Fr., 1. April 2022Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Das Erste Gebot

Wenn es denn eine Priorität bei en Geboten gibt, dann ist das Erste Gebot Gottes das Wichtigste, der Kern, die Zusammenfassung von allem.

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Was ist das?


Die Zehn Gebote (auch „Zehn-Wort“ oder „Dekalog“ von griech. déka = "zehn" und lógos = "Wort") sind Offenbarung Gottes und der ethische Urtext des Alten Testaments. Obwohl die Kirche die Zehn Gebote nie formell dogmatisiert hat, sind sie von absoluter Geltung. Als Christ muss man sie glauben und ihnen folgen. Sie sind göttliches Gesetz – d.h.: Die Kirche kann niemals von ihnen dispensieren. Das Erste der Zehn Gebote betont die absolute Priorität des einen Gottes gegenüber allem, was sonst noch Menschen beherrschen möchte.

Was sagt die Heilige Schrift?


Die ethischen Weisungen der Zehn Gebote finden sich in Ex 20,1-17 und Dtn 5,1-22. Aus diesen beiden Quellen hat die Kirche den Text zusammengefasst, den wir heute als „Die Zehn Gebote“ kennen. Sie sind überschrieben mit „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Dann heißt es: „1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. 2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. 3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen. 4. Du sollst Vater und Mutter ehren. 5. Du sollst nicht morden. 6. Du sollst nicht ehebrechen. 7. Du sollst nicht stehlen. 8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. 9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. 10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.“ Jesus hat sich in der Bergpredigt explizit zu den Geboten bekannt: „Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich." (Mt 5,19) Das Erste Gebot ist auf das Engste verknüpft mit dem „Schma Jisrael“, dem großen Glaubensbekenntnis des jüdischen Volkes: „Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst ...“ (Dtn 6,4-7)

Die kleine YOUCAT-Katechese


Auf dem Gottesberg

Es war wahrscheinlich die denkwürdigste Reise meines Lebens: Mitten in der Nacht brachen wir von der Oase zum Beduinenlager am Fuß des Katherinenklosters auf, um von dort dem serpentinenartig sich hinaufwindenden Pfad zu folgen, den vor Tausenden von Jahren schon Mose genommen hatte, um Gott zu begegnen. „Sie waren“, heißt es in Ex 19, „von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. Mose stieg zu Gott hinauf.“ Die Nacht war sternenklar. Überall flackerten kleine Lagerfeuer, über die malerische Hirtengestalten kauerten, Schaf blökten: Bethehem-Feeling. Buntgeschmückte Kamele standen im Widerschein der Feuer bereit, uns Pilgern den Aufstieg zum Gottesberg zu erleichtern „Camel, Camel ... 5 Dollars only ...“. Ich widerstand der Versuchung, wollte den einsamen Weg des Mannes Mose durch das steinige Geröll nach oben zu Fuß meditieren.

Saint Catherine's Monestary - Sinai Peninsula - Egypt. Photo by Esben Stenfeldt.

Was mochte sich dieser Mose gedacht haben? 

Im Vertrauen auf die Führung Gottes hat er das Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausgeführt - in die Wüste. Was nun? Mose sucht die Intimität mit Gott. Und findet sie offenkundig auf dem Gipfel des Berges. Was er erfährt, lässt den Atem stocken. Jahwe übernimmt ... – in einer Art Staatsakt lässt Gott Mose wissen: „Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ Bedingung: „... wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet.“  (Ex 19,5)

Was sich dann ereignet, schildert das Buch Exodus im Stil einer sich über drei Tage hinziehenden großen Oper. Mose muss das Volk vorbereiten auf etwas Ungeheures, etwas Heiliges, auf ein singuläres Gottesereignis: „Keine Hand soll den Berg berühren.“ Kleider waschen! Drei Tag kein Sex! Volle Konzentration! Am dritten Tag, dann Donner, Blitze, Hörnerklang, Rauchwolken. Dann kommen die Zehn Gebote – sozusagen die Verfassung, das Grundgesetz, die Gründungsakte des Volkes Israel.

