Mi., 9. Februar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

6. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

The Sermon on the Mount, by Carl Heinrich Bloch (ca. 1877).

Bibelstellen


Lukas 6, 17.20-26

Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon. Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.

Biblische Predigten


„Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon.“ (vgl. Vers 17)

Zu Beginn dieses Evangeliums haben hier gleichsam eine Parallele zum Berg Sinai und zu Mose: Jesus steigt mit den Zwölfen herab und lehrt dann eine große Schar seiner Jünger, d.h. er zeigt, wie sehr diese zwölf Apostel bei seinem Wirken und Lehren zu ihm gehören: Mit ihnen steht Jesus da und belehrt die größere Schar seiner Jünger. Das ist auch ein Bild für das, was kommen wird: Es verweist darauf, wie Jesus mit seinen Jüngern sein wird, wenn sie ihn verkünden in der Zeit der Kirche. Das ist die Zusicherung, die er damit ihnen und auch uns gibt: Er wird immer mit seiner Kirche sein; und wo sie ehrlich verkündet, wird er der eigentliche Verkünder sein. So wie zwischen Mose und dem Volk die 70 Ältesten standen, um die Botschaft zu vernehmen und sie dann an das Volk weiterzugeben, so spricht Jesus jetzt zu den Jüngern. Man spricht manchmal von 70, ein anderes Mal von 72 Jüngern. An dieser Stelle nun ist die Rede von der „großen Schar seiner Jünger“. Er spricht zu den Jüngern. Und die Menschen kommen aus allen Himmelsrichtungen, um ihn zu hören. Aber so viele Menschen konnten ihn selbst ja gar nicht hören. Daher waren die zwölf Apostel gewissermaßen seine „Lautsprecher“. Er belehrt all diese Jünger zusammen, indem er die Apostel zu ihnen schickt, um seine Lehre an sie weiterzugeben.

Bevor Jesus jedoch lehrt, wirkt er exorzistisch und er heilt. D.h., das Heilswort, die Verkündigung der Frohen Botschaft vom Vater, folgt unmittelbar der Heilstat. Dies ist sicherlich auch eine ganz wichtige Aussage für die Kirche von heute und für die Kirche jeder Zeit: Sie muss immer wieder mit Christus zusammen solche Heilstaten zulassen, damit die Menschen hellhörig werden und spüren: Hier spricht ein Anderer. Sie folgen nicht irgendeinem Meister, sondern einem, der Vollmacht hat, und der dies bezeugt durch die Heilstat, die dem Heilswort vorausgeht.

„Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ (vgl. Vers 20)

Jesus spricht jetzt zu denen, die sich für ihn entschieden haben, zu den Jüngern. Jünger Jesu ist derjenige, der sich für Christus entschieden hat. Er ist kein Mitläufer, der sich einmal für Gott oder Jesus interessiert, dessen Interesse aber schnell wieder abflacht oder ganz verschwindet. Der Jünger ist der entschiedene Mensch. In diesem Sinne sagt Jesus daher, wenn er den Auftrag gibt: „Geht und taufet und machet zu Jüngern!“ zwei verschiedene Dinge: Der Jünger ist derjenige, der die Taufe angenommen hat, d.h. der den Bund mit Christus geschlossen hat. Und dieser Bund besteht darin, dass der Mensch sich ganz Gott überlässt, genauso wie Christus sich uns hingegeben hat bis in den Tod. Theresia von Avila nennt das Ganzhingabe. Jesus fordert diese Ganzhingabe im Evangelium immer wieder mit dem Wort „Umkehr“: weg von sich, hin zu Gott. Wer so umgekehrt ist, ist wahrer Jünger Jesu.

