Fri, April 16, 2021Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Bekehrung

Mit Bekehrung ist im Christentum der persönliche Anfang mit Gott gemeint. Eine aktuelle Darlegung basierend auf der Bibel und dem Katechismus.

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Was ist das?


Mit Bekehrung ist im Christentum der persönliche Anfang mit Gott gemeint – die freiwillige Entscheidung zum Glauben an Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen und zum Glauben und an alles, was er geoffenbart hat. Die Bekehrung führt zur Taufe hin oder sie ist der Rückweg in die Taufe. Der bekehrte Mensch wird durch die Gnade Gottes befähigt zur Gemeinschaft mit Gott und zu einem Leben, das nicht mehr aufhört. In YOUCAT 196 heißt es: „Ein Mensch, der sich zum Christentum hinwendet, wechselt nicht nur die Weltanschauung. Er geht einen Weg des Lernens, in dem er durch persönliche Umkehr, vor allem aber durch das Geschenk der Taufe zu einem neuen Menschen wird. Er ist nun ein lebendiges Glied am Leib Christi.“

Was sagt die Heilige Schrift?


Jesu zentrales Anliegen ist, dass sich die Menschen Gott zuwenden: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). In der griechischen Sprache des Neuen Testaments bezeichnen zwei Worte diese Umkehr:

  1. epistrepho = wieder umwenden, zurückkehren – so zum Beispiel, wenn es von Johannes heißt, er werde „viele Kinder Israels ... zum Herrn, ihrem Gott hinwenden.“ (Lk 1,16). Oder wenn Petrus bestimmte Christen anspricht, sie hätten sich „verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (1 Petr 2,25) Damit ist Jesus, der Herr, gemeint.

  2. Wichtiger noch ist das Wort metanoia = Umkehr, Reue, Buße. Das Wort setzt sich aus zwei Teilen zusammen: noein = denken, und meta = um, nach. Gemeint ist also ein neues Denken, ein Umdenken. 21-mal gebraucht Jesus das Wort, zum Beispiel in Mk 1,15: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Mit dieser Umkehr möchte Jesus die fundamentale Störung, die Menschen von Gott trennt, aufheben und sie in der Wurzel heilen. Ohne Umkehr ist dies nicht möglich: „Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ (Mt 18,3)

Die kleine YOUCAT-Katechese


Und im Himmel geht der Punk ab ...

Auf die die Frage „Wie werde ich eigentlich Christ?“ könnte heute jemand antworten: „Blöde Frage, das geht doch automatisch!“ Darauf wäre in der frühen Christenheit niemand gekommen. „Die Standardantwort hätte gelautet: „Du musst dich bekehren!“ Was das bedeutet, dazu gibt es viele Hinweise aus den ersten hundert Jahren. Da heißt es etwa, der Betreffende müsse sich abwenden von der „nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise“ (1 Ptr 1,18); er müsse den „alten Menschen des früheren Lebenswandels“ (Eph 4,22) ablegen. Christ könne man nicht sein, wenn man weiterhin „Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt.“ (1 Kor 5,11) Christsein heißt in eine tiefe Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott kommen – und was uns daran hindert, das nennen wir Sünde. In YOUCAT 231 heißt es: „Voraussetzung für die Vergebung von Sünden ist der Mensch, der sich bekehrt.“

Ich glaube, die ersten Christen hatten Recht: Christsein ist kein Automatismus, durch den man irgendwie in irgendetwas hineinschlittert. Christsein ist eine fundamentale Lebenswende, die in der Taufe ihren Höhepunkt hat, aber aus der Tiefe der menschlichen Eingeweide heraus gewollt ist. Wenn es ein Handel wäre, wäre es ein Geschäft, bei dem man alles gibt, um alles zu gewinnen. Christsein ist kein Zusatz zum normalen Leben, mit dem man den Alltag etwas aufpeppt und mit ein bisschen Weihrauch oder Sinn schmückt. Es ist der Sprung in eine neue Realität, in der wir das „Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)

