Fr., 31. Juli 2020Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Was ist das Fegefeuer? Steht es in der Bibel?

Das Fegefeuer (Purgatorium) steht für den Ort der Reinigung. Gibt es das Fegefeuer wirklich und ist es biblisch begründet? Die Antwort findest du hier.

Ⓒ Photo by Fr Lawrence Lew OP on Flickr.

Was ist das?


Fegefeuer

Auf die Frage „Wo ist ein Mensch nach seinem Tod?“, gibt die Katholische Kirche eine doppelte Antwort: Sein Leib liegt im Grab, aber seine Seele steht vor Gott. Entweder ist ein Mensch dann in der Liebe – dann ist er im Himmel. Oder er hat sich komplett der Liebe verweigert - dann ist er in der Hölle. Oder er hat ein Leben geführt - zu schwach für den Himmel und zu gut für die Hölle. Dann ist er im Fegefeuer: „Der Herr blickt uns voll Liebe an – und wir empfinden brennende Scham und schmerzliche Reue über unser böses oder auch ´nur´ liebloses Verhalten. Erst nach diesem reinigenden Schmerz werden wir fähig sein, seinem liebenden Blick in ungetrübter himmlischer Freude zu begegnen.“ (YOUCAT 159)

Was sagt die Heilige Schrift?


Die Heilige Schrift sagt wenig über ein läuterndes Feuer. An einer Stelle im Alten Testament ist die Rede von einem „Sühnopfer für die Verstorbenen, damit sie von der Sünde befreit werden.“ (2 Makk 12,45) In 1 Kor 3,13 heißt es von den „Mitarbeitern Gottes“: „Das Werk eines jeden wird offenbar werden; denn der Tag wird es sichtbar machen, weil er sich mit Feuer offenbart. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, wird das Feuer prüfen.“ Im ersten Petrusbrief ist von der Standfestigkeit im Glauben die Rede, „die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde.“ (1 Petr 1,7) Dass es so etwas wie ein reinigendes Feuer zwischen Himmel und Hölle wirklich gibt, hat sich in der Kirche erst im 6. Jahrhundert als Glaubensgewissheit durchgesetzt.

Die kleine YOUCAT-Katechese


Unter Feuer

Wenn man jung ist, stellt man so allerhand an; man rauft und neckt sich und hebt dann in tiefster Empörung den Zeigefinger. Bei Scherzen dieser Art hatten wir so eine Standardredewendung: „Dafür, mein Freund, kommst du ans Brennen!“ Mit dem Wort „Brennen“ tauchte eine alte Vorstellung auf, mit der ich im Grunde nicht viel anfangen konnte: das Fegefeuer. Mittelalterliche Maler hatten großen Spaß am lohnenden Bildmotiv von Seelen, die im Feuer braten. „Dafür kommst du ans Brennen“ - das sollte wohl sagen: Dafür wirst du in der Ewigkeit einmal büßen! Und das wird nicht lustig!

Das Fegefeuer vergessen?

Später, als ich studierte, hörte ich allerlei abfällige Sprüche über das Fegefeuer. Es sei nicht so wichtig, auch biblisch schlecht begründet. Die Kirchen aus der Reformation würden seine Existenz in Abrede stellen, usw. Dass es das Fegefeuer doch gibt, wurde mir ausgerechnet in einem Gespräch mit evangelischen Theologen klar. Die stellten ihrem katholischen Gegenüber eine merkwürdige Frage: „Hast du Heilsgewissheit?“ - und zwar mit Untertönen, die mir die Wichtigkeit dieser Frage signalisierten. Weil ich nicht gleich reagierte, verschärften sie noch die Frage: „Bist du ganz sicher, dass du gerettet bist?“ Ich weiß nicht mehr, wie ich wörtlich darauf antwortete, aber ungefähr so: „Ich bin ganz sicher, dass Christus auch für mich gestorben ist und dass er mich erlöst hat. Aber ob ich einmal in den Himmel komme? Woher soll ich das heute schon wissen. Ich könnte ja noch ein paar höllische Sachen anstellen, mit denen man garantiert nicht in den Himmel kommt.“

Dante's Purgatory Painting, by Gustave Dore.

