Mi., 26. Januar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

4. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

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Bibelstellen


Lukas 4, 21-30

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.

Biblische Predigten


„Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (vgl. Vers 21)

Wie wir bereits im Evangelium vom letzten Sonntag betrachtet haben, ist Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens in seine Heimat gekommen. Was dieses Kommen bedeutet, haben wir bereits gesehen: Alles, was er sagt, hat nun Bedeutung für sein eigenes Leben, und für die Zeit der Kirche bis zu ihrer Vollendung.

Zu Beginn steht im Griechischen: „ηρξατο λεγειν“. Diesen Satz kann man leicht überlesen, aber er enthält eine ganz wichtige Aussage. „λεγειν“ ist im Griechischen „der Anfang“. Aber Jesus fängt nicht einfach an, irgendetwas zu erzählen, sondern er macht jetzt den Anfang seiner Verkündigung. Jetzt beginnt sein messianisches Auftreten, das in seinem Tod endet. Das griechische „γραφη“ für Schriftwort meint eine Schrifterfüllung und zwar ein Verheißungswort, das auf Christus bezogen ist. „Heute“ hat sich also diese Christusverheißung erfüllt. Und dieses „heute“ (Σημερον) ist nicht historisch gemeint, sondern es bleibt: Es ist die Erfüllung einer Verheißung. Es ist immer noch heute, auch jetzt. Die Verheißung, die „ihr eben gehört habt“, ist also gegenwärtig, wörtlich heißt es: in euren Ohren gegenwärtig, d.h. sie hat sich in Christus erfüllt.

„Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?“ (vgl. Vers 22)

Während in der Einheitsübersetzung steht: „sie staunten darüber, wie begnadet er redete.“, heißt es im griechischen Original wortwörtlich: „Sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund kamen.“ Das ist ein entscheidender Unterschied. Über einen Politiker kann man z.B. sagen: Das ist ein begnadeter Redner, er hat eine Begabung zu reden. Aber „Worte der Gnade“ zu haben, ist doch etwas entscheidend anderes als einfach „nur“ begabt zu reden. Es geht um dieses Wort der Gnade, das nur Jesus sprechen kann.

Deshalb steht das Wort, das die Gnade bewirkt, das Glauben bewirkt, an erster Stelle. Und darum staunen auch die Zuhörer in der Synagoge über die Worte der Gnade, die aus Jesu Mund kommen. Entscheidend ist also das Wort! Wunder hingegen helfen nur denen, die schon im Glauben begonnen haben. Wie viele Zeichen und Wunder geschehen überall auf der Welt. So wird z.B. das Herz der hl. Theresa von Avila, das sich in einem Glasgefäß befindet, heute noch so heiß, dass das Gefäß schmilzt – heute noch, nach 400 Jahren. Und es gibt unzählige weitere Wunder und Zeichen auf der Welt. Jeder Atheist könnte sich darüber informieren, aber er wird dadurch nicht gläubig. Darum ist dieses Verheißungswort, das in Christus erfüllt wird, so wichtig. Dieses Wort der Gnade aber ist die Heilige Schrift. Wir müssen heute wieder mehr den Mut haben, den Menschen das Wort der Schrift, dieses Wort der Gnade, das den Glauben bewirkt, mitzuteilen.

Interessant ist dann die Frage der ja scheinbar so von Jesus begeisterten Nazarener: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ Hier mischt sich etwas Zweideutiges in das begeisterte Staunen. Der Beifall scheint doch nicht so eindeutig, sondern enthält bereits erste Zweifel

„Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!“ (vgl. Vers. 23)

Auch Jesus entgeht diese Zweideutigkeit des Beifalls nicht und er entlarvt sie umgehend durch seine Worte. In Joh 1,46 finden wir die – rhetorische – Frage des Nathanael: „Aus Nazareth? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ Das weist darauf hin, dass Nazareth und seine Bewohner keinen besonders guten Ruf in Israel hatten. Die Aufforderung: „Arzt, heile dich selbst!“ (V. 23) würde dann, auf Jesus bezogen, bedeuten: Du bist doch auch ein Nazarener. Du hast doch denselben schlechten Ruf wie wir, weil du aus Nazareth kommst. Dann tue doch jetzt auch hier Zeichen und heile damit dich selbst und auch uns, damit wir einen besseren Ruf bekommen.

Jesus offenbart seinen Zuhörern durch das Schriftwort also sehr deutlich, was sie in ihren Herzen denken, welche Zweifel sie haben, die sie in dieser Frage ausdrücken: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ (V. 22) Der Umschwung von der anfänglichen Zustimmung zur zunehmenden Ablehnung bis hin zum Mordversuch, wird durch diese Herausforderung Jesu bewirkt.

„Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.“ (vgl. Vers 24-27)

War die Entgegnung Jesu bis zu dieser Stelle schon schwer verdaulich, so musste das Folgende seine Zuhörer noch viel mehr provozieren. Denn Jesus weist am Beispiel des Elija und des Elischa jetzt auf die Propheten hin, die in ihrer Heimat eben nichts gelten und deshalb zu den Heiden gehen.

Hier in Nazareth legt Jesus sein ganzes Lebensprogramm dar und damit das ganze Programm der Kirche, nämlich als erstes das Wort Gottes, das Wort der Gnade, zu verkünden und dann die Zeichen zu wirken, die gleichsam Begleiterscheinungen dieser Verkündigung sind: Wunder, Heilungen und Dämonenaustreibungen. Und dann weitet Jesus seinen Auftrag aus, über das auserwählte Volk Israel hinaus. Nicht nur Israel ist das Ziel seiner Sendung, sondern die Heiden, sprich: die ganze Welt. Eine ungeheuerliche Provokation für jeden gläubigen Juden!

„Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ (vgl. Vers 28-30)

Die Reaktion der Zuhörer in der Synagoge zeigt sehr deutlich, wohin der Weg Jesu gehen wird: Bereits hier wird das Evangelium zur Passionsgeschichte. Sie wollen ihn umbringen. Und das ist auch das Endziel seines Wanderweges, nämlich Jerusalem, wo ihn Tod und Auferstehung erwarten. Hier also erfüllt sich bereits das Wort des greisen Simeon, das er zu Maria gesprochen hat, als sie Jesus in den Tempel brachte: „Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden.“ (Lk 2,34f.)

Dieser Prozess des Überführt-Werdens, den Jesus hier vollzieht, kommt jetzt durch Christus und seine Wirklichkeit in Gang, und er dauert bis heute an. Deshalb wird Christus immer verfolgt sein, in seinen Gliedern. Überall, wo Christen ihr Christentum bewusst leben, werden sie verfolgt, sogar innerhalb des Christentums selbst. Sie werden verspottet, für dumm verkauft usw. Das alles hat in dieser Szene begonnen und wird bis zur Wiederkunft Christi so bleiben. Es ist wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusstmachen, damit wir wissen, womit wir zu rechnen haben: dass man keine roten Teppiche für uns ausrollt wenn wir kommen, sondern dass man uns droht bis hin zum Tod, sei es nun ein geistiger (z.B. Rufmord) oder ganz konkret der physische Tod. Das ist es, womit wir als entschiedene Christen heute und auch in Zukunft rechnen müssen!

Der Geist, den Jesus uns gesandt hat und der in ihm und in der Kirche lebendig ist, überführt die Welt und benennt ganz klar, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht sind. Doch von diesen Dingen will die Welt nichts wissen. Deshalb greift sie Christus in seiner Kirche, in seinen Gliedern und in seinem Leib an.

Die Menschen von Nazareth erwarteten einen irdischen Vorteil. Sie wollen ihren schlechten Ruf verlieren. Aber der Hinweis Jesu auf Kafarnaum weist bereits auf die Zukunft hin, dass er nämlich im eigenen Volk abgelehnt und von den Fremden, den Heiden, aufgenommen wird, so wie es dann die Missionstätigkeit von der frühen Kirche bis heute deutlich zeigt. Denn auch über Kafarnaum wird Jesus eines Tages ein eindeutiges Urteil sprechen: „Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.“ (Mt 11,23) Das aber ist genau das, was die Menschen heute immer wieder suchen: Zeichen und Wunder. Wann und wie beten wir? Beten wir aus Liebe zu Gott, als Ausdruck, ihm nahe zu sein und ihm dankbar zu sein für seine Erlösungstat, aus Freude und aus Hingabe an ihn? Oder beten wir nur wenn wir etwas von Gott wollen – und wenn wir nichts wollen, interessiert er uns nicht mehr?

Dieses Geschehen in Nazareth ist also nicht einfach nur eine geschichtliche Vergangenheit, sondern es ist Gegenwart und auch Zukunft. Es deutet schon an, wie Jesu Leben auf Erden einmal enden wird. Da aber seine Stunde, seine Hinaufnahme ans Kreuz noch nicht gekommen ist, entgeht Jesus auf geheimnisvolle Weise seinen Mördern in Nazareth. Er geht einfach durch ihre Mitte hindurch weg und keiner kann ihm etwas antun. Jesus geht weg und wandert weiter, wie es ihm befohlen ist. Denn der Weg Jesu ist von Anfang an ein Weg der Wanderung, d.h. ein Weg zum Kreuz und zum Himmel. ∎