Sa., 11. Juni 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Dreifaltigkeitssonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Painting of the Holy Trinity with a Crown, by Max Fürst, 1917.

Bibelstellen


Johannes 16,12-15

Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

„Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“ (vgl. Vers 12)

Das Geheimnis der Dreifaltigkeit ist das größte Geheimnis unseres Glaubens. Dieses unendliche, unbegreifliche Geheimnis, aus dem alles strömt, wird uns eine ganze Ewigkeit beschäftigen. Wir werden immer tiefer darin hineingenommen werden.

Darum sagt Jesus vor seinem Leiden zu seinen Jüngern im Abendmahlssaal: „Noch vieles habe ich euch zu sagen …“ Das hört sich zunächst so an, als hätte er ihnen nicht alles gesagt. Aber das hat er schon getan, nur können sie vieles eben noch nicht verstehen. Er hat uns nichts verschwiegen. Er hat ganz klar zu den Aposteln gesagt: „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15) Und auch im heutigen Evangelium sagt er: „Alles, was der Vater hat, ist mein.“

Und dennoch können die Jünger es jetzt nicht tragen. Im Griechischen bedeutet dieses„tragen“ eigentlich „eine schwere Last tragen“ und dieses„nicht tragen können“ (δυναμαι/δυναμισ): „Ihr habt noch nicht die Kraft“ Dieses Dynamis aber steht im Neuen Testament immer wieder für den Hl. Geist. Das heißt also: Ihr habt noch nicht die Kraft des Geistes, um das alles zu tragen, was ich euch noch zu sagen habe. Es würde euch erdrücken, weil ihr es falsch verstehen würdet. Es fehlt euch noch die Kraft von oben.

„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.“ (vgl. Vers 13)

Jesus muss die Jünger also nicht überfordern, denn sie bleiben nicht allein: Der Geist der Wahrheit wird sie in die ganze Wahrheit führen. Im Griechischen heißt es: der Geist der Wahrheit wird euer Wegführer sein in der Wahrheit. Er wird euch in die ganze Wahrheit führen, auch in das, was ihr jetzt noch nicht ertragen und durchschauen könnt.

Der Geist Gottes führt uns durch das Wort der Wahrheit, die Heilige Schrift, zur Wahrheit, zu Christus, der von sich selber sagt: „Ich bin die Wahrheit.“ Das ist seine Aufgabe, auch heute. Wenn wir uns ihm ausliefern, wenn wir ihn einladen und zulassen, lässt der Heilige Geist es nicht zu, dass wir in Irrtum oder in Lüge verfallen. Mit Hilfe der Wahrheit lässt er uns den Irrtum erkennen. Darum ist es so wichtig, dass wir immer wieder die Heilige Schrift, dieses geistgewirkte Wort, dieses Wort der Wahrheit lesen und in uns aufnehmen. Dann wird uns der Geist der Wahrheit, der ja in diesem Wort gegenwärtig ist, immer mehr die Gabe der Unterscheidung geben und uns hellhörig und feinfühlig machen für all die Irrtümer, mit denen wir heutzutage in allen möglichen Aussagen konfrontiert werden. Und Jesus sagt uns hier ganz deutlich: Das ist die Sache des Hl. Geistes. Er wird uns durch das Wort der Wahrheit zur Wahrheit führen, nämlich zu Christus. Und er, der Geist der Wahrheit, wird uns in diesem Wort der Wahrheit, der Heiligen Schrift, die Gabe der Unterscheidung geben, dass wir nicht in Irrtum fallen.

Darum werden wir, wenn wir das Wort Jesu, das Wort der Wahrheit regelmäßig in uns aufnehmen und betrachten, alles, was dieser Wahrheit nicht entspricht, immer mehr wahrnehmen. Das bewirkt der Heilige Geist, denn das Wort Gottes ist ja Geist und Leben, oder, wie es im Hebräerbrief heißt: Kraft und Leben. Es bewirkt Unterscheidung. Deshalb sollen wir beim Lesen der Hl. Schrift immer wieder diesen Hl. Geist bitten, er möge uns durch die Worte der Hl. Schrift die Gabe der Unterscheidung schenken, damit wir die Wahrheit vom Irrtum unterscheiden können bei all dem, was man heute bis in die Kirche hinein hört. Wir können uns also darauf verlassen, dass der Heilige Geist uns in die Wahrheit führt. Allerdings müssen wir ihn auch zulassen!

Der Heilige Geist wird alles reden, was er hört. Er wird also nicht aus sich selbst reden, sondern sagen, was er hört. Auf wen aber hört er? Er hört auf das Wort und dieses Wort ist Jesus. Hier ist wieder diese unauflösliche Einheit zwischen Vater und Sohn angesprochen. Der Geist hört auf das Wort des Vaters, auf Jesus. Er sagt nichts aus sich selbst heraus, sondern nimmt von dem, was Jesus vom Vater gehört hat. Der Sohn hat uns verkündet, was er beim Vater gehört hat. Und der Heilige Geist erinnert die Jünger an alles, was Jesus gesagt hat, d.h. er führt durch das Wort in das innere Geheimnis Jesu und über Jesus in das Geheimnis des Vaters. Deshalb sollten wir beim Lesen der Heiligen Schrift immer wieder diesen Hl. Geist einladen. Das ist ganz wichtig. Das alles ist in diesem Wort „erinnern“ enthalten.

„Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.“ (vgl. Vers 14)

Der Heilige Geist ist gewissermaßen in den Propheten, denn die Prophetengaben, die Charismen, sind ja Gaben und Wirkungen des Hl. Geistes, die die Verkündigung begleiten. So wird der Heilige Geist in der Prophetie das Kommende verkünden. Denken wir an die Apokalypse: Der Hl. Geist spricht zu Johannes und Johannes zu den Gemeinden. Er offenbart, was kommen wird, auch für unsere Zeit. In der Apostelgeschichte erfahren wir an drei Stellen, dass durch die prophetische Gabe eines Menschen der Heilige Geist den Anwesenden offenbart, was kommen wird. Oder denken wir an die prophetische Gabe in den Heiligen, wie z.B. der heiligen Hildegard von Bingen, die durch prophetische Gabe schon vor 800 Jahren unsere Zeit, wie sie heute ist, geschaut hat. Hildegard von Bingen war es auch, die das schöne Wort gesagt hat: „Da das Amt den Männern von Gott übergeben wurde, haben die Frauen besonders Teil am prophetischen Amt.“ Also gerade die Frauen sind es, die prophetisch und geistgeführt sprechen. Eine weitere Form, wie der Geist Gottes das Kommende verkündet, ist das Lehramt der Kirche. Es ist immer derselbe Geist, der in all diesen verschiedenen Weisen verkündet, prophetisch redet.

Prophetengabe im Neuen Testament ist Ermahnung, Erbauung, Trost. Der Heilige Geist führt also nicht über Jesus hinaus – denn dieser ist ja die Wahrheit – sondern er führt tiefer in Jesus hinein. Er erinnert, wie wir vorher schon sagten, d.h. er führt in das Innere Jesu. So schreiben z.B. der heilige Paulus, aber auch Johannes oder Petrus in ihren Briefen Dinge, die Jesus so noch nicht gesagt hat. Weil die Jünger es damals noch nicht begriffen hätten oder noch nicht hätten tragen können, wenn z.B. Paulus vom Kreuz spricht – im Kreuz ist Heil – und von der Kreuzesliebe. Das ist die Führung des Geistes in die Tiefe der Wahrheit hinein, wovon Jesus am Anfang sagt, dass sie die Jünger jetzt, ohne Hl. Geist, noch nicht ertragen und erfassen könnten, z.B. die Bedeutung des Kreuzes seine Rolle in der Welt im Sinne der Erlösung, auch in meinem eigenen Leben. Der Geist Gottes hat durch Paulus und durch andere in den verschiedenen Briefen gleichsam das, was Jesus gesagt hat, nicht darüber hinaus weiterentwickelt, sondern vertieft. Das ist auch der Sinn aller neuen Dogmen: eine immer weitergehende Vertiefung der Wahrheit, die Jesus schon offenbart hat. Diese Vertiefung ist Aufgabe des Hl. Geistes.

„Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.“ (vgl. Vers 15)

Der Heilige Geist ist von Jesus erfüllt und verherrlicht Jesus, denn er nimmt von dem Seinen. Wo Jesus groß wird, ist der Heilige Geist am Werk. Wo Jesus erkannt wird, ist der Heilige Geist am Werk. Jesus als Wort, das der Vater ausgesprochen hat, wird vom Hl. Geist verherrlicht und der Vater wird wiederum in Jesus verherrlicht. Deshalb sagt er: „Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.“ Der Geist offenbart Jesus und verherrlicht damit ihn und seine Erlösungstat, und in ihm den Vater, denn er hat ja alles vom Vater. Das ist wiederum das wunderbare Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit. Es gibt keine Konkurrenz, keinen Neid, keine Eifersucht, sondern der Sohn empfängt vom Vater und der Heilige Geist wiederum empfängt aus dem Sohn, dem Wort des Vaters, das Seine und teilt es mit. Sie alle drei sind gleich an Würde, an Größe, an Gottheit. Keiner ist weniger Gott als der andere, aber sie haben verschiedene, „Aufgaben“ oder „Dienste“ – das ist natürlich ein seltsames Wort innerhalb von Gott – in der Heiligsten Dreifaltigkeit und zwar in vollkommener Freiheit und in wirklicher Liebe. Diese Liebe zeigt sich darin, dass jeder das Seine ganz einbringt und seinen Ort und Auftrag ganz erfüllt, sodass keiner ohne den anderen existieren kann. Das ist das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit, das sich widerspiegelt und widerspiegeln soll im Geheimnis der Kirche.