Katechismus, Lehramt und Dogma
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Credopedia Katechismus, Lehramt und Dogma

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Katechismus, Lehramt und Dogma

Der Katechismus enthält die offizielle Lehre der Kirche. Die Lehre basiert auf der Bibel und der Überlieferung. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

min Lesezeit | Bernhard Meuser

Was ist das?

Katechismus, Lehramt und Dogma

Der Katechismus ist ein offizielles Handbuch der Kirche, mit dem glaubensbereite Menschen den verbindlichen Glauben der Kirche kennenlernen können. „Katechese“ (von griech. kat´echein = hinaufführen, lehren) nennt man von alters her die Einführung in den Glauben, Dass die Kirche ein Lehramt hat, kommt von einem Auftrag Jesu an die Apostel (heute: den Papst, die Bischöfe). Mit dem Beistand des Heiligen Geistes sollen sie lehren und an dem festhalten, „was das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes enthält und die Kirche als von Gott geoffenbart zu glauben vorstellt." (I. Vatikanisches Konzil). Die Kirche kann sowohl in Glaubens-, als auch Sittenfragen verbindlich lehren und für solche Lehre von den Gläubigen den sog. „Glaubensgehorsam“ einfordern. Mit dem Wort Dogma (von griech. dokein = scheinen) bezeichnet man eine von Gott geoffenbarte Glaubenslehre der Kirche, die vor dem Tod des letzten Apostels ergangen, von der Kirche als unwiderruflich angesehen und von der gesamten Kirche als zu glauben verlangt wird. Ein Katholik der ein Dogma der Kirche öffentlich ablehnt, ist ein Häretiker. Wer als Getaufter den gesamten Glauben der Kirche ablehnt, ist ein Apostat. Beide stehen nicht mehr in Kommuniongemeinschaft mit der Kirche – man sagt: Sie sind exkommuniziert.

Was sagt die Heilige Schrift?

Dass es verbindliche Lehre (und nicht bloß vage Meinung) in der Kirche gibt, ist früheste Überzeugung der Urgemeinde. So sagt Paulus: „Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen.“ (1 Kor 15,2) Die Autorität der Apostel gründet auf ihrer Augen- und Ohrenzeugenschaft ebenso, wie auf dem Wort Jesu: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16) Kaum etwas betont Paulus mehr, als dass er selbst nur lehre, „was auch ich empfangen habe“ (1 Kor 15,3) In den Briefen finden sich immer wieder Formulierungen wie: „Haltet fest am Wort des Lebens“ (Phil 2,16) oder: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“ (2 Thess 2,15). In 2 Tim 4,3 warnt der Apostel ausdrücklich vor dem Abfall vom Glauben: „Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln.“

Die kleine YOUCAT-Katechese

Time to say Good Bye - Abschied vom Katechismus?

Heute kann man sich kaum mehr vorstellen was für eine euphorische Begeisterung vom 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) ausging. Der katholische Glaube war selbst im Westen noch tief in der Gesellschaft verankert, wenn es auch bedenkliche Verkrustungen und Abbrüche gab, von denen sich die Kirche in einer Art Befreiungsschlag zu verabschieden suchte. Die Stimmung des Aufbruchs übertrug sich sogar auf kirchenferne Milieus. Ich erinnere mich noch an einen der führenden Pariser Modeschöpfer, der aus Sympathie für das Ganze eine Kollektion futuristischer Liturgiegewandungen entwarf, die er von tänzelnden Models vorführen ließ. Die unglaublich fortschrittlichen Hosenanzüge für Priester sahen aus wie aus der Requisitenkammer von Star Trek. Spock sei Dank, dass die Katholische Kirche sich nicht weiter für die Pariser Kreationen interessierte.

An diese kuriose Episode muss ich denken, wenn von wohlmeinenden Kirchenführern regelmäßig der Abschied von „überholten Katechismuswahrheiten“ gefordert wird, als handle es sich dabei um aus der Zeit gefallenen Klamotten, die nach Mottenkugeln stinken.