St. John-Marie Vianney

Es gibt keine Tricks

Das Dumme ist nur: Man muss sich nicht einmal bekehren – und dann ist es gut. Zwar sagt der hl. Jean-Marie Vianney (Pfarrer von Ars): „Wenn du ihn wirklich um die Bekehrung bitten würdest, sie würde dir geschenkt werden.“ Es muss diese erste, fundamentale Lebenswende geben. Aber das Thema bleibt uns erhalten, so dass es eine Bekehrung in der Bekehrung in der Bekehrung in der Bekehrung geben wird. Das mag den Einen oder die Andere abschrecken. Man kann es aber auch anders sehen: Das Schöne am christlichen Glauben ist, dass alle Anfänger sind – besser gesagt: die klassenlose Gesellschaft derer, mit denen Gott etwas anfangen möchte. Selbst die Heiligen sind Anfänger – und keine Gurus, die es draufhaben. Heilige sind übrigens solange „Schein-Heilige“, bis nach dem Tod offiziell das Gegenteil festgestellt wird. Als Teresa von Avila, die größte Mystikerin der Kirche, 1581 in Alma de Torres starb, hielt sie sich für die größte Sünderin der Christenheit. Vielleicht mit Recht. Sie hatte so viel Licht gesehen, eine so tiefe Vereinigung mit Gott erfahren. Und wenn man dann noch „menschelt“, wiegt es doppelt schwer. Es ist also alles andere als eine fromme Floskel, wenn der Papst regelmäßig zur Beichte geht. Er demütigt sich vor einem kleinen Priester – und der Arme muss anhören, wenn der erste Mann der Kirche aus dem „Nähkästchen“ plaudert.

Für jeden Christen beginnt jeder Tag bei Null. Es gibt keine Profis, die auf Level 7 anfangen. Und diejenigen, die meinen, sie hätten den Bogen raus und wären jetzt aber endlich auf 7, sollten sehen, dass sie schnellstens wieder auf das Spielfeld und auf Null kommen. Es gibt keine Tricks. Christsein ist kein Trick.

Für mich ist der Zug abgefahren. Wirklich?

Manch einer denkt an sich, an die eigene Biografie und sagt sich: Für mich ist dieser Zug abgefahren! Sie glauben, sie hätten zu viel Ballast mit sich, zu viel gelebtes Leben, um wirklich auf diesen Zug aufspringen zu können. Außerdem haben sie haben ihren Stolz. Sie möchten nicht, wie Heinrich Heine es formuliert hat, „zu Kreuze kriechen“. Dazu muss man sagen: Der Einstieg in den Zug ist absolut voraussetzungslos, wenn auch nicht folgenlos. Man muss sich kein spezielles Ticket besorgen, bei dem man sich vorher einer Talentprüfung oder einem Bodycheck unterziehen müsste.

Einsteigen kann jeder, auch wenn er schmutzig ist oder sich nur beschmutzt fühlt, hochverschuldet ist, mit seiner Gefühlswelt nicht klarkommt, in ungeklärten Beziehungen lebt oder mehr Fragen als Antworten hat. Man kann zum dritten, vierten, fünften Mal geschieden sein, man kann alkohol-, drogen- und internetabhängig (oder alles zugleich) sein, man kann schon einmal gläubig gewesen sein und seinen Glauben im Gedränge verloren haben. Es ist egal. Christ werden, setzt kein korrektes Leben voraus – nach dem Motto: Erst bringe ich mal mein Leben auf die Reihe, dann kann ich mich beim Lieben Gott blicken lassen.

Da würde man nie Christ werden. Welches Leben ist schon korrekt? Es gilt das Jetzt – dieser Augenblick, was auch immer vorher gewesen sein mag. Erik Peterson hat einmal darauf hingewiesen, dass in der Nähe Jesus lauter Leute mit Krankheiten und Mängeln sind, als hätte er sie magisch angezogen. Schwächen zu haben ist sozusagen die permanente Greencard für den Zugang zu Jesus. Mit Leuten, die keine Schwächen haben, kann er nichts anfangen. Wer kein Dunkel hat, sehnt sich auch nicht nach Licht. Und auf Sehnsucht kommt es an. In YOUCAT 408 heißt es: „Gott liebt uns in jedem Augenblick, in jedem ungeklärten Zustand, auch in jedem Zustand der Sünde. Gott hilft uns, die ganze Wahrheit der Liebe zu suchen und Wege zu finden, sie immer eindeutiger und entschiedener zu leben.“ Im Lukasevangelium heißt es, im Himmel herrsche „mehr Freude ... über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ (Lk 15,7) Das stelle ich mir gerne konkret vor. Du machst hier einen winzigen Schritt auf Gott zu – und im Himmel geht der Punk ab! ...

Was man davon hat

Das mag man nun glauben oder nicht. Um Skeptiker zu überzeugen, bevor sie gestorben sind, habe ich mir vor Jahren einmal alle irdischen, handgreiflichen Vorteile zusammengestellt - und zwar so, wie ich sie erfahren habe. Die Liste lese ich noch immer mit innerer Zustimmung. Hier ist sie:

  • Du kommst in eine tiefe innere Freude.