Warum es mehr als Himmel und Hölle geben muss

In der darauffolgenden Nacht wurde mir klar, warum es das Fegefeuer wirklich gibt. Und warum es mein Schicksal sein könnte, nach meinem Tod genau dorthin zu kommen. Gäbe es nur Schwarz oder Weiß, Himmel oder Hölle, Erlösung oder Verdammnis, Gnade oder Verfluchtsein – wir würden in einem grausamen Universum leben. Der Islam kennt nur diese radikale Alternative. Einmal fuhr ich von Kairo ans Rote Meer. Niemals sah ich eine traurigere Welt. Kilometer um Kilometer fuhren wir durch verkohlte, mit Plastikfetzen übersäte, stinkende Welten, in denen graue Menschen mit grauen Tieren dahinvegetierten. „Warum ist das alles so unendlich traurig?“, fragte ich einen koptischen Christen, der mich begleitete. „Es liegt an ihrem Glauben. Weil sie jetzt nicht auf der Sonnenseite des Lebens sind, weil ihr Leben so traurig ist, glauben sie, sie sind jetzt und auf ewig verflucht! Es hat für sie gar keinen Sinn, etwas dagegen zu unternehmen.“

In der Nacht jedenfalls, nach dem Tag, an dem mich die evangelischen Theologen nach meiner „Heilsgewissheit“ gefragt hatten, grübelte ich über meine eigene Hoffnung auf Ewiges Leben. Ich dachte an meinen Tod und an den Moment, an dem ich dem lebendigen Gott ins Auge schauen werde. Natürlich hoffte ich, dass der barmherzige Gott dann auch zu mir den einen befreienden Satz sagt: „Geh ein in die Freude deines Herrn!“ (Mt 25,23) Plötzlich wurde mir aber auch klar: Wenn dieser Moment kommt, in dem meine ganze Biographie im grellen Licht der Wahrheit liegt, werde ich auch überfallen sein von einem ganz anderen Gefühl – nämlich von tiefer Scham. In die endlose Klarheit Gottes kommen, heißt ja nicht überblendet und und verschluckt werden von der Fülle des Lichtes – so, dass wir als Person nicht mehr da sind. Wir werden zugleich in die vollkommene Gottes- und die vollkommene Selbsterkenntnis kommen.

Vor der Freude: die Scham

Dann wird Scham sein über all die Momente, an denen ich achtlos an der Liebe vorbeilief, an all die kleinen Augenblicke der Bosheit und des Verrats. In YOUCAT 159 wird an einen solchen Moment tiefster Scham erinnert: „Als Petrus Jesus verraten hatte, wandte sich der Herr um und blickte Petrus an: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ - ein Gefühl wie im Fegefeuer.“ In dieser Nacht wurde mir klar, dass es das Fegefeuer gibt und dass es Teil meiner Hoffnung auf Gott und das Ewige Leben ist. Ich kann ja sagen zu dem, was in YOUCAT 159 steht: „Wer in der Gnade Gottes stirbt (also im Frieden mit Gott und den Menschen), aber noch Reinigung braucht, bevor er Gott von Angesicht zu Angesicht sehen kann – der ist im Fegefeuer.“ Ich freue mich, eines Tages von Jesus angeschaut (und durchschaut zu werden). „Sein Blick“, schreibt Papst Benedikt XVI, „die Berührung seines Herzens heilt uns in einer gewiss schmerzlichen Verwandlung 'wie durch Feuer hindurch'. Aber es ist ein seliger Schmerz, in dem die heilige Macht seiner Liebe uns brennend durchdringt, so dass wir endlich ganz wir selber und dadurch ganz Gottes werden.“ ∎