Thu, June 3, 2021Lesezeit 5 minminicatNina S. Heereman, SSD

Fronleichnam - Corpus Christi

Wir feiern also das Fest des Leibes Christi, das seit dem II. Vatikanischen Konzil noch genauer mit dem Titel „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ bezeichnet wird – denn wir feiern ja nicht nur das Geschenk seines Leibes sondern auch das seines Blutes.

Heute feiert die Kirche das Hochfest des Leibes und Blutes Christi, auch Fronleichnam genannt.

Was heißt Fronleichnam? Es leitet sich von mittelhochdeutsch vrône lîcham ab. „Vrō“ hieß früher „Herr“. Vrône lîcham heißt in heutiges Deutsch übersetzt: „Leib des Herrn“. Auf anderen Sprachen heißt das Fