Fri, July 16, 2021Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Maria Magdalena und andere Freundinnen Jesu

Unter den Frauengestalten in Jesu Nähe ragt eine Maria aus Magdala in besonderer Weise hervor. Deshalb trägt sie seit dem Mittelalter den Ehrennamen „Apostelin der Apostel“.

Ⓒ IFC Films │ Rooney Mara as Mary Magdalene.

Was ist das?


Zu den skandalerregenden Verhaltensweisen Jesu gehört seine besondere Nähe zu Frauen und seine Wertschätzung ihrer Liebe. Jesus sprach auf Augenhöhe mit ihnen. Frauen wurden von Jesus beachtet, geschützt und geheilt. Frauen zogen mit Jesus mit durchs Land. Frauen waren vermutlich die „Finanziers“ der Jesus-Bewegung. Frauen erwiesen Jesus zärtliche Liebe – und Jesus ließ es sich mit Freude gefallen. Frauen waren die Ersten am Grab und die ersten Verkünderinnen der Auferstehung. Unter den Frauengestalten in Jesu Nähe ragt eine Maria aus Magdala in besonderer Weise hervor. Deshalb trägt sie seit dem Mittelalter den Ehrennamen „Apostelin der Apostel“. Lange nahm man in der Kirche an, dass Maria Magdalena, aus der Jesus sieben Dämonen austrieb, identisch wäre mit der langhaarigen Sünderin (Prostituierten?) von Lk 7, 36-50, die Jesu Füße salbte – es scheint aber nicht so zu sein. Die Verwechslung verlockte Romanschriftsteller zu kühnen Fantasieübungen – wenn etwa Dan Brown eine Ehe von Jesus und Maria Magdalena konstruierte oder andere Autoren eine sexuelle Beziehung herbeischreiben wollten. Man darf durchaus annehmen, dass die heilige Maria Magdalena - ihr Festtag ist der 22. Juli - eine starke, liebevolle Frau war. Dafür spricht alleine die zauberhafte Szene am Ostermorgen, als sie weinend den auferstandenen Jesus mit dem Gärtner verwechselt, bis die Sonne des Erkennens durchblitzt. Die sinnlichen Momente, die sich kein Künstler, der „Maria Magdalena“ gemalt hat, entgehen ließ, rührten also eher von einer anderen Gestalt des Neuen Testaments her. So erklärt es sich, dass die Heilige als die Patronin der reuigen Sünderinnen, der Friseure und Kammmacher, der Gärtner, Parfüm- und Puderfabrikanten, der Weingärtner, Weinhändler und der Verführten verehrt wird. Dass sie die Patronin der Schüler ist, hat hoffentlich nichts mit erotischen Motiven zu tun.

Was sagt die Heilige Schrift?


Im Lukasevangelium erscheint Jesus als Wanderrabbi. In seiner Begleitung befinden sich nicht nur die „Zwölf“, sondern eine ganze Reihe von Frauen, „die von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt worden waren.“ (Lk 8,2) Namentlich werden genannt „Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna“, aber auch „viele andere“ (Lk 8,3) Frauen. An erster Stelle steht „Maria, genannt Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren.“ (Lk 8,2) Sie ist die erste Frau, die Jesus heilte. Von der Gruppe der Frauen heißt es: „Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen“ (Lk 8,3); modern gesprochen, betrieben sie das Sponsoring der Jesusbewegung. Maria von Magdala taucht wieder auf unter dem Kreuz (Mk 15,40), wo zwei weitere Frauen aus dem galiläischen Kreis genannt werden: „Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome.“ (Mk 15,40) Während die meisten männlichen Jünger durch Abwesenheit glänzten, waren Maria von Magdala und Maria die Mutter des Joses auch in der bitteren Stunde von Jesu Bestattung (Mk 15,47) präsent. Es ist ein Zeugnis des Glaubens, dass Maria Magdalena und Salome ihre Geldschatullem öffneten, um die kostbaren und teuren Öle und Salben zu kaufen, um am Morgen des Ostertages „damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben“ (Mk 16,1) – bei welcher Gelegenheit sie das Grab leer fanden. Kein Wunder also, dass die so treue und liebevolle Maria Magdalena gewürdigt wurde, als Erste dem leibhaft auferstandenen Herrn persönlich zu begegnen: „Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.“ (Joh 20,16)

Die kleine YOUCAT-Katechese


Jesus und die Superfrauen

Der Feminismus scheint gerade in der Katholischen Kirche angekommen zu sein, natürlich besonders in den westlichen Ländern. Werden wir in zehn Jahren Priesterinnen haben, in fünfzig Jahren Bischöfinnen und in hundert Jahren eine Päpstin?

Der Feminismus ist noch gar nicht so alt. Das Wort ist erst 1882 in Frankreich entstanden – eine der vielen Folgen der Französischen Revolution und seiner Grundforderungen nach „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“. Der gewaltsame Protest gegen falsche Herrschaftsverhältnisse hatte viele Gründe. Einer der Gründe war, dass die christlichen Wurzeln von Freiheit, Gleichheit und „Geschwisterlichkeit“ (wie man heute besser sagt) verschüttet waren. Nur anfangs profitierten die Frauen vom Umsturz der Verhältnisse. Auf dem berühmten Gemälde von Delacroix durfte eine barbusige Marianne zwar die Bastille erstürmen, und auf dem Altar von Notre Dames thronte eine „Göttin der Vernunft“. Aber bald war die Revolution wieder Männersache. Freiheit? Männer folgten ungehemmter ihren Triebimpulsen. Frauen durften abtreiben. Gleichheit? Frauen sollten fortan auch in Bergwerken schuften. Und müssen heute noch um wirkliche Gleichstellung kämpfen. Brüderlichkeit? Damit konnten Frauen ohnehin nicht viel anfangen. Von einem wirklich geschwisterlichen Umgang der Geschlechter sind wir noch weit entfernt.

Die erste große Frauenbefreiung

Die erste große Frauenbefreiung in der Geschichte der Menschheit fand in der Antike statt. Ihre Betreiber waren nicht die berühmten Philosophen in Athen, sondern ein einfacher Mann aus Galiläa, der neue Maßstäbe für einen Umgang mit Frauen auf Augenhöhe setzte. Die alten Griechen bewegten sich noch im Rahmen einer Praxis, in der Frauen Menschen zweiter Klasse und Eigentum des Mannes waren, selbst wenn sie als Gattin eines freien Bürgers einen gewissen Status hatten. Dem Hausvater war es überlassen, ob er ein Kind, das er gezeugt hatte, als legitim anerkannte und ihm eine Erziehung angedeihen, oder ob er es sogar aussetzen ließ. Im Haus konnten neben der Ehefrau, die meist getrennt vom Mann ihren Bereich hatte, noch weitere Frauen leben oder verkehren: Nebenfrauen, Gespielinnen bei Gelagen (sogenannte Hetären), Prostituierte, Sklavinnen, die sich oft aus überzähligen oder ausgesetzten Kindern rekrutierten und von Bordellmüttern und Zuhältern aufgezogen und vermarktet wurden.

Das Modell ein Mann + eine Frau + für immer + Kinder findet sich musterhaft schon im Buch Genesis, wo Gott dem Adam eine ebenbürtige Ergänzung erschafft: Eva. Der Mann jubelt: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23); und er macht etwas Verrücktes: Er verlässt Vater und Mutter „und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.“ (Gen 2,24) Das klingt schon anders, wenn man auch sehen muss, dass auch in Israel weiterhin patriarchalische Muster dominierten. Die Patriarchen nahmen sich Nebenfrauen und große Frauengestalten waren zwar möglich, aber blieben doch die Ausnahme. Der normale Wirkungsbereich der Frau war das Haus. Erst im Neuen Testament treten Frauen in großer Zahl in den Gesichtskreis der prophetischen Gestalt Jesu – und werden als Menschen wahrgenommen – mit ihren Sorgen, Krankheiten, Besessenheit, Belastungen und Sünden. Jesus spricht lange, tief und befreiend mit der Samariterin am Brunnen (Joh 4). Er nimmt die Ehebrecherin vor dem hasserfüllten Mob in Schutz (Joh 7). Er lässt sich während eines traditionellen Männergelages von einer ihm unbekannten Sünderin zärtlich die Füße salben (Lk 7). Er ist persönlich befreundet mit zwei Frauen – Maria und Martha (Joh 10). Und dann ziehen Frauen auch noch mit in der Wandertruppe Jesus. Das muss für das bürgerliche Israel einfach nur shocking gewesen sein. Das macht man als Frau nicht.

