Fr., 13. November 2020Lesezeit 10 min

Wer kann die Krankensalbung empfangen und wie erfolgt der Ablauf?

Das Sakrament der Krankensalbung. Wer kann die Krankensalbung empfangen, was bedeutet sie und wie läuft sie ab?

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Was ist das?


Die Salbung der Kranken

Das Sakrament der Krankensalbung geht wie alle Sakramente (= Heilzeichen) direkt auf Jesus zurück und ist (mit der Beichte) eines von zwei „Sakramente(n) der Heilung und Wiederherstellung ..., in denen wir von der Sünde befreit und in der leiblichen und seelischen Schwäche gestärkt werden.“ (YOUCAT 224) „Durch die Krankensalbung heilt, stärkt und tröstet Christus.“ (YOUCAT 193) Gott will, „dass wir an Leib und Seele gesundwerden, dass wir darüber gläubig werden und das kommende Reich Gottes erkennen.“ (YOUCAT 241) Das Sakrament der Krankensalbung kann „jeder Gläubige empfangen, der sich in einer gesundheitlich kritischen Situation befindet.“ (YOUCAT 243).

Was sagt die Heilige Schrift?


Wenn Jesus zu einer Gruppe von Menschen ein besonderes Verhältnis hat, dann zu den Kranken. Es ist eine Liebe auf Gegenseitigkeit. Denn im ganzen Neuen Testament suchen gerade die Kranken die Nähe Jesu; es galt „ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ (Lk 6,19). Jesu ganze Sendung ist ein Heilmachen, wobei die zeichenhafte Heilung leiblicher Krankheiten zurücktritt hinter der seelischen Heilung durch Sündenvergebung: „Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! ... Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!“ (Mk 2,5.11) So wendet sich Jesus besonders den Sündern zu; „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ (Mk 2,17) Jesus heilt, indem er selbst ein Leidender wird: „Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken. Dadurch sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.“ (Mt 8,16-17) Jesus beauftragt auch seine Jünger – und hier finden wir das „Salben“ von Kranken, das Jesus wohl auch selbst vorgenommen hat: „Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ (Mk 6,13) In der Urkirche ist die Krankensalbung schon fest etabliert: "Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.“ (Jak 5,14f)

Die kleine YOUCAT-Katechese


Fit for Fight

DIE Krankensalbung ist kein hohles Zeichen. Wie hinter jedem Sakrament, so verbürgt sich auch hier die ganze Kirche, dass hinter dem heiligen Zeichen die Wucht eines unsichtbaren göttlichen Wirkens steht. Die Kirche versichert uns: Das Sakrament, das du jetzt empfängst, bewirkt in der Tiefe, was durch seine äußerlichen Zeichen angezeigt wird.

Das Zeichen dieses Sakraments ist die Salbung. Nun verstehen wir Modernen nicht mehr so ganz gut, was es mit einer „Salbung“ auf sich hat. Zwei Begriffe führen weiter. 1. Schutz und 2. Kraftübertragung. Beginnen wir mit dem Schutz!

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Schutz I: Die Weisheit der alten Hirten

Manche sagen, der schützende Brauch der Salbung gehe auf die Weisheit der alten Hirten zurück. Im Fell der Schafe nistete immer wieder Ungeziefer. Die Tierchen konnten auch den Kopf der Schafe befallen und in den Gehörgang eindringen – eine tödliche Gefahr für die Lämmer. Die Hirten übergossen ihre Köpfe deshalb mit Olivenöl. Das verhinderte das Eindringen von Ungeziefer – die Insekten rutschten ab. Für das Sakrament der Krankensalbung bedeutet das: Das Böse kann nicht in mich eindringen. Und so versteht man besser, dass bei der Krankensalbung die Sinnesorgane – und eben auch die Ohren – gesalbt werden. „Der Glaube kommt vom Hören.“ (vgl. Röm 10,17) Du bist in Not – wie wichtig, dass du gerade jetzt hören kannst. Gott schenkt, dass deine Gehörgänge offen bleiben. Kein Gift darf jetzt in dich eindringen, sich einnisten und seine zerstörerische Wirkung entfalten. Das heilende Wort Gottes wird dich tief innen erreichen und dir Frieden schenken.

Schutz II: Dem Würgegriff entkommen

In der Antike rieben sich die Männer, wenn sie in der Arena zum Ringkampf antraten, mit Olivenöl ein. Das ist heute noch so - in der Türkei, beim Öl-Ringkampf. Für diesen Brauch gibt es eine ganz einfache Erklärung: Der Gegner kann schlechter zupacken. Seine Hände gleiten ab, und selbst wenn man sich in einem Würgegriff befindet, kann man es vielleicht noch schaffen, dem Würger zu entgleiten.

