Mi., 16. Februar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

7. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

The Lapidation of Saint Stephen, by Rembrandt, 1625.

Bibelstellen


Lukas 6,27-38

Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen! Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen. Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Biblische Predigten


„Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ (vgl. Vers 27-28)

Bereits die Eingangsworte Jesu lassen uns innerlich „schlucken“. Nachdem Jesus im Evangelium des letzten Sonntags sein „Wehe“ den Reichen und Satten gegenüber geäußert hat, wendet er sich jetzt wieder seinen Zuhörern, also seinen Jüngern zu, die sich ja für ihn entschieden haben. Dieses neue Gebot Jesu, nämlich das der Feindesliebe, ist also für die Jünger Jesu gedacht und nicht etwa für die Abseitsstehenden, die sich nicht für Christus entschieden und diese göttliche Tugend der Liebe nicht zugelassen haben. Ihnen ist die Erfüllung dieses Hauptgebotes auch gar nicht möglich, sondern nur seinen Jüngern und eben denen, die ihm willig folgen. Nur die, die ihr Ja zu Entbehrungen und zu Verfolgungen gesprochen haben, und die im Evangelium des letzten Sonntags dafür von Jesus als selig gepriesen wurden, sind für dieses Gebot Jesu ansprechbar. Deshalb ist das letzte Evangelium vorangestellt.

Die Formulierung „Ich sage euch…“ ist dabei nicht das Wort irgendeines Rabbi, Meisters, oder Lehrers, sondern es ist das Vollmachtswort des Lehrers schlechthin. Und dieses Vollmachtswort fordert nun, dass die Antwort auf das Böse nicht ihrerseits das Böse sein soll. Vielmehr soll das Böse durch das Gute, die Liebe überwunden werden.

Mit Liebe bezeichnet das griechische „agapein“ (αγαπειν) hier ausdrücklich nicht die menschliche, sondern die göttliche Liebe, eine göttliche Liebesfähigkeit, wie sie Jesus auch in Joh 15,9 verkündet: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Für die menschliche Liebe, die menschliche Sympathie steht im Griechischen „philein“ (φιλειν). Dieses göttliche „agapein“ (αγαπειν) findet sich ebenfalls in Joh 13,34: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Auch hier handelt es sich also nicht um eine Liebe aus menschlicher Kraft oder menschlicher Entscheidung, sondern es ist die göttliche Tugend der Liebe. Gott ermöglicht mir diese Liebe. Deshalb kann er von mir sogar die Feindesliebe verlangen – weil er mir diese Fähigkeit zur Liebe gibt. Diese göttliche Tugend der Liebe aber ist uns eingegossen in der Taufe. Das ist die „agape“ (αγαπη) -„agapein“ (αγαπειν). Insofern ist dieses Gebot der Feindesliebe verständlich eben vom Verhalten des gekreuzigten Herrn her. Jesus hat vom Kreuz herab denen vergeben, die ihn kreuzigen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34), das ist die Feindesliebe.

„Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!“ (vgl. Vers 29)

Auch dieses Wort Jesu hängt natürlich mit der Feindesliebe zusammen. Das Sich-ausnehmen-Lassen bis auf die Haut, wie es Jesus hier ausdrückt, ist eigentlich eine überspitzte Redeweise, um die Ernsthaftigkeit dieser geforderten Bereitschaft zum Ertragen des Unrechts zu unterstreichen. Denn Böses mit Gutem vergelten kann nur der, der sich bis ins Letzte ausnehmen lässt. Wir sagen gerne: Ich lasse mich nicht ausnutzen. Dann aber werden wir nie so lieben können, wie es Jesus fordert. So, wie die Liebe Gottes sich ausnutzen lässt, müssen auch wir in Kauf nehmen ausgenutzt zu werden. Sonst ist diese Feindesliebe nicht möglich. Böses mit Gutem vergelten kann nur derjenige, der sich bis ins Letzte ausnehmen lässt und sogar vielleicht noch bereit ist, größeres Unrecht anzunehmen. Das ist die Fähigkeit, die Gott in uns hineingelegt hat, die göttliche Tugend der Liebe.

