Mi., 11. Mai 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Fünfter Sonntag der Osterzeit

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

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Bibelstellen


Johannes 13,31-33a 34-35

Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

Biblische Predigten


„Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.“ (vgl. Vers 31-32)

Dieser eigentlich recht kurze Text ist etwas kompliziert. Er schildert ein Geheimnis, das man mit Worten nur sehr schwer ausdrücken kann. Jesus ist im Abendmahlsaal. Er steht ganz kurz vor seinem Leiden. Judas ist bereits in die Finsternis hinausgegangen, um Jesus zu verraten. In diesem Moment sagt Jesus ganz betont: „Jetzt“, d.h. in diesem Augenblick ist der Menschensohn verherrlicht. Es geht um diese Stunde, von der er zuvor immer wieder gesprochen hat mit den Worten: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“. Es geht um die Stunde, da er aus der Welt zum Vater geht, um die Stunde seines Todes und seiner Auferstehung. In Joh 13,1 betont er das ganz stark: „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“

Dieses „nun, jetzt“ hat sich in den vorhergehenden Texten schon einige Male wiederholt. Jesus spricht dort immer wieder von seiner Stunde. Diese Stunde ist jene Stunde, auf die hin er Mensch geworden ist und gelebt hat. In dieser Stunde wird er am Kreuz erhöht und genau dadurch verherrlicht. An dieser Stelle wird die Unzulänglichkeit menschlicher Sprache offenbar. Jesus wird genau in dem Moment verherrlicht, als er den schmachvollen Tod am Kreuz erleidet. In diesem Augenblick vollendet sich der Sinn seines Lebens, die Erlösung der Menschheit. Letzten Sonntag haben wir gehört, wie der Vater ihm die Schafe anvertraut, damit er sie erlöst. Sie sind ganz sein. Die Erhöhung Jesu, der Höhepunkt seines Lebens, ist die Erlösung der Menschheit.

„Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht.“: Es ist schwer, Parallelen zu diesem Geheimnis zu finden. Eine mögliche Parallele wäre vielleicht folgende: Jemand erfindet etwas und entdeckt plötzlich, dass andere Menschen seine Erfindung gebrauchen können und sich daran freuen. Dadurch ist der Erfinder anerkannt, man könnte sagen: verherrlicht. Verherrlichen ist im Text des heutigen Evangeliums aber nicht einfach nur irdisch gemeint, sondern etwas Himmlisches. Jetzt hat Jesus den Höhepunkt des Willens des Vaters erreicht. Damit ist er ganz in Gott verherrlicht. Jesus spricht in der dritten Person, wenn er sagt: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht.“ Den Titel Menschensohn hat schon der Prophet Daniel für den gebraucht, der kommen wird auf den Wolken des Himmels. Darum beschreibt Jesus mit seinen Worten ein himmlisches Geschehen, denn er erfüllt damit den Willen des Vaters im Himmel total und ohne Einschränkungen. Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht in Gott, dem Vater.

Diese Verherrlichung durch den Vater meint nicht nur die Herrlichkeit des Himmels nach der Himmelfahrt, wenn Jesus wieder beim Vater ist, sondern die Verherrlichung durch die Vermittlung des Heils an die Menschen. Dadurch, dass Jesus die Menschen rettet und damit den Willen des Vaters erfüllt, ist er verherrlicht. Immer, wenn wir heute in den Sakramenten, in der Verkündigung, im Wort Gottes, in allem, was uns die Erlösungsgnade bei seiner Erhöhung am Kreuz ermöglicht hat, sein Heil mit Freuden annehmen, ist Jesus verherrlicht, denn er wird dadurch anerkannt, dass er uns erlöst hat und dass wir die Erlösung annehmen, die er uns angeboten hat. Die Verherrlichung des Menschensohnes und die Verherrlichung Gottes gehen ineinander. Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen, denn es ist ja nur noch kurze Zeit bis zur Himmelfahrt, aber auch bis zur Erhöhung Jesu am Kreuz. Hier klingt wieder der letzte Satz vom Evangelium des letzten Sonntags an: „Ich und der Vater sind eins.“

Letztlich fehlen uns die passenden Worte, um dieses Geheimnis ausdrücken zu können. Die Verherrlichung des Sohnes ist zugleich die Verherrlichung des Vaters, denn der Vater wollte uns erlösen und wieder ganz an sich ziehen. Der Sohn hat diesen Auftrag erfüllt, sodass die Verherrlichung des Sohnes durch die Erlösung zugleich die Verherrlichung des Vaters ist. Die Verherrlichung des Menschensohnes und die Verherrlichung Gottes wird hier als ein Nacheinander und ein Ineinander geschildert. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wenn also der Sohn in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen. Denken Sie an die Einheit zwischen Vater und Sohn. Der Vater ist in Jesus verherrlicht. Er wollte in seiner unendlichen Barmherzigkeit unser Heil und unsere Erlösung. Der Vater und der Sohn sind am Erlösungswerk beteiligt, deshalb sind auch beide verherrlicht. Der Vater hat beim Kreuzestod des Sohnes nicht zugeschaut, sondern sich im Sohn hingegeben. Er hat die Trennung von Vater und Sohn ausgehalten, als der Sohn die Sünde auf sich nahm.

„Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch.“ (vgl. Vers 33a)

Nach dem Lichtblick der Verherrlichung eröffnet Jesus seinenJüngerndieschmerzlicheTatsachederkommendenTrennung.ErnenntdieJüngerhierganz liebevoll„teknia“(τεκνια), „Kindlein“.DieseBezeichnungkommtindenEvangeliennurandieser Stelle vor. Im griechischen Text sagt Jesus nicht „kurze Zeit“,sondern nur „kurz“ („mikron“μικρον) – und zwar am Gründonnerstag. Am Karfreitag aber wird er ihnen genommen bis zumOstersonntag, und dann noch einmal bei der Himmelfahrt, umschließlichganzbeimVaterzusein.