Gewiss handeln die vier Teile des Katechismus ausschließlich von alten Sachen: das Credo ist 1500 Jahre alt (und bezieht sich auf noch weitaus ältere Bekenntnisformeln), die Sakramente sind 2000 Jahre alt, die Zehn Gebote etwa 3000 Jahre, und das Vaterunser, das die Lehre der Kirche über das Gebet strukturiert, kommt von Jesus, also aus der Stunde Null der Kirche.

Mir ist nicht sonderlich wohl bei dem Gedanken, diese historisch gut abgehangenen Wahrheiten könnten ersetzt werden durch „moderne Erkenntnisse“. Das Modernste von heute, sind die Schlaghosen von morgen. Hoffentlich verfällt die Kirche nicht auf den Gedanken, wir müssten alle fünf Jahre neu definieren, was zu glauben ist.

Ein Papst aus Polen und die Krise des Glaubens

Als aus dem Konklave* von 1978 überraschenderweise ein kraftvoller junger Bischof aus Polen das Rennen machte, staunte die Katholischer Kirche nicht schlecht über die Agenda des Mannes, der heute als der hl. Papst Johannes Paul II. verehrt wird. Sein Blick ging auf die Ortskirchen des Westens, insbesondere in den Niederlanden und Frankreich, die sich – statt im Aufbruch – in einem Prozess des offenen Verfalls befanden. Entschlossen steuerte der junge Papst gegen. Quasi vom ersten Tag seines Pontifikates an verfolgte er ein Projekt, in dem er die eigentliche Vollendung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils sah: die Schaffung eine neuen Katechismus´ für die Weltkirche. Dafür gab es ein historisches Modell. Das Vorgängerbuch – der „Catechismus Romanus“ des Tridentinischen Konzils – hatte eine Haltbarkeit von punktgenau 400 Jahren bewiesen und wesentlich zum Wiederaufbau der Katholischen Kirche nach der Reformation beigetragen.

Nun sollte ein Werk von ähnlicher Wucht dafür sorgen, dass die Essenz des Evangeliums sich in den hochsäkularisierten Gesellschaften nicht ins Nichts auflöste. Um die Arbeit zu tun, holte er sich den besten theologischen Kopf, über den die Kirche seinerzeit verfügte. Der Name des Mannes, der sich zunächst gehörig sträubte, weil er seinen Platz auf dem Münchner Bischofsstuhl sah, war Joseph Ratzinger. Als der neue Präfekt der Glaubenskongregation endlich anpackte und das Projekt ruchbar wurde, ging ein Sturm der Entrüstung durch die westlichen Ortskirchen, der sich zu einem Orkan verstärkte, als der KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) 1992 als „sichere Norm des Glaubens“ von Papst Johannes Paul II. approbiert wurde, in über 50 Sprachen erschien und und zu einem Millionbookseller wurde. Die selbsternannten Reformkräfte sahen in seiner Publikation einen Akt autoritärer Gängelung. Wollte der Papst die Katholische Kirche wieder ins Mittelalter zurückführen?

Drei Argumente gegen den Katechismus

Das erste Argument, das sie vortrugen: Ein Katechismus ist nicht mehr zeitgemäß, weil wir heute wissen, dass der Glaube etwas Lebendiges ist, dass man nicht in toten Lehrsätzen konservieren und auf Flaschen abfüllen kann. Das zweite Argument betraf die neue Wertschätzung der Heiligen Schrift. Sollte diese erste und wichtigste Quelle der Offenbarung wieder geschwächt werden? Sollte das Volk Gottes seinen Glaubensdurst wieder durch den verdünnten Aufguss kirchlicher Lehre stillen, statt am klaren Wasser des Wortes Gottes? Das dritte Argument betraf das Selbstverständnis der Theologie und ging weit über die Kritik am Katechismus hinaus. Entzieht eine Kirche, die mit Lehramt, Dogma und Katechismus arbeitete, nicht einer wissenschaftlich arbeitenden Theologie den Boden unter den Füßen weg? Wollen wir den Leuten ewig Vorschriften machen? Sollten wir die Gewissensentscheidungen von Menschen nicht unbedingt respektieren, statt sie immer an abstrakten Vorschriften zu messen?