Christ in the House of Martha and Mary, by Johannes Vermeer (1632–1675).

Und sie zahlten zurück ...

Und die Frauen zahlen es Jesus zurück – nicht nur in klingender Münze, obwohl man das nicht geringschätzen darf. Irgendwer muss am Ende des Tages bezahlen für Kost und Logis. Die Frauen waren auch sonst einfach die besseren Jünger: Furchtloser in der Gefahr. Treuer in ihrer Liebe. Instinktsicherer im Glauben. Ihre Leitgestalt: Maria, die „Gottesgebärerin“, und gleich danach: Maria Magdalena. Sie musste den Männern erst Beine machen. Dann verstanden auch sie, dass Jesus kein Schwätzer und das Reich Gottes kein Flop war. Ihr Herr, den sie verlassen hatte, war auferstanden. Dem letzten begriffsstutzigen Mann – einem Apostel namens Thomas – musste Jesus die Hand in die Wundmale führen, damit auch bei ihm der Groschen fiel.

Und auch in der frühen Kirche spielen Frauen eine tragende Rolle: Da ist Phöbe (Röm 16,1), die bei Paulus höchstes Ansehen genießt. Da ist eine weitere Maria, die Mutter des Markus (Apg 12,12), die erste Adresse für den aus dem Gefängnis entkommenen Petrus.  Und da ist Prisca, die mit ihrem Mann („meine Mitarbeiter in Christus Jesus“), die „für mein Leben ihren eigenen Kopf hingehalten haben.“ (Röm 16, 3-4) Das uralte Römische Hochgebet kennt den Blutzoll von „Felicitas, Perpetua, Agatha, Luzia, Agnes, Cäcilia, Anastasia.“ Hinter jeder Frau und Märtyrerin steckt eine große Geschichte: Hinter der Sklavin Felicitas, hinter Perpetua, von der wir ein Tagebuch besitzen, hinter der stolzen Agatha, die vom römischen Statthalter Quintinianus in ein Bordell verfrachte wurde, hinter der kleinen Agnes, die mit zwölf für Christus starb. Man kann Paulus verstehen, wenn er durch den Neuanfang mit Christus alle sozialen, ethnischen und geschlechtlichen Unterschiede eingeebnet sieht: „Alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3, 26-28)

Aber Priester dürfen sie nicht werden, die Frauen!

Vielen Frauen erscheint es als ein theologischer Treppenwitz, dass Frauen in der Katholischen Kirche alles dürfen – Kinder hüten, Kirchen putzen, Messgewänder schneidern – nur Priester werden dürfen sie nicht. Der hl. Papst Johannes Paul II. hat seine ganze Autorität in die Waagschale geworfen und noch einmal die traditionelle Haltung der Orthodoxen und der Katholischen Kirche bekräftigt: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“

Viele haben über diese scharfe Formulierung eines Papstes gestaunt, den man mit guten Gründen für einen Freund der Frauen halten, kann – es gibt ungezählte Zeugnisse seiner Wertschätzung und Sensibilität. Und nun ausgerechnet er – ein letzter, frauenverachtender Patriarch und Rammbock der Männerherrschaft? Gäbe es keine tieferen theologischen Gründe für die Zuweisung des Priesteramtes an Männer – man müsste eine kleine Revolution anzetteln und so lange Unruhe in der Kirche schüren, bis dieser Schandfleck aus der Lehre getilgt ist. Und tatsächlich tun das ja radikal-feministische Theologinnen und Theologen, die dem Vatikan eine Art Geschlechterkrieg erklärt haben. Sie meinen die Frage auf einer soziologischen Ebene klären zu können – als Machtfrage, und als ginge es um die paritätische Besetzung von Dax-Vorständen oder um eine Art Quotenregelung am Altar. In Wahrheit wäre das ein sozialistischer Ansatz. Gerechtigkeit bedeutet nicht „Für alle das Gleiche“, sondern „Jedem das Seine“. In den Zitaten zum YOUCAT findet sich eine bemerkenswerte Äußerung der hl. Mutter Teresa: „Niemand hätte ein besserer Priester sein können, als sie [Maria] es gewesen ist. Sie konnte ohne Zögern sagen: ‚Das ist mein Leib‘, weil sie Jesus ja wirklich ihren eigenen Leib geschenkt hat. Und dennoch blieb Maria die schlichte Magd des Herrn, sodass wir uns immer an sie als unsere Mutter wenden können. Sie ist eine von uns und wir sind immer mit ihr vereint. Nach dem Tod ihres Sohnes hat sie auf der Erde weitergelebt, um die Apostel in ihrem Dienst zu stärken, ihnen Mutter zu sein, bis die junge Kirche Gestalt angenommen hatte.“