  • Du startest anders in den Tag und gehst anders aus ihm heraus.

  • Du kannst ohne Bitterkeit zurückblicken.

  • Du wirst gebraucht.

  • Du fühlst dich in Gott geborgen.

  • Du hast eine klare Sicht auf die Dinge und bekommst inneren Halt.

  • Du kannst dich mit deiner Vergangenheit versöhnen.

  • Du wirst dankbar.

  • Du kannst ohne Angst in die Zukunft blicken.

  • Es kommt Festlichkeit in dein Leben.

  • Du findest Ruhe in deiner Seele.

  • Du hast etwas, woran du arbeiten und wofür du kämpfen kannst.

  • Du wirst immun gegen Verzweiflung.

  • Du wirst zu einem Halt für deine nächste Umgebung.

  • Du kannst nach oben schauen und weißt jemand über dir, der dich liebt.

  • Du durchschaust den „Zufall“ und fühlst dich von Gott geführt.

  • Du entdeckst deine Würde und wirst befreit von der Selbstverachtung.

  • Du findest eine Menge verlässliche Freunde.

  • Du weißt, wo du ansetzen musst, wenn du Abhängigkeiten und Süchten ausgesetzt bist.

  • Du kannst besser denken.

  • Du findest uralte Rituale, die deiner Seele guttun.

  • Du fühlst dich freier.

  • Du siehst die Welt mit neuen Augen und freust dich an der Schöpfung.

  • Du erfährst Segen und Schutz.

  • Du wirst liebevoller und gütiger.

  • Deine Lebens- und Zukunftsangst nimmt ab.

  • Du erhältst Kraft für ganz weite Wege und schwierige Aufgaben.

  • Du kannst seelische Wunden gut verarbeiten und mit Leid besser umgehen.

  • Du wirst Teil eines weltweiten Netzwerkes – wo du hinkommst, begrüßt man dich als „einen von uns“.

  • Du erlebst Zusammengehörigkeit und Gastfreundschaft über Sprach- und Landesgrenzen hinaus.

  • Du kannst gelassener verlieren.

  • Du kannst loslassen.

  • Du hast eine Vorstellung, wie es mit dem Sterben sein wird.

  • Du findest den Mut zu einer wahnsinnigen Erwartung an das Leben...

Wo ist der Haken?

Die Effekte klingen ja toll. Aber wo ist der Haken am Produkt? Welchen Preis zahlt man dafür? Muss man dafür den Verstand an der Garderobe abgeben und mit Scheuklappen durch die Welt laufen? Muss man sich da nicht verbiegen bis zum Anschlag? Muss man da nicht zu allem Möglichen „ja“ und „Amen“ sagen? Schlittert man da nicht in einen haltlosen Irrationalismus hinein? Muss man dafür nicht das Blaue vom Himmel herunterglauben? Gerät man am Ende in eine No-fun-area, in einen einzigartigen Dschungel der Verbote? Bekommt man da nicht alles gestrichen, was Spaß macht? Findet man da nicht die falschen Leute mit der falschen Musik? Wird das alles nicht fürchterlich anstrengend?

Ich meine: Nein. Es gibt keinen wirklichen Haken, es sei denn du erwartest ein Paradies ohne Probleme und mit perfekten Menschen. Oder du meinst, man müsste da nur eine kleine Stellschraube im Kopf verändern – und schon würde man die Welt in rosarot sehen. Millionen von Menschen saßen im April 2005 vor dem Bildschirm, als der neue Papst Benedikt XVI. in sein Amt eingeführt wurde. Der alte, 78-jährige Mann wandte sich damals ausdrücklich auch an die Jugendlichen. Er wies auf sein langes Leben und seine Erfahrung hin und sagte: „Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück“.

Er nimmt nichts und gibt alles

Benedikt lud die Menschen in den christlichen Glauben ein; und er fand starke Argumente dafür: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken“. Mich packt das.

Trotzdem möchte ich sagen: Wenn du glauben und dein Leben auf neue Fundamente stellen willst – tu es nicht um irgendwelche Produktvorteile zu ergattern oder der positiven Begleiteffekte wegen. Tu es nicht wegen deiner seelischen Balance, nicht, weil du dann mit deiner Angst besser zurechtkommst oder dir größere emotionaler Stabilität einhandelst. Tu es schon gar nicht, weil du deiner Mutter, deinem Freund oder deiner Freundin damit einen Gefallen tust.

Tu es, weil es Gott gibt.

Das ist der einzige Grund, den „neuen Weg“ einzuschlagen. Und die Marschrichtung dafür komplett zu verändern. ∎