Drei Argumente gegen die Argumente

Das erste Argument stimmt. Wenn es in der Kirche noch jemand geben sollte, der seinen Kindern sagt: „Lernt den Katechismus auswendig, dann habt ihr den Glauben“, müsste man ihn für borniert halten. Der Glaube muss von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz weitergegeben werden – in dialogischer Katechese. Das heißt aber noch lange nicht, dass seine Inhalte nicht vernünftig darstellbar und lernbar sein könnten. In YOUCAT 25 heißt es: „Im Glauben geht es nicht um leere Worte, sondern um die Wirklichkeit. In der Kirche verdichteten sich im Lauf der Zeit Glaubensformeln, mit deren Hilfe wir diese Wirklichkeit anschauen, ausdrücken, lernen, weitergeben, feiern und leben. Ohne feste Formen zerfließt der Inhalt des Glaubens. Deshalb legt die Kirche großen Wert auf bestimmte Sätze, deren genauer Wortlaut meist mühsam errungen wurde, um die Botschaft Christi vor Missverständnissen und Verfälschungen zu schützen.“

Auch das zweite Argument stimmt – jedenfalls zur Hälfte. Nicht der Katechismus ist „norma normans non normata“** der Kirche, sondern die Heilige Schrift. Es war höchste Zeit, dass die Kirche dem Volk Gottes wieder die Schätze des Wortes Gottes erschloss und den „Tisch des Wortes“ reicher deckte, wie es das Konzil sinnvoller Weise verlangte. Das heißt aber nicht, dass die Kirche nur aus dem Rückbezug auf die Heilige Schrift als etwas in der Vergangenheit Abgeschlossenes leben würde, als wäre Gott nicht auch eine lebendige Gegenwart in ihr. Deshalb heißt es in YOUCAT 12: „Den wahren Glauben finden wir in der Heiligen Schrift und in der lebendigen Überlieferung der Kirche (= Tradition). Das Neue Testament ist aus dem Glauben der Kirche heraus entstanden. Schrift und Tradition gehören zusammen. Die Weitergabe des Glaubens läuft nicht in erster Linie über Texte. In der alten Kirche sagte man, die Heilige Schrift sei ´eher in das Herz der Kirche als auf Pergament geschrieben´. Schon die Jünger und Apostel erfuhren das neue Leben vor allem über die lebendige Gemeinschaft mit Jesus.“

All you need to know

Der Katechismus ist also gewissermaßen das „Traditionsbuch“ der Kirche. Er bezieht sich immer auf die Heilige Schrift und sagt nichts, was nicht wenigstens implizit in der Heiligen Schrift enthalten ist; er enthält aber auch, was an Erkenntnisfortschritt in der Kirche gewachsen und verbindliches gemeinsames Glaubensgut wurde. Ohne den Katechismus wüssten wir nicht, was ein Priester ist, warum wir uns am Sonntag zur Heiligen Messe versammeln, warum wir in der Fastenzeit fasten, wann, warum und was wir Ostern feiern und tausend andere Dinge und Lebensregeln der christlichen Gemeinschaft. Dem Volk Gottes den Katechismus vorzuenthalten, heißt, ihm das Milieu zu entziehen, in dem man als Christ leben und atmen kann.