Zu diesen Jüngern, die sich also für Jesus entschieden haben, spricht er: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ „Armut“ ist hier ein ganz entscheidender Begriff: Die Armen sind hier nicht einfach Menschen, die nichts haben. In der Tradition ist Armut gleichbedeutend mit Demut. Armut ist das Wissen um meine Armut vor Gott. Armut im biblischen Sinne bedeutet: Gott, du bist alles. Du bist der Reichtum überhaupt. Du bist die Fülle des Lebens, die Fülle des Seins. Aus dir kommt alles, was existiert. Aus mir kommt gar nichts. Ich bin nichts aus mir selber. Alles, was ich habe, ist von dir. Ich habe nichts gemacht. Ich entfalte mit dir zusammen nur das, was du mir gegeben hast, was du in mir grundgelegt hast. Aber ich selbst bin total arm. Diese Haltung ist eine Grundvoraussetzung für unser richtiges Verhältnis zu Gott. Wenn diese Grundvoraussetzung nicht da ist, kann Christus sich uns nicht in seiner ganzen Fülle offenbaren. Ich muss zuerst meine Armut zugeben. Das ist Demut. Demut ist nichts anderes als der Mut zur Wahrheit, dass ich nicht Gott bin und dass ich nichts aus mir selber habe, sondern dass ich alles geschenkt bekommen habe. Ich bin geworden, ich habe mich nicht selbst gemacht. Wie schwer fällt es uns oft, das zuzugeben! Daran merken wir, dass der Stolz das schlimmste Übel in uns ist. Der Stolze will sein wie Gott – das ist die Ursünde, die immer noch in uns wurzelt und an uns zerrt. Der hl. Franziskus sagt über den Stolz: Er ist mein Todfeind. Und der hl. Franz von Sales stellt fest, „dass der Stolz erst eine Viertelstunde nach dem Tod stirbt.“ Wir müssen also immer mit diesem Todfeind rechnen. Das Gegenteil des Stolzes aber ist die Demut, d.h. die Fähigkeit zuzugeben: Ich bin ganz arm. Gott ist alles, ich bin nichts. Und das ist die Grundhaltung der Anbetung, die Grundhaltung der wirklichen Kinder Gottes. Jesus spricht hier also zu den Jüngern: Selig die Armen, denn Ihr habt Euch entschieden für mich, d.h., ihr habt erkannt, dass ich der Herr bin, und ihr alles von mir habt. Prüfen wir uns selber: Kann Jesus das auch von mir sagen? Denn nur dann gehört mir das Himmelreich.

Jesus spricht zu denen, die sich für ihn entschieden haben und somit seine Jünger geworden sind. Und das Königreich, das er diesen Armen verheißt, ist eigentlich das Gut aller Güter. Aber: Ich muss zuerst zugeben, dass alles geschenkt ist. Erst dann kann Gott mir überhaupt etwas schenken, nämlich das Höchste, das Reich Gottes. Aber zuerst muss das Erste wahr sein, nämlich dass ich arm bin. Wenn ich reich bin, wenn ich sein will wie Gott, dann kann mir Gott das Himmelreich nicht schenken, dann mache ich mir das alles selber. Aber das, was der Mensch macht, führt eher zur Hölle als zum Himmel.

„Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ (vgl. Vers 21)

Das eschatologische Mahl, von dem Jesus hier spricht, ist das Reich Gottes, an dem wir alle Teil haben werden, am Festmahl des Lammes, wie es in der Geheimen Offenbarung heißt; dieses Mahl also ist gleichsam die Sättigung der Hungernden. Es bewirkt aber auch das erlöste Lachen für die Weinenden, wie es die nächste Seligpreisung verkündet. Weinen heißt: Ihr kommt aus der großen Drangsal, wie es die Apokalypse sagt.