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (vgl. Vers 34)

Das neue Gebot, das Jesus den Jüngern gibt, ist Zeichen der Jüngerschaft. Den Jünger soll man an diesem neuen Gebot erkennen. Nach dem Weggang Jesu sind die Jünger allein. Wodurch sind sie mit ihm dann noch verbunden? Dadurch, dass sie wie Jesus für die Mitmenschen leben, d.h. die Liebe leben. Jesus sagt: Diese Liebe ist nicht eure Liebe, sondern meine. Durch meine Liebe bin ich mit euch verbunden. Dadurch seid ihr nicht einsam und verlassen. An anderer Stelle sagt Jesus: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ (Joh 15,9) Hier heißt es: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Im Griechischen ist damit nicht die menschliche Liebe gemeint, die man mit „philein“ (φιλειν) ausdrückt, also die freundschaftliche Liebe, sondern „agapein“ (αγαπειν), die Agape, die göttliche Tugend der Liebe. Diese Liebe ist Person: Hl. Geist. Diese Liebe des Vaters zum Sohn ist die Liebe des Sohnes zu uns, sodass wir in ihr die Liebe des Vaters erfahren und damit die Gegenwart des Vaters. Diese Liebe des Sohnes zu uns ist Hl. Geist, die Liebe in uns. So erfahren wir durch diese göttliche Liebe wiederum die Gegenwart Jesu in uns. Deshalb spricht Jesus von einem neuen Gebot.

„Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Im Griechischen steht für dieses „Wie“ katos, also ein begründendes „Wie“. Die Begründung dafür, dass wir einander lieben, ist nicht die menschliche Liebe, die wir aus eigener Kraft leben können, sondern die göttliche Tugend der Liebe, die uns befähigt, bis hin zur Feindesliebe zu lieben, weit über die rein menschliche Liebe hinaus. Deshalb sagt Jesus: Diese Liebe ist ein neues Gebot. Bis jetzt war es euch gar nicht möglich, so zu lieben. Ihr habt zwar menschlich geliebt, aber ihr habt auch viel gehasst. Ihr habt oft nicht lieben können, wo menschliche Liebe am Ende war. Jetzt aber kommt ein neues Gebot, weil euch durch die Erlösung eine neue Kraft geschenkt wird. Jetzt, wenn Jesus weggeht, wenn er verherrlicht ist, wenn seine Stunde gekommen ist, wird er uns den Hl. Geist verdienen, die „agape“ (αγαπη), die göttliche Tugend der Liebe, die uns in der Taufe eingegossen ist.

Wenn wir also in einer schwierigen Situation sind, in der uns die Liebe für einen Menschen schwer fällt, sollten wir uns immer wieder fragen: Müssen wir diesen Menschen wirklich hassen? Müssen wir ihm ein böses Wort sagen oder dürfen wir in uns spüren: Es ist kein Zwang in mir, ich muss nicht hassen. Ich kann auch schweigen. Ich kann auch warten, bis ich irgendwann wieder gute Worte für ihn finde. Wenn wir zu den Schafen gehören – denken wir an das Evangelium des letzten Sonntags – wenn wir also wirklich mit Christus verbunden sind, wenn wir die göttliche Tugend der Liebe, den Hl. Geist zulassen, dann können wir tatsächlich lieben. Wir müssen nicht hassen, selbst wenn unsere ganzen Gefühle aufwallen. Wir müssen unseren Gefühlen nicht freien Lauf lassen und bewusst gegen den Menschen kämpfen, mit dem wir uns gefühlsmäßig schwer tun. Wir können ihn so akzeptieren wie er ist. Wir können warten. Und auf einmal erfahren wir eine neue Kraft in uns: die göttliche Tugend der Liebe. Deshalb hat Jesus uns ein neues Gebot gegeben. Vorher war es uns nicht möglich, so zu lieben. Jetzt geht es. Die Liebe des Vaters zum Sohn, die Liebe des Sohnes zu uns und unsere Liebe zueinander ist dieselbe Kraft der Liebe. Jesus kann diese Liebe als Gebot formulieren, weil sie mehr Kraft ist als Gebot. Sie ist eine Fähigkeit. Jesus sagt uns hier etwas Wunderbares.

„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (vgl. Vers 35)

Dass wir zu Christus gehören, so wie Jesus zum Vater gehört, erkennen wir an der Liebe des Sohnes zum Vater. Den Jünger wiederum erkennt man an seiner Liebe zu Jesus und zu denen, die zu Jesus gehören, d.h. an diesem neuen Gebot, an der Kraft der Erlösung.

Die größte Kraft der Erlösung ist diese Liebe. Daran erkennt man die wahre Erlösung. Deshalb ist es so traurig, wenn wir immer wieder erfahren müssen, dass sich in Gemeinden wirklich gute Christen, die sich sogar zusammenschließen und mehr tun als andere, gegenseitig bekämpfen und gegenseitig ausschließen, sodass dort plötzlich die Liebe nicht mehr gelebt wird. In solchen Momenten kann man die Erlösung nicht mehr spüren, denn diese zeigt sich ja v.a. im Hauptgebot der Liebe. Achten wir darauf und entdecken wir die Kraft der Liebe, die zu diesem neuen Gebot geführt hat, die göttliche Tugend der Liebe, die „agape“ (αγαπη). An dieser Liebe wird die Welt die Jünger erkennen. Diese göttliche Tugend der Liebe ist etwas ganz anderes als das, was die Welt unter Liebe versteht und lebt. Achten wir also auf dieses Kennzeichen des Christen, das die Jünger ausmacht.