können glauben, sagt Jesus. Im dem Evangeliumstext vorangehenden Vers heißt es: „Ihr glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört,“ (Joh 10,26) weil ihr euch mir als Hirten nicht anvertraut. Da müssen auch wir uns ganz ehrlich prüfen: Höre ich auf Christus, so wie er heute zu mir spricht, d.h. durch den, dem er sein Hirtenamt übergeben hat, durch Petrus, den jetzigen Papst, immer den ganz konkreten Menschen, den Jesus berufen hat, durch ihn zu sprechen?

Dann benennt Jesus ganz deutlich, wer zu ihm gehört, nämlich diejenigen, die er kennt. „Kennen“ in diesem biblischen Sinn heißt jemanden ganz und gar durchschauen und sich ganz für ihn einsetzen. Mit diesen Worten wird also ein reines Verhältnis zueinander beschrieben.

„Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ (vgl. Vers 28)

Jetzt kommt diese großartige Zusicherung und Verheißung Jesu. Er schildert darin auch seine Sorge für die Seinen. Er kennt sie, ist mit ihnen vertraut und behütet sie. Das ist seine Hirtensorge. Jesus gibt hier die Versicherung, dass den Seinen der Heilsbesitz nicht geraubt werden kann. „Sie werden niemals zugrunde gehen.“ Wenn wir zu Christus gehören und ihm ausgeliefert sind im Sinn von „ganz freiwillig ihm gehören“ wird uns niemand den Heilsbesitz rauben können. Wir können ihn nur selber freiwillig wegwerfen, wie es auch in der Geheimen Offenbarung heißt, aber rauben kann ihn uns niemand. Das ist eine ganz wichtige Verheißung: Niemand kann uns diesen Heilsbesitz einfach gegen unseren Willen rauben.

„Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.“ (vgl. Vers 29)

An dieser Stelle wird deutlich, dass die Macht Jesu, die die Seinen behütet, eigentlich die Macht des Vaters ist, der viel größer ist als alle Menschen und Mächte, die die Schafe bedrohen. Jesus gibt ihnen gewissermaßen eine Absicherung. Denn sie sind ja die Schafe des Vaters, die dieser ihm anvertraut hat, damit er an ihnen sein Heilswerk vollbringe und sie erlöse. In der Auseinandersetzung mit den Juden beruft sich Jesus ständig auf diesen Willen und die Autorität des Vaters, dem ja die Schafe gehören.

Jesus spricht hier bereits im Abendmahlssaal im Blick auf seine Erlösungstat. Für die Schafe steht insofern jetzt schon der Gedanke an den Tod des Hirten, von dem Jesus immer wieder gesprochen hat, im Hintergrund. Was wird sein, wenn Jesus, der Hirte, dem der Vater uns anvertraut hat, tot ist? Jesus gibt eine klare Antwort: Wenn der Sohn ins Leiden geht und in den Tod, wird der Vater selber wieder den Schutz der Jünger übernehmen. Darum betet Jesus in Joh 17,11: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast,“ – weil er eben selbst durch den Tod nicht mehr in dieser Welt ist.

„Ich und der Vater sind eins.“ (vgl. Vers 30)

Nach der betonten Zusicherung Jesu seiner eigenen Sorge für die Schafe und nach der Zusage, dass die Macht des Vaters sie bewahrt, hebt Jesus nun seine Einheit mit dem Vater hervor: „Ich und der Vater sind eins.“ Diese Formulierung übertrifft alles, was Jesus bisher im Johannesevangelium schon über sein Verhältnis zum Vater gesagt hat. In der Führung der Schafe und im Beschützen der Schafe wird die Einigkeit plötzlich zur Einheit, weil die Schafe beiden gemeinsam gehören und in ihre Gemeinschaft aufgenommen sind. Jesus sagt: Niemand kann sie meiner Hand entreißen. Der Vater hat sie mir gegeben, aber sie gehören dem Vater und niemand kann sie der Hand des Vaters entreißen, denn er ist stärker als alle Angreifer. Die Schafe sind gleichsam in einer Hand. Sie sind hineingenommen in diese Einheit zwischen Vater und Sohn. Das ist etwas Wunderbares. Wir gehören beiden, beide aber sind eins.

Mit diesem Satz eröffnet sich uns der Blick in das Geheimnis des Verhältnisses von Vater und Sohn. Darüber kann man nicht genug meditieren und es betrachten. Das ist genau das, was christliche Mystiker in allen Jahrhunderten erfahren haben: dieses Hineinwachsen und Hineingenommen-Sein in die Einheit von Vater und Sohn. Hier erfährt der Mystiker gleichsam: Er ist eins mit dem Vater, mit dem Sohn und mit dem Hl. Geist und er nimmt Teil an ihrer gegenseitigen Liebe. Der Vater liebt so in mir den Sohn und der Sohn in mir den Vater, denn meine menschliche Liebe ist viel zu schwach, um Gott gebührend zu lieben. Es ist die Liebe Gottes selber in mir, des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater, denn beiden gehöre ich. Das ist ein wunderbares Geheimnis, das wir immer wieder betrachten sollten.

Nehmen wir also vom heutigen Evangelium die Zusicherung mit: Wenn wir zu seinen Schafen gehören, d.h. ihm ganz anheim gehören, ihm uns ganz hingegeben haben und ihm ganz trauen, wie die Schafe dem Hirten, dann kann niemand, keine Macht der Welt uns weder der Hand des Vaters noch des Sohnes entreißen. Wir sind hineingenommen in diese Einheit von Vater und Sohn. Wir können höchstens freiwillig wegwerfen, was wir erhalten haben.