Die Braut und der Bräutigam

So fremd die theologischen Argumente den Menschen des 21. Jahrhunderts vorkommen mögen – es gibt sie aber, die theologischen Gründe, und sie sind gewichtig, denn sie reichen bis in die Tiefen der Offenbarung hinab. Von Adam und Eva an spielt die Polarität der Geschlechter in der Offenbarung eine Rolle. Christus ist der „neue Adam“ (Röm 5, 12-21), Maria die „neue Eva“, denn „sie spricht ihr Ja mit Leib und Seele und stellt sich ganz für den göttlichen Plan zur Verfügung. Sie ist die neue Eva, die wahre ‚Mutter aller Lebendigen‘, das heißt derer, die durch den Glauben an Christus das ewige Leben empfangen.“ (Papst Benedikt XVI.) Die Kirche ist die „Braut Christi“ (Eph 5, Offb 19), auch in ihrem Gestus des Empfangens. Christus selbst ist „der Bräutigam“ (Mk 2,20 und an vielen anderen Stellen). Die spezifische Berufung des Priesters ist es, Christus als das Haupt des Leibes (Eph 4,15) und eben als den Bräutigam (Mk 2,19) zu symbolisieren und zu repräsentieren – besonders in der Eucharistie. Und nur aus dieser Perspektive heraus ist auch verständlich, warum es die theologische Zuweisung dieses Dienstes an Männer gibt. Nur im Horizont von Gender ist eine Frau ein denkbarer Bräutigam für die Braut Kirche.

In YOUCAT 257 heißt es: „Im männlichen Priester sollte die Gemeinde Jesus Christus repräsentiert finden. Das Priestersein ist ein besonderer Dienst, der den Mann auch in seiner männlich-väterlichen Geschlechterrolle in Anspruch nimmt. Es ist jedoch keine Form männlicher Überordnung über Frauen. Frauen spielen in der Kirche, wie wir an Maria sehen, eine Rolle, die nicht weniger zentral ist als die männliche, aber es ist eine weibliche Rolle. Eva wurde die Mutter aller Lebendigen (Gen 3,20). Als ‚Mütter aller Lebendigen‘ haben Frauen besondere Gaben und Fähigkeiten. Ohne ihre Weise der Lehre, Verkündigung, Caritas, Spiritualität und Seelsorge wäre die Kirche ‚halbseitig gelähmt‘.“

Zugleich ist wahr: Es gibt in der Kirche Klerikalismus und er ist „eine wahre Perversion der Kirche“ (Papst Franziskus). Leider finden sich immer noch Kleriker, die nicht verstanden haben, dass der Priester einer ist, der den Menschen nach dem Beispiel Jesu die Füße wäscht. „Priester“ geht nur als demütiger Dienst. Es gibt kein Zwei-Klassen-System in der Kirche. Die Weihe ist kein Einstieg in die Premiumklasse, und schon gar kein Joystick für Willkürherrschaft. Deshalb heißt es in YOUCAT 257 auch: „Wo immer Männer in der Kirche den priesterlichen Dienst als Machtinstrument benutzen oder Frauen mit den ihnen eigenen Charismen nicht zum Zug kommen lassen, verstoßen sie gegen die Liebe und den heiligen Geist Jesu.“ Die Frauen haben in der Kirche ihre Zukunft noch vor sich – nicht in der Rolle „Priester“, aber sonst überall. ∎