Es geht aber auch um das Weinen darüber, dass die Menschen die Barmherzigkeit der Liebe Gottes nicht annehmen, sondern sie einfach ablehnen. Das ist wirklich „zum Weinen“. Denn wer Christus liebt und um seine unendliche Barmherzigkeit und Liebe und um sein Angebot weiß, der wird weinen um der vielen willen, die die Wahrheit nicht erkennen wollen Sie kümmern sich um alles Mögliche in der Welt, aber nicht um die Wahrheit. Ja, sie lehnen diese Wahrheit sogar ab. Sie wollen sie gar nicht hören. Normalerweise müsste man doch annehmen, dass der Mensch, wenn es um die Ewigkeit geht, alles dransetzt, die Wahrheit zu erfahren. Aber oft ist es genau umgekehrt: Gerade wenn es um das Zeitliche geht, das doch vergänglich ist, und wo ich ja gar nicht wissen kann, ob ich den morgigen Tag noch erleben werde - dafür riskiert der Mensch alles! Und um das Ewige, das Entscheidende kümmert er sich überhaupt nicht. Das ist die völlige Umkehrung der Verhältnisse! Es ist erschreckend, wenn man manche Leute so reden hört – vor allem, wenn es sich dabei um herausragende Politiker handelt, die mit ihren Aussagen auch noch das Volk verführen und nicht im Geringsten ihrem Eid entsprechen, alles zum Wohl des Volkes zu tun. Auch das hat etwas mit dem Nicht-Wissen-Wollen zu tun.

Für die Jünger Jesu aber gilt: Das Reich Gottes, dieses Festmahl des ewigen Lebens, das wird die Hungernden, die Armen, die nach der Wahrheit und nach der Gerechtigkeit hungern, sättigen. Und es wird die Weinenden wieder lachen lassen. Gerade die entbehrenden Armen aus V. 20 sind zugleich auch Hungernde. Sie hungern nach der Wahrheit, nach der Liebe, nach der vollkommenen Liebe, nach Gott. Das kommende Mahl will den ganzen Menschen sättigen und ihn an diesem Reichtum Gottes teilnehmen lassen. Das will uns Jesus an dieser Stelle sagen. Im Ps 126,2 heißt es: „Als der Herr das Los der Gefangenen Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel“ – ein wunderbares Wort!

„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch ausstoßen und schmähen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.“ (vgl. Vers 22-23)

Jesus wendet sich nun der Verfolgung seiner Jünger zu, die unweigerlich kommen wird. Das erinnert stark an die Geheime Offenbarung. Ganz deutlich beschreibt Jesus was „aus der Gemeinschaft ausschließen“ bedeutet, gibt aber zugleich auch die Hoffnung auf den Lohn im Himmel: „Wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen, freut euch, jauchzt an jenem Tag. Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ Das ist das Reich Gottes, das die Armen ererben werden. Diese Seligpreisung der Armen ist gleichsam die Überschrift über alle anderen Seligpreisungen. Alle anderen Seligpreisungen sind eigentlich nur noch eine Erklärung dieser Armut: „Nichts von mir, alles von dir; Gott, du bist alles, ich bin nichts.“ Es geht um die Verfolgung um Christi willen. Die Verfolgten sollen jubeln und nicht traurig werden. In uns steckt oft die Angst vor der Welt und vor der Verfolgung. Die Welt soll uns nicht als Christen erkennen. Wir scheuen uns. Da sollten wir uns immer wieder prüfen: Wie viel Menschenfurcht ist in uns, wenn es um das Bekenntnis zu Christus und zu seiner Kirche geht?

Jesus verweist dann auf die Propheten des Alten Testaments. Denn ihr Schicksal ist auch das Schicksal der Jünger, und damit letztlich auch unser Schicksal. In der Firmung sind wir berufen und gesalbt zu Priestern, Königen und Propheten und müssen unsere Stimme erheben. Prophet aber ist derjenige, der die Wahrheit sagt, wo man lügt und die Wahrheit nicht wissen will. Deshalb wird das Schicksal der Jünger das Schicksal der Propheten des Alten Bundes sein. Sie wurden alle mundtot gemacht, umgebracht. Damit müssen letztlich auch wir rechnen. Das sind schon ganz harte Worte. Wir haben letzten Sonntag von der Nachfolge gehört, wie die Jünger ihm folgen. Hier spüren wir nun, was das eigentlich heißt: Jünger Jesu zu sein, das Schicksal der Propheten und das Schicksal Jesu zu teilen!

„Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.“ (vgl. Vers 24-25)

Hier beginnt Jesus nun mit den „Wehe“-Rufen: Reich sein heißt hier wirklich sein wollen wie Gott, sich nur auf sich selber stützen, nicht auf Gott. Die Reichen sind die, die ganz von sich aus denken und alles selber machen wollen. Wenn Politiker sagen: Ich mache alles selber, ich brauche keinen Gott, der hat mir sowieso noch nie geholfen – dann ist das dieser Reichtum im biblischen Sinne.

Und diejenigen, die schon jetzt satt sind und nicht mehr hungern nach Wahrheit und Gerechtigkeit, wollen nichts von Gott wissen. Ihnen genügt, was das irdische Leben zu bieten hat. Aber sie werden hungern, eine Ewigkeit lang.

Diejenigen, die jetzt lachen, tun so, als ob alles schon selig wäre und kümmern sich nicht mehr um das Wesentliche. Sie werden

„klagen und weinen“ bei der Wiederkunft des Herrn, wie es in der Geheimen Offenbarung geschildert wird.

„Weh, wenn euch alle Menschen loben. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht." (vgl. Vers 26)

Auch hier wieder der Rückgriff auf die Propheten des das Alten Testamentes: Die Menschen des Alten Bundes haben die falschen Propheten gelobt, die ihnen wunderschöne Worte und nur das, was sie hören wollten, gesagt haben. Und das ist in der Tat etwas, wo auch wir Verkünder heute sehr vorsichtig sein müssen, damit wir nicht nur verkünden, weil wir Applaus wollen.

Den falschen Propheten haben sie Applaus gegeben und die wahren Propheten haben sie umgebracht. Ist das nicht heute noch genauso? Wenn wir den Menschen nach dem Mund reden, bekommen wir Applaus. Aber dann verkünden wir nicht mehr die Botschaft Jesu. Wenn wir das Wort Jesu verkünden so, wie es ist, und der Welt die Wahrheit sagen, die sie nicht mehr wissen will, auch den Christen, dann werden wir mundtot gemacht, gewissermaßen „umgebracht“. Darum trauen sich heute viele Menschen nicht mehr über verschiedene Wahrheiten zu reden und sie zu verkünden, weil sie Angst haben vor dem „Mord“ derer, die sie mundtot machen wollen.

Die Heilsverheißungen Jesu an die verfolgten Jünger werden erst so recht deutlich auf dem Hintergrund dieser Unheilsverheißungen, die er den Reichen, den Lachenden usw. gibt. Aber die Reichen sind hier die Abwesenden. Anwesend sind vielmehr die Jünger. Jesus spricht also von denen, die nicht da sind, weil sie die Heilsbotschaft nicht hören wollen.

Andererseits unterliegen gerade diese sogenannten Armen und Verachteten, die Jesus selig preist, ihrerseits einer Gefahr, die viel schlimmer zu sein scheint als der Reichtum: Es ist eben dieses Geehrt-sein-Wollen. Das ist der Stolz, der andere schnell verurteilt und sich über die anderen Jünger, die „Armen“, schnell überlegen fühlt.

Die Wahrheit ist also bei den Verfolgten, nicht bei denen, die öffentlich anerkannt sind. Das müssen wir uns auch als Christen merken, besonders als Priester und Bischöfe, die hauptamtlich zu verkünden haben, dass die Apostel sagen: Wir wollen wieder frei sein für das Wort und Gebet. Falsche Propheten werden gelobt, denn sie sagen das, was die Leute hören wollen. Sie reden ihnen nach dem Mund. Bei den falschen Propheten geht es um falsche Lehren in Hochmut. Hochmut und falsche Lehren gehören zusammen. Man lehrt das, was die Menschen hören wollen, aber nicht die Wahrheit – aus Stolz, weil es modern ist. Man setzt sich ab von scheinbar altmodischen und konservativen Formeln. Noch einmal: Die Wahrheit ist bei den Verfolgten und nicht bei denen, die öffentlich anerkannt werden wollen. Das sollte sich jeder Christ immer wieder klarmachen und gut merken. ∎