Mi., 30. März 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Fünfter Fastensonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Christ and the Adulteress, by Rembrandt van Rijn.

Bibelstellen


Johannes 8,1-11

Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Biblische Predigten


Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. (vgl. Vers 1-2)

Jesus geht tagsüber in den Tempel und lehrt, aber am Abend geht er zum Ölberg und verbirgt sich dort vor seinen Feinden, die ihn ja immer noch suchen, um ihn festzunehmen, bis am Gründonnerstag Judas dieses Versteck verrät.

Wenn es heißt „Er setzte sich“ so ist das gleichsam die normale Verhaltensweise des Lehrers. Der Lehrer lehrt normalerweise sitzend in der Synagoge auf dem Stuhl des Mose. Sich setzen und lehren ist also nach jüdischem Brauch das Zeichen des Lehrers.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. (vgl. Vers 3-6a)

Interessanterweise werden die Schriftgelehrten bei Johannes nur an dieser Stelle erwähnt, sonst ist immer nur die Rede von den Pharisäern. Aber dieser Fall beschäftigt die Schriftgelehrten scheinbar von Amts wegen. Deshalb werden sie hier genannt.

Die Schriftgelehrten und Pharisäer nennen Jesus Lehrer, d.h. sie legen ihm, dem Lehrer, diesen konkreten Fall zur Entscheidung vor. Und die Absicht dieser Leute ist eindeutig: Jesus soll in Verlegenheit gebracht werden. Sie wollen einen Grund finden um ihn zu verklagen. Sie wollen ihn loswerden. Und tatsächlich gerät Jesus in eine sehr schwierige Situation. Er muss sich entscheiden zwischen der Barmherzigkeit, die er predigt, und dem Wortlaut des Gesetzes. Wendet er sich gegen das Gesetz, droht ihm unter Umständen selbst die Steinigung. Wie also soll er sich entscheiden?

Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. (vgl. Vers 6b-8)

Die Pharisäer und Schriftgelehrten suchen also einen Grund, um Jesus anzuklagen. Dieser aber gibt ihnen keine direkte Antwort. Weder verurteilt er die Frau, noch spricht er sie frei, sondern er schreibt mit dem Finger in den Sand.

Was Jesus nun genau geschrieben hat, wird unterschiedlich gedeutet: Einige Theologen meinen, er habe die Sünden der Ankläger, also der Schriftgelehrten und Pharisäer, in den Sand geschrieben. Andere verweisen auf den Propheten Jeremia, wo es heißt: „Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben; denn sie haben den Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ (Jer 17,13) Jesus verweist die Ankläger an das Gericht Gottes, vor dem alle Sünder sind, sodass Gott sie alle in den Staub schreiben müsste. Dieser Auslegung entspricht eigentlich der nächste Vers: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ Es ist anzunehmen, dass Jesus wirklich etwas in den Sand geschrieben hat, nämlich die Sünden der Ankläger.

Jesus handelt also unbeeindruckt von dem, was da geschieht, und das Handeln Jesu, das, was er da in den Staub schreibt, ob es nun ihre Sünden waren oder ihre Namen, scheint ihrerseits die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht zu beeindrucken, denn sie Fragen ja hartnäckig weiter. Aber jetzt, als er aufsteht und ihnen klipp und klar sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ – da beginnt etwas. Jetzt werden sie unsicher. Der griechische Ausdruck „ohne Sünde“ findet sich im Neuen Testament nur an dieser Stelle. Wer will als Zeuge gegen diese Frau auftreten, wenn das Zeugnis Gottes gegen ihn selbst steht? Wie will ich einen andern der Sünde bezichtigen, wenn ich selber in der Sünde lebe?

Dann bückt sich Jesus erneut und schreibt auf die Erde. Wenn also die obige Deutung dessen, was Jesus in den Sand geschrieben hat, richtig war, dann schreibt jetzt Gott die Sünder gleichsam in den Staub. Hier soll das Wort als solches seine Wirkung tun: Nicht das Handeln Jesus hat die Pharisäer und Schriftgelehrten bewegt, sondern sein Wort. Hier spüren wir wieder die Wirkung des Wortes Gottes, wie früher schon einmal in Nazareth: Das Wort der Gnade, das hat sie alle zum Bewundern gebracht. Das ist dieses Wort, das die Herzen trifft.

Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. (vgl. Vers 9)

Die da einer nach dem anderen fortgehen, nachdem sie die Antwort Jesu gehört haben, sind sicherlich die Schriftgelehrten und Pharisäer, denn „Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.“ Und diese Mitte ist das Volk, das die Frau zwar nicht angeklagt, sich aber doch bei der Begegnung Jesu mit ihr um sie herum versammelt hat. Bemerkenswert ist die Formulierung: „zuerst die Ältesten“. Warum? Gemeint ist das Lebensalter. Und der Ältere muss sich der in seinem langen Leben angehäuften Sünden eigentlich erinnern!

Aber auch nach dem Weggang der Schriftgelehrten und Pharisäer stehen die Frau noch immer als Angeklagte und Jesus als angefragter Richter da. Wie entscheidet nun Jesus? Das ist die Frage. Augustinus schreibt dazu: „Zurück blieben zwei – das Elend und die Barmherzigkeit.“

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (vgl. Vers 10-11)

Bis jetzt hat Jesus nur mit den Pharisäern und Schriftgelehrten gesprochen. Hier spricht er nun zum ersten Mal die Frau an. Und er fragt nicht nach ihrer Schuld, so wie es der Vater beim verlorenen Sohn auch nicht getan hat. Er fragt sie nach ihren Anklägern. Denken wir an die Frau am Jakobsbrunnen, wo Jesus auch nicht mit Vorwürfen auf sie zugegangen ist, sondern mit ihr so gesprochen hat, dass diese Frau sich schließlich selber als Sünderin bekennen konnte. Auch hier möchte Jesus der Frau die Antwort leicht machen, indem er sie nach ihren Anklägern fragt: „Hat dich keiner verurteilt?“ – „Keiner, Herr.“ – „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Die Frau nennt Jesus hier „kyrios“ – „erhöhter Herr“. Es ist Zeichen der Ehrfurcht, die sie vor ihm hat. Aber sie weiß auch, dass er das letzte Wort zu sprechen hat, denn die Schriftgelehrten haben sie vor sein Gericht gestellt und die Entscheidung ihm überlassen. Sie haben ihn Lehrer genannt. Und tatsächlich klingt sein Wort wie eine ganz klare richterliche Entscheidung: „Auch ich verurteile dich nicht.“

Der Sinn dieses Freispruchs aber ist das zweite Wort: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Die Barmherzigkeit wird dem Menschen gewährt, damit er künftig die Sünde meidet. Ich kann die Barmherzigkeit Gottes nicht ausnutzen und auf die Barmherzigkeit Gottes sündigen. Wer das tut, wird dem Gericht verfallen, d.h. er wird der Gerechtigkeit begegnen und kann dann nicht mehr vor Gott bestehen. Jesus nimmt sich der Sünder an. Er will nicht richten, sondern retten. Voraussetzung ist aber, dass wir uns bemühen, nicht mehr zu sündigen. Wir müssen das uns Mögliche tun, um diese unendliche Barmherzigkeit empfangen zu können.

Das heutige Evangelium – am Ende der Fastenzeit, in Vorbereitung auf Ostern – ist wieder eine ganz starke Einladung an uns, wirklich umzukehren und die Barmherzigkeit Gottes in Anspruch zu nehmen, mit der Entscheidung, nicht mehr zu sündigen und ein neues Leben auf Gott hin zu beginnen. ∎