Vielleicht könnte man noch einen zweiten Gedanken in dieses Wort hineinlegen: Wenn der andere alles wüsste, was ich schon Böses gegen ihn getan, über ihn geredet oder über ihn gedacht habe – hätte ich dann nicht eigentlich sogar zwei Ohrfeigen verdient, nicht bloß eine? Eigentlich ist er noch sehr milde zu mir. Er gibt mir nur eine Ohrfeige, weil er nicht alles weiß, was ich gegen ihn schon verfehlt habe. Auch das gehört zur Selbsterkenntnis: Ich habe dem anderen immer schon mehr genommen an Ehre und Anerkennung usw. als nur einen Mantel. Müsste ich ihm da nicht sogar das Hemd lassen?

Aber der tiefste Gedanke knüpft immer wieder an dieses „Selig die Armen“ an: Es ist dieses sich wirklich total „Ausnehmen lassen“ bis auf die Haut, diese Bereitschaft zum Ertragen des Unrechts. Wenn ich nichts mehr festhalte, weil ich in Christus alles habe, dann bin ich selig. Und da wird wieder deutlich: Das kann nur der, der sich ganz auf Christus eingelassen hat, der Jünger, der in Christus alles gefunden hat. Nur der kann diese Kraft der Feindesliebe annehmen.

„Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!“ (vgl. Vers 30-31)

Dem Bittenden geben, ohne es zurückzufordern – wer so handelt, hat offenbar kein Interesse mehr an seinem eigenen Ich. Er hat sich ganz Christus gegeben. Er hat sich selbst gleichsam, könnte man sagen, liebend ganz aufgegeben und erlebt darin seine Erfüllung. In einem solchen Menschen ist die Hoffnung auf Gott, der ja das Recht schafft, so lebendig, dass er auf das eigene Recht verzichten kann. Der Herr ist mein Anwalt. Der Geist Gottes, den er mir gesandt hat, ist mein Anwalt und mein Alles. Eine solche Liebe nimmt das Böse gleichsam an das Herz und zerdrückt es. Das ist der Höhepunkt des Christseins. Stellen wir uns einmal vor, wir würden bewusster auf dieses Ziel hinleben, wissend, dass die göttliche Tugend der Liebe in uns ist – wie würde es dann wohl unter uns aussehen, nicht bloß in der Welt, sondern vor allem auch unter uns Christen? Denn das ist ja das Ärgernis der Welt, dass es unter uns Christen oft ganz anders aussieht als Jesus von uns fordert, uns in dieser göttlichen Liebe der Tugend aber auch schenken will. Wie oft nehmen wir diese Liebe gar nicht in Anspruch.

„Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen,“ – das ist die sogenannte Goldene Regel: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, dem anderen tun, was du selbst gerne hättest, und zwar allen Menschen, nicht nur dem Bruder oder dem Nächsten. Nicht bloß die uns Nahestehenden, sondern alle sind gemeint! Die Goldene Regel ist eine universale Regel und meint alle Menschen.

„Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen.“ (vgl. Vers 32-34)

In diesen drei negativ formulierten Sätzen wird ausgedrückt, dass gute Taten, die nur empfangene gute Taten beantworten, eigentlich nichts Besonderes sind und dass die so Handelnden von Gott nichts zu erwarten haben. Wenn ich nur Gutes tue, unter der Bedingung, dass ich es wieder zurückbekomme, nach Möglichkeit sogar doppelt oder dreifach – dann hat das mit Christentum nichts zu tun. Denn das tun auch die Sünder. Deshalb dürfen wir von Gott auch gar nichts erwarten, denn vor ihm sind solche Dinge wertlos. Die von Jesus gemeinte Liebe ist die schöpferische Liebe Gottes, nicht die, die für alles immer eine Gegenleistung erwartet.

„Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (vgl. Vers 35)

An dieser Stelle fast Jesus sein Gebot noch einmal zusammen. Es wirkt jetzt ziemlich eindeutig und ist unerhört neuartig. Jesus stellt einen großen Lohn in Aussicht: „Ihr werdet Söhne Gottes sein.“ – das ist unglaublich. Was er uns hier in Aussicht stellt, ist Zukunft und Ewigkeit. Der Jünger soll sich auf Gott freuen und die Gemeinschaft mit Gott soll ihm so wichtig sein, dass sich auf Erden der höchste Einsatz dafür lohnt. Allerdings sollte die Motivation nicht der Lohngedanke sein, nach dem Motto: ich setze alles ein, damit ich was bekomme; sondern die eigentliche Motivation sollte die Liebe sein, in der wir Gott nachahmen als Söhne Gottes. Wenn wir Söhne Gottes sind, dann sind wir Nachahmer Gottes und dieser Gott tut alles aus Liebe und nicht wegen des Lohnes. Und das ist das Entscheidende, dass wir es aus der Liebe zu Gott tun.

Aber ist das so bei uns? Leben wir danach? Ist mir die Gemeinschaft mit Gott so wichtig, dass sich für mich hier auf Erden der höchste Einsatz lohnt?

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden." (vgl. Vers 36-38)

Die barmherzige Liebe ist das innerste Wesen Gottes. Insofern wird in diese Forderung Jesu die Nachahmung Gottes ganz deutlich. Die Barmherzigkeit ist das ganz Entscheidende. Barmherzigkeit, sagt die hl. Hildegard von Bingen, ist das Heilmittel für Seele und Leib. Die Barmherzigkeit Gottes ist etwas Unergründliches. Jesus sagt zu Schwester Faustine: „Alle Engel im Himmel und alle Geschöpfe auf Erden werden in alle Ewigkeit die Tiefe und Größe meiner Barmherzigkeit nie erfassen.“ Das macht deutlich, vor welch schwere Aufgabe uns dieses „Seid barmherzig“ stellt.

Dann zeigt Jesus uns eine wunderbare Regel auf: Wir können das Maß selbst bestimmen, mit dem Gott uns überschüttet. Was Barmherzigkeit ist, wird jetzt gleichsam in diesen Bildern gezeigt: im Verzeihen, im Geben, im Nicht-Richten. Es geht wirklich um das alltägliche Urteilen und Kritisieren! Überlegen wir einmal, wen wir heute schon kritisiert und über wen wir geurteilt haben, vielleicht in Gedanken. Vielleicht habe ich jemanden nur gesehen, und sofort ein Urteil über ihn gefällt. Habe ich mit jemanden über einen Dritten geredet? Wir können kein gerechtes Urteil fällen, weil wir das Herz des andern nicht kennen. Wir kennen seine Motivation nicht, seine Schwachheit, seine Grenzen, seine Geschichte. Nur Gott, der die Herzen der Menschen erforscht, kann ein gerechtes Urteil fällen. Das ist ganz, ganz wichtig. Prüfen wir uns dahingehend jeden Tag.

Und am Ende des Evangeliums dann diese entscheidende Zusage Gottes: Er wird in dem Maß auch gegen mich barmherzig sein, wie ich barmherzig war gegen alle Menschen, ohne Ausnahme. Darum sollen wir nicht nur einfach geben, sondern wie Gott. Wir sollen unsere Liebe, unsere Zuwendung, einfach alles, was Gott uns zur Verfügung gestellt hat maßlos geben und entsprechend werden wir beschenkt von seiner Liebe und Barmherzigkeit. Gott gibt uns hier alles in die Hand. Wir können selber bestimmen, wie Gott zu uns sein soll und sein darf. ∎