Das dritte Argument ist restlos falsch. Die Katholische Kirche ist ohne Lehramt und Dogma nicht denkbar. Wer daran sägt, betreibt nicht Theo-Logie (= Gottes-Wissenschaft) - er unterminiert die Grundlagen. Die Theologie ist Glaubens-Wissenschaft – d.h.: Sie schafft den Glauben nicht; sie setzt ihn voraus. Sie erhellt, läutert und erklärt den Glauben, den sie von Kirche empfängt, die sich wiederum als Ganze mit dem „Geist der Wahrheit“ (Joh 14,17) beschenkt und in diesem Geist von Gott erhalten weiß. „Da Jesus Christus selbst“, heißt es in YOUCAT 13, „seinen Aposteln den Auftrag zum Lehren erteilt hat, hat die Kirche ein Lehramt (Amt = Auftrag) und darf nicht schweigen. Zwar können einzelne Glieder der Kirche irren und sogar schlimme Fehler machen, aber als Ganze kann die Kirche niemals aus der Wahrheit Gottes herausfallen. Die Kirche trägt eine lebendige Wahrheit durch die Zeit, die größer ist als sie selbst. Man spricht vom depositum fidei, dem zu bewahrenden Gut des Glaubens. Wenn eine solche Wahrheit öffentlich bestritten oder entstellt wird, ist die Kirche aufgefordert, wieder zum Leuchten zu bringen, „was überall, immer und von allen geglaubt worden ist“ (Hl. Vinzenz von Lérins, † 450).

Leider gibt es immer wieder Theologen, die den Katechismus schlechtreden und das Lehramt lächerlich machen, als hätten sie ein Interesse daran, dass wir es „so genau nicht wissen“. Sie tun sich und der Kirche keinen Gefallen. Denn sie verunsichern die Gläubigen und tragen dazu bei, dass die Öffentlichkeit denkt, die Inhalte des Glaubens seien ein Kampffeld der Meinungen und im Grunde eine irrationale Ansammlung unhaltbarer Behauptungen. Wer den Glauben annehmen soll, um das Haus seines Lebens darauf zu bauen, hat ein Recht zu wissen, was er bekommt. Auf vage Hypothesen hin würde ich jedenfalls nicht Christ werden. Ich will schon wissen, was das ist.

Was der Katechismus leistet und was nicht

Es gibt eine knackige Definition, bei der man jedes Wort auf die Goldwaage legen darf. Sie lautet: “Der Katechismus ist ein Buch der Kirche, in dem all das zusammenhängend benannt, durch die Vernunft erhellt und durch die Kirche verbürgt wird, was man begründet erhoffen darf, notwendig glauben muss und konsequent tun sollte, um ein Christ zu sein.” Im Katechismus stehen gut abgedeckte Formulierungen, die freilich keinen Ewigkeitswert haben; sie können durch noch bessere Formulierungen ersetzt werden. Selbst ein Dogma ist nur eine Standardformulierung, die nach unten abgrenzt; eines Tages werden wir es mit Gottes Hilfe vielleicht noch genauer, noch tiefer, noch schöner sagen können. Aber hinter die Standards werden wir nicht mehr zurückfallen können.

Eine Kirche, die ihre Glaubenswahrheiten versteckt, statt sie im lebendigen Gespräch zu halten und in immer neuen Anläufen gemeinsam anzuschauen, verliert an Profil. Eine profillose Kirche aber produziert profillose Christen, wenn sich überhaupt noch jemand für sie interessiert. Was passiert, wenn man den Glauben nicht mehr zu fassen kriegt, hat Georges Bernanos schon 1936 in seinem Tagebuch eines Landpfarrers beschrieben: „Ich habe den Glauben nicht verloren. Der Ausdruck ‚den Glauben verlieren’, so wie man seinen Geldbeutel verliert oder einen Schlüsselbund, ist mir übrigens immer ein wenig albern vorgekommen ... Man verliert nicht den Glauben, aber er hört auf, dem Leben Form zu geben. Das ist alles.“

Den Katechismus lesen – und neu in Form kommen, das ist ein geniales Rezept für alle Christen und solche, die es werden wollen.


* Versammlung der Kardinäle zur Papstwahl ** Eine Norm, die nicht von einer anderen Norm noch einmal normiert wird