Mi., 22. Dezember 2021Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Fest der Heiligen Familie

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

The Holy Family with a Bird, by Bartolomé Esteban Murillo (ca. 1650).

Bibelstellen


Lukas 2, 41-52

Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.

Biblische Predigten


„Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.“ (vgl. Vers 41-42)

Josef und Maria zogen jedes Jahr gemäß dem Gesetz nach Jerusalem zum Paschafest und auch Jesus zog wohl schon vor seinem zwölften Lebensjahr mit hinauf, obwohl die Verpflichtung dazu nach dem Gesetz eigentlich erst mit zwölf Jahren begonnen hat. In diesem Jahr aber, mit zwölf Jahren, zieht er nun zum ersten Mal nach dem Gesetz mit hinauf nach Jerusalem.

„Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm.“ (vgl. Vers 43-45)

Die Festpilger aus Galiläa reisten meist in großen Gruppen zum Paschafest nach Jerusalem, da es eine ziemlich lange Strecke zu gehen war. Lukas berichtet hier relativ ausführlich darüber, wie Jesus verloren geht und seine Eltern überall nach ihm suchen. Diese breite Schilderung soll die Frage Mariens vorbereiten, die sie dann an Jesus stellen wird, nachdem sie ihn gefunden haben: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ (Lk 2,48) Auf dem Hintergrund dieser langen und wahrscheinlich auch sehr angstvollen Suche wird deutlich, aus welcher Tiefe diese Frage Mariens kommt.

„Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.”  (vgl. Vers 46-47)

Die Belehrungen der Schriftgelehrten erfolgten normalerweise in den Hallen des äußeren Tempelvorhofes und genau an diesem Ort finden seine Eltern Jesus schließlich. In dieser Szene geht es nicht darum, dass Jesus unter den Lehrern sitzt, sondern dass er vor ihnen sein Wissen und sein Verständnis über den Vater und über die Schrift ausweist.

Es geht hier nicht um eine natürlich geistige Begabung Jesu, über die alle staunen. Es ist kein Staunen über einen überaus begabten jungen Mann, der das Gesetz schon so gut kennt. Erstaunlich ist vielmehr sein Wissen um den Willen Gottes und darüber, wie sich dieser Wille Gottes im Gesetz offenbart. Das ist das Entscheidende: Gott will seinen Willen in seinem Wort kundtun. Aber wie schnell wird das Gesetz allzu oft versachlicht und somit zum toten Buchstaben. Und jetzt erfahren die Zuhörer im Tempel etwas ganz Neues: Dieser Jesus kann uns den Willen Gottes in diesem Gesetz deutlich machen. Das kommt in dieser fast entsetzten Überraschung, sowohl der Gelehrten als auch der Schüler und der Zuhörer, zum Ausdruck.

Es geht also nicht um ein Wissen im landläufigen Sinne, um bloße Kenntnis des Gesetzes. Das hätte die Zuhörer nicht überrascht. Denn es gab sicher viele Schriftgelehrte, die das Gesetz sogar auswendig kannten. Aber Jesus hat ihnen gleichsam etwas ganz Neues aus dem Gesetz offenbart, nämlich den eigentlichen Willen Gottes. Es handelt sich also um ein tieferes Schauen, ein Erkennen des Willens Gottes im Gesetz des Alten Bundes. Hier blitzt bereits dieses Lehren in Vollmacht auf, von dem wir später vom erwachsenen Jesus hören werden. Und hier bereits scheint auch durch, dass Gottes Weisheit in ihm ist.

„Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.” (vgl. Vers 48)

In der vorwurfsvollen Frage Mariens werden ihr Schmerz und ihre Angst deutlich. Maria verwendet hier den Ausdruck „Vater“

– gemeint ist der heilige Josef. Auf diesem Hintergrund aber wird der Gehorsam Jesu zum Vater im Himmel noch deutlicher: Es geht nicht um einen Widerspruch oder Gegensatz zu seinen irdischen Eltern – denn später ist er ja Maria und Josef gehorsam –, sondern um seinen Gehorsam dem Vater im Himmel gegenüber. Dieses ganz Andere, sein absoluter Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, soll in diesem scheinbaren Kontrast verdeutlicht werden.

„Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?” (vgl. Vers 49)

In der Antwort Jesu kommt die ganze Radikalität des Gehorsams des Sohnes zum Vater im Himmel zum Ausdruck. Gleichzeitig ist dies das erste Wort Jesu, das uns überliefert ist, und es verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit. Jesu Frage weist darauf hin, dass sein Gehorsam zum Vater für ihn eine Selbstverständlichkeit ist. Beim Vater zu sein, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Mit dem Wort „in dem …, was meinem Vater gehört“ ist hier eindeutig der Tempel gemeint, denn dort war Gott im Allerheiligsten gegenwärtig. Und der Tempel ist hier nicht Ort des Opfers, sondern Ort der Unterweisung, denn in ihm hörte Jesus den Lehrern zu und gab ihnen Antwort. „In dem … des Vaters sein“ heißt also in ganzer Hingabe und ganzer Ausschließlichkeit für das Wort Gottes da sein. Das ist bestimmend auch für das spätere Verhalten Jesu als Erwachsener.

Auf dem Hintergrund des Schmerzes Josefs, seines Pflegevaters, wird das Muss des Sohnesgehorsams Jesu deutlich gemacht:

„Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Das ist selbstverständlich und schließt den Gehorsam zu Josef nicht aus, sondern die Betonung liegt auf der Selbstverständlichkeit, ganz dem Worte des Vaters zu dienen, im Wort des Vaters zu sein. Dennoch trennt dieser Sohnesgehorsam Jesus selbst von seinen Eltern und zwingt ihn in die ausschließliche Hörigkeit und Nähe zu seinem Vater – Ausschließlichkeit. Aber „trennen“ ist hier nicht im negativen Sinn gemeint, sondern dieses „Muss“ ist eine besondere Intimität. Später wird Jesus verkünden: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden.” (Joh 4,34) Diese Worte zeigen sein persönlich-religiöses Verhältnis zum Vater im Himmel. Er ist nicht als Messias, gewissermaßen „von Amts wegen“, hier im Tempel geblieben, sondern es ging um sein ganz persönliches religiöses Verhältnis zum Vater im Himmel. Aus Jesu Sohn-Sein ergibt sich, dass er den Willen Gottes tut, und darin wurzelt letztlich seine Lehrautorität.

„Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.” (vgl. Vers 50-51)

Das Nicht-Verstehen der Eltern ist kein oberflächliches Nicht-Verstehen, sondern es drückt aus, dass das Wort Jesu, das er zu ihnen gesprochen hat: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?” (vgl. Vers. 49), ein Geheimniswort von großer Tiefe ist. Dieses Wort will zur Betrachtung anregen und deshalb bewahrt es Maria auch in ihrem Herzen und denkt darüber nach.

Dieses Bewahren des Wortes im Herzen Mariens deckt auf, dass hier dieses Ihn-nicht-Verstehen im Sinne eines geheimnisvollen Wortes gemeint ist, und nicht als Ausdruck eines Ungehorsams gegen seine Eltern. Es war von Maria und von Josef her gewissermaßen ein fragendes Nicht-Verstehen, ein für Gott offenes Nicht-Verstehen. Es ist etwas so Tiefes, dass sie es nicht sofort durchschauen konnten. Auch im heutigen Evangelium drückt das Wort Gottes also wieder eine viel tiefere Dimension aus, hinter die es zu hören gilt, wenn wir es lesen und betrachten.

„Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.” (vgl. Vers 52)

Am Schluss werden das Wachstum Jesu, seine innere Weisheit und die Gnade Gottes, die in ihm wirkt, ausgedrückt, aber ausdrücklich auch sein äußeres Wachstum, sein Alter betont. Denn er war ganz Mensch. Er hat zugenommen sowohl vor Gott wie vor den Menschen. Er war vor Gott und vor den Menschen geachtet.

Dieser Text ist bereits christologisch zu verstehen, d.h. als vorbereitendes Verstehen der folgenden Texte. Alles, was jetzt im Lukas-Evangelium folgt, ist von hier aus verständlich. Jesus ist beides: Sohn Gottes und Sohn der Menschen. Und er ist der, der den Menschen vom Vater her das Wort des Vaters erklärt. ∎