Mi., 23. Februar 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

8. Sonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

The Parable of the Blind, by Pieter Bruegel the Elder, 1568.

Bibelstellen


Lukas 6,39-45

Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.

Biblische Predigten


„Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?“ (vgl. Vers 39)

Zu Beginn des heutigen Evangeliums wird deutlich: Jesus spricht hier nicht zu allen Menschen, sondern nur zu seinen Jüngern, d.h. zu denjenigen, die sich bewusst für ihn entschieden haben.

Jesus warnt sie vor blinden Führern, d.h. vor falschen Lehrern, die für die Wahrheit blind sind und nicht die volle Wahrheit verkünden, sondern in ihrer Lehre gleichsam über Jesus hinausgehen und meinen, es besser zu wissen als Jesus selbst. Solche Lehrer gibt es auch in unserer Zeit bis in unsere Kirche hinein. Wenn solche Blinden dann Blinde führen – also Menschen, die die Wahrheit noch nicht kennen – fallen dann nicht beide in die Grube?

„Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein.“ (vgl. Vers 40)

Jesus erklärt jetzt, worauf es ihm ankommt: Derjenige ist der beste Schüler, der seinem Lehrer an Wissen möglichst gleich geworden ist, der sich die Worte und das Denken Jesu ganz zu eigen gemacht hat. Er identifiziert sich so tief wie möglich mit Jesus. Gerade im Blick auf den vorangegangenen Vers will Jesus deutlich machen, dass diese blinden Führer zwar Jesus grundsätzlich scheinbar als ihren Lehrer anerkennen – sie reden ja ständig von ihm – sich jedoch zu Unrecht auf ihn berufen, weil sie nämlich eine neue Lehre bringen, ein – wie es im Griechischen heißt – „hyper“, ein Mehr, das nicht auf Christus, den einzigen Lehrer zurückzuführen ist. Diese Irrlehrer fügen zur Lehre Jesu noch etwas hinzu oder machen Abstriche und deuten so die Heilige Schrift um. Vielleicht könnte man noch einen zweiten Gedanken in dieses Wort hineinlegen: Wenn der andere alles wüsste, was ich schon Böses gegen ihn getan, über ihn geredet oder über ihn gedacht habe – hätte ich dann nicht eigentlich sogar zwei Ohrfeigen verdient, nicht bloß eine? Eigentlich ist er noch sehr milde zu mir. Er gibt mir nur eine Ohrfeige, weil er nicht alles weiß, was ich gegen ihn schon verfehlt habe. Auch das gehört zur Selbsterkenntnis: Ich habe dem anderen immer schon mehr genommen an Ehre und Anerkennung usw. als nur einen Mantel. Müsste ich ihm da nicht sogar das Hemd lassen?

Dieses Problem kennen wir heute ja zu Genüge in den verschiedensten christlichen Richtungen, aber solche Dinge können und müssen wir leider auch in unserer eigenen Kirche erfahren und erleben. Doch Jesus gibt uns ein Kriterium zur Unterscheidung an die Hand: Wer nicht lehrt wie sein Lehrer, nämlich wie Christus, ist abzuweisen. Wer also über Christus und seine Lehre hinausgeht, ist abzuweisen. Wer die Wahrheit nicht in ihrer ganzen Fülle verkündet, sondern aus Menschenfurcht Abstriche macht, ist abzuweisen

„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“ (vgl. Vers 41-42)

Jesus stellt nun zwei Fragen. Die erste lenkt unseren Blick weg von den kleinen Splitter-Fehlern der andern hin auf unsere eigene riesengroße Schuld. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir die Fehler unserer Mitmenschen oft viel größer sehen als unsere eigenen. Bei unseren eigenen sprechen wir dann von Schwächen, für die jeder Verständnis haben sollte, und wundern uns, dass manche Menschen uns deswegen böse sind. Aber anderen gegenüber sind wir selbst oft sehr harte Richter. Überlegen wir einmal, ob das nicht oft auch auf uns zutrifft.

Die zweite Frage ermahnt uns – im Bewusstsein der eigenen Schuld – nicht zuerst den andern bessern zu wollen. Jesus will weglenken vom falschen Besserungswillen an den andern und gleichzeitig den Bußwillen für unsere eigenen Sünden in uns wecken. Wer seinen Mitmenschen richtet, gibt sich der Lächerlichkeit preis, denn er enthüllt eigentlich seine eigenen großen Fehler, mit denen Gott sich im Gericht einmal beschäftigen muss, und zwar im Gegensatz zu den Fehlern, die er beim Bruder sieht und richtet. Jesus sagt sehr, sehr deutlich: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge“, d.h. er führt mich zur Selbsterkenntnis: Werde dir zuerst einmal bewusst, was du alles an Fehlern hast und wie groß deine vielen Fehler sind. Sei einmal grundehrlich zu dir selbst. Dann wirst du so erschrecken, dass du so demütig wirst und den andern nicht verurteilst, sondern ihm in aller Demut hilfst, seine kleineren Fehler, d.h. seine Splitter aus dem Auge herauszuziehen. Wenn ich jedoch die Fehler des anderen immer als größer ansehe als meine eigenen und meine eigenen Fehler immer nur kleiner rede, werde ich nie fähig sein, dem andern zu helfen, seine Fehler zu überwinden, sondern ich werde ihn immer nur von oben herab verurteilen. Und diese Haltung wird schließlich zum Gericht für mich selber.

„Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt. Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben.“ (vgl. Vers 43-44)

Im Bild vom Baum und seinen Früchten spricht Jesus noch einmal gleichsam von diesen Falschlehrern. Es ist uns unmittelbar einsichtig, dass wir keine Früchte ernten wollen, die nicht von der Art des Baumes sind, z.B. nicht Feigen oder Trauben von Disteln. Bei den guten und schlechten Früchten geht es um ein Unterscheidungsmerkmal im Hinblick auf die Menschen: Bei solchen Lehrern, die Irrlehren verkünden, für die Wahrheit blind sind und andere, die die Wahrheit suchen, irreführen, darf man sich keine Unterweisung holen.

Für die damaligen Zuhörer scheint klar zu sein, wen Jesus hier mit diesen Disteln und Dornen meint. Bei den Menschen damals bedarf es keiner Entlarvung mehr. Von den Irrlehrern ist nichts Gutes zu erwarten und jeder weiß, wer gemeint ist. Es bedarf eigentlich nur noch der Warnung vor ihnen und ihren Lehren. Es geht hier weniger um die Unterscheidung der Geister als vielmehr um Abwehr. Aber sind wir uns darüber im Klaren, was Jesus uns heute mit diesem Text sagen will? Erkennen wir, was an den Lehren der Irrlehrer falsch ist – dazu gehört auch ein Wissen um die Wahrheit – oder gehören wir vielleicht zu den Blinden, die noch nicht alles wissen und noch nach der Wahrheit suchen? Im letzteren Fall dürfen wir uns nicht von Blinden führen lassen, die ihrerseits die Wahrheit nicht in der ganzen Fülle haben, sondern wir müssen Lehrer finden, die sie in Fülle haben – und das sind diejenigen, die entsprechend dem Worte Gottes leben, die wirklich Früchte der Wahrheit hervorbringen, deren Leben übereinstimmt mit dem Leben Jesu, mit der Lehre der Kirche, mit der Lehre des Evangeliums.

„Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund." (vgl. Vers 45)

Im Folgenden überträgt Jesus dieses Bild vom Baum konkret auf den Menschen: Das Herz ist die Quelle des Guten und des Bösen. Es ist die Mitte des Menschen. Im Herzen sind die wesentlichen Werte des Menschen zusammengefasst. Es geht um die innerste Prägung und Formung meines Herzens durch Christus. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20) Dabei ist nicht an gute und böse Gedanken oder Taten gedacht, sondern an Wortäußerungen, denn: „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“

Die Irrlehrer sind in ihrem Herzen nicht gut. Sie sind diese fauligen Bäume, die schlechte Früchte bringen. Sie erkennen den Balken in ihrem eigenen Auge nicht. Deshalb sind sie blind. Sie leben an Christus vorbei oder erheben sich sogar über ihn mit ihren Sonderlehren. Deshalb darf man bei ihnen keine guten Früchte sammeln wollen.

Hier müssen wir immer wieder auf den Menschen schauen. Manchmal bringen Menschen etwas scheinbar Gutes hervor. Sie beten z.B. mit einem Kranken um körperliche Heilung und dieser verliert dann tatsächlich seine Schmerzen. Der Kranke kann jetzt jedoch nicht einfach davon ausgehen, dass der Mensch, der für ihn gebetet hat, ein ganz mit Christus verbundener Mensch sein muss, da der Kranke ja seine Schmerzen verloren hat. Er muss vielmehr auf dass Herz dieses Menschen schauen, der für ihn gebetet hat: Ist sein Herz wirklich ganz bei Christus? Kommt das Heil über ihn wirklich von Christus? Es kann sein, dass eine Person abends bis in die Nacht hinein mit Menschen um Heilung betet und es geschieht scheinbar auch etwas. Wenn diese Person aber z.B. mit dem eigenen Ehepartner grausam umgeht und womöglich in Ehebruch mit irgendjemand anderem lebt, kann das, was sie tut, nicht von Gott kommen, denn durch die Sünde ist diese Person für die Gnade Gottes vollkommen undurchlässig.

Immer wieder taucht bei praktizierenden Christen die Frage auf: Ist eine bestimmte Medizin verwendbar oder könnte sie okkult sein? Die Medizin an sich ist natürlich. Es kommt auf die Person an, die sie herstellt oder verabreicht. Ist diese Person neutral, dann ist die Medizin natürlich. Bespricht sie jedoch die Arznei, arbeitet also mit Zauberei, dann kann dieselbe Arznei neben ihrer natürlichen Wirkung in uns auch negative Auswirkungen hervorbringen. Es kommt nicht darauf an, was ich im Moment erlebe, sondern ich muss auf den Baum schauen. Ein schlechter Baum bringt keine gute Frucht, auch wenn es nach außen manchmal so scheint. Ein böser Mensch bringt keine gute Frucht, auch wenn es nach außen manchmal so scheint. Entscheidend sind die Dinge, die im Herzen des Menschen sind und wirken. Darum muss ich auf den Menschen schauen und mich immer wieder fragen: Was ist das für ein Mensch, auf den ich höre und dem ich glaube? Jesu Schlusssatz am Ende der Bergpredigt ist eine allgemeine Regel für alle Zeiten: Was nicht von Jesus kommt, sollen wir abweisen. Hören wir selbst noch einmal in dieses Wort Gottes hinein und entscheiden wir uns. ∎