Krankheit kann Menschen im Würgegriff haben. Scheinbar schützt sie nichts vor dem finalen Aus. Tag für Tag nehmen die Kräfte ab. Man hat sich nicht mehr in der Gewalt, muss zusehen, wie es scheinbar nur noch abwärts geht. Der Kampf ist kaum mehr zu gewinnen. Tatsächlich glauben Christen aber, dass es ein – und nur ein einziges – Mittel gibt, dem Würgegriff des Todes zu entkommen: die Vereinigung mit Jesus, dem der große Verderber nichts anhaben kann. In YOUCAT 245 heißt es: „Die Krankensalbung schenkt Trost, Frieden und Kraft und verbindet den Kranken in seiner prekären Situation und seinen Leiden auf eine tiefe Weise mit Christus. Denn der Herr hat unsere Ängste durchgemacht und unsere Schmerzen an seinem Leib getragen. Bei manchen bewirkt die Krankensalbung körperliche Heilung. Sollte Gott aber jemand zu sich heimrufen wollen, so schenkt er ihm in der Krankensalbung die Kraft für alle körperlichen und seelischen Kämpfe auf seinem letzten Weg. In jedem Fall hat die Krankensalbung eine sündenvergebende Wirkung.“

Extreme Unction by Nicolas Poussin, 1638–1640.

Königliche Kraftübertragung

Nicht nur in der Heiligen Schrift, überall in der Antike begegnen wir der Salbung, überall wurden Könige gesalbt. Wir verstehen nicht mehr ganz, was die Leute in einer solchen „Salbung“ sahen (oder sehen sollten). Imperatoren inszenierten sich als Götter, als käme ihnen in der Salbung eine von Gott kommende Vollmacht zu. Wir würden heute sagen: Es wurde ihnen auf mehr oder weniger demokratische Weise Herrschergewalt verliehen, die sie so oft auf grausame Weise missbrauchten.

Jesus liebte es, sich und seine Botschaft in materiellen Dingen auszusagen: In Brot, Wein, Salz und Sauerteig finden wir „ihn“ wieder. Auch die „Salbung“ greift er auf, ja, im Lukasevangelium beginnt er sein Wirken in diesem Zeichen: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt.“ (Lk 4,18). Jesus lässt es auch zu, dass eine Frau „ein Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl “ (Mk 14,3) zerbricht und es ihm über den Kopf gießt. Der stärkste Ehrenname von Jesus lautete „Christus“ – das ist Griechisch und heißt: der Gesalbte. Die ganze Hoffnung Israels hatte sich auf das Kommen des Gesalbten - hebräisch: des Messias – ausgerichtet.

Mitten in der Verfolgung sind die ersten Christen auf nichts stolzer, als in Gemeinschaft mit Jesus zu sein. Petrus und Johannes werden verfolgt und ins Gefängnis geworfen, und sie können überhaupt nicht verstehen, wie man gegen den toben und wüten kann, der doch offenkundig von Gott „mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt“ (Apg 4,27) ist. Da wird klar: Die Salbung besteht in Kraftübertragung. Und diese Kraft ist nicht irgendetwas vage Göttliches: Sie ist der Heilige Geist. Und dieser Heilige Geist ist kein exklusives Besitztum Jesu. Paulus sagt: „Gott aber ist es, der uns mit euch auf Christus hin stärkt und der uns gesalbt hat.“ (2 Kor 1,21)

Ich brauche eure Salbung!

Es gibt eine wunderbare Geschichte aus dem Urchristentum. Ignatius von Antiochien war der dritte Bischof jener türkischen Stadt, die heute Antakya heißt. Es heißt, Petrus selbst (!) habe ihn noch zum Bischof gemacht. Etwa um das Jahre 107 ließ Kaiser Trajan diesen ehrwürdigen Mann verschleppen und nach Rom bringen, um ihn dort den Löwen vorzuwerfen. 2100 km Luftlinie, eine lange Reise in den sicheren Tod! Auf dieser Abschiedstour vom Leben fand der greise Bischof Zeit, sieben Briefe an sieben Gemeinden zu schreiben, die zu den schönsten Dokumenten der frühen Kirche gehören.

Ignatius gibt darin keine alterweisen Ratschläge und tut so: „... als ob ich etwas wäre. Denn wenn ich auch um des Namens willen Fesseln trage, so bin ich doch noch nicht vollkommen in Jesus Christus. Ich fange nämlich jetzt erst an mit der Jüngerschaft Christi und rede zu euch als zu meinen Mitschülern.“ Und auf dieser Augenhöhe hat Ignatius einen letzten Wunsch an die Christen von Ephesus: „Von euch musste ich zum Kampf gesalbt werden durch Glauben, Ermunterung, Geduld und Langmut.“ Auch wenn Ignatius das Sakrament der Krankensalbung rein formell vielleicht nicht empfangen hat, so bin ich mir doch sicher: die Salbung durch den Heiligen Geist lag auf Ignatius, als die Tür der Arena in Rom aufgemacht wurde und der greise Bischof vor die Löwen gestoßen wurde. In YOUCAT 173 heißt es: „Durch die Krankensalbung werden Verzweifelte zu Menschen der Zuversicht. Das Sakrament in allen Sakramenten ist Christus selbst. In ihm wachsen wir aus der Verlorenheit der Selbstsucht hinüber in das wahre Leben, das nicht mehr aufhört.“ ∎