Der Anbruch eines neuen Tages 

Wer einmal auf dem Sinaiberg war, weiß, warum Fotografen aus aller Welt diesen Berg besteigen, um dort die Farbensymphonie des Sonnenaufganges zu erleben. Aus dem Schwarzblau der Nacht entfalten sich nach und nach alle nur denkbaren Farbe, vom tiefsten Violett über Purpur, hinüber zu einem leuchtenden Rot, zu magischen Orangetönen, bis schließlich gleißendes Sonnengelb das strahlende Blau eines neuen Tages heraufführt. Als ich in dieser Orgie von Schönheit wieder hinabstieg vom Berg, konnte ich geradezu fühlen, welches Geschenk die Zehn Gebote waren und sind – für Israel, aber nicht nur für Israel, nein, für die Menschheit. 

Im Heiligen Jahr 2000 erfüllte sich der greise, schon damals schwerkranke Johannes Paul II. seinen Herzenswunsch und besuchte den Sinai. Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Die Zehn Gebote sind keineswegs willkürlich auferlegte Pflichten eines tyrannischen Herrn ... Heute und für immer sind sie allein die Zukunft der menschlichen Familie. Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen.“

Wenn es denn eine Priorität gibt ...

Wenn es denn eine Priorität bei en Geboten gibt, dann ist das Erste Gebot Gottes das Wichtigste, der Kern, die Zusammenfassung von allem. Rings um Israel beteten die heidnischen Völker eine Vielzahl von Göttern an, denen man opfern musste, um sie gnädig zu stimmen. Nur Israel erkannte den Ausweg aus der Tyrannei: dass es nur einen Gott gibt, einen einzigen nur geben kann – den Gott, der sich dem auserwählten Volk gezeigt hatte als der wahre Gott und Befreier aus der Not. 

Einen Gott zu haben, nur einen (!) was für ein Aufatmen. Nicht mehr jedem dahergelaufenen Herrn dienen zu müssen, frei wie ein Vogel zu sein – wie schön!  Und doch: Klingt „Gebot“ nicht nach Einengung und Freiheitsentzug.  Man muss das anders lesen: In Wahrheit besteht jedes einzelnen Gebot Gottes in einem Akt der sorgenden Liebe Gottes, einer spezifischen Bewahrung der Menschen vor Selbstzerstörung und Zerstörung des humanen Milieus. Wie man kleinen Kindern „verbietet“ über die Autobahn zu laufen, so „verbietet“ Gott liebevoll, was uns und unsere Welt kaputtmacht. Zum Ersten Gebot sagt YOUCAT 355: „Dieses Gebot verbietet uns:  andere Götter und Götzen zu verehren oder ein irdisches Idol anzubeten oder sich einem irdischen Gut (Geld, Einfluss, Erfolg, Schönheit, Jugend usw.) ganz zu verschreiben, abergläubisch zu sein, also statt an Gottes Macht, Führung und Segen  zu glauben, esoterischen, magischen oder okkulten Praktiken anzuhängen oder sich mit Wahrsagerei oder Spiritismus zu befassen, Gott in Worten oder Taten herauszufordern, ein Sakrileg (= die Schändung oder Entweihung von etwas Heiligem) zu begehen, geistliche Macht durch Korruption zu erwerben und das Heilige durch Handel zu entweihen (Simonie).“

Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern dient

Das Erste Gebot bezieht sich nicht auf ein paar Weihrauchkörner vor einem falschen Kultbild. „Gott“ ist auch nicht das grinsende Gartenobjekt aus dem Baumarkt. Gott ist das Größte. Das, was selbst-, und weltvergessen angebetet wird. Wenn Gott nicht der wahre Gott ist, tauchen andere, gnadenlose Götter auf. Es geht zurück nach Ägypten, ins Sklavenhaus. „Mein Gott“ kann all das sein, dem ich erlaube, Macht über mich zu haben, und sei sie tödlich. „Mein Gott“ könne die Angst sein, an der ich mich festhalte, um mich ja nicht verändern zu müssen. „Mein Gott“ kann sein, wovor ich in den Staub sinke, wofür ich um mein Leben renne, auf welche Karte ich alles setze. „Mein Gott“ kann der Ruhm sein, dem ich mich als Knecht verdinge, die Macht, die mich über Leichen gehen lässt, der Erfolg, der mich krankmacht. Herr über mich können auch alle Manifestationen des Sexuellen sein, in denen ich mich einer fremden Macht unterwerfe wie der Junkie dem Suchtdruck – falsch konditioniert, aus Schwäche, zwanghaft, von Gier getrieben, warum auch immer. „Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt. Ich will ihnen nicht opfern; ich nehme ihre Namen nicht auf meine Lippen.“ (Ps 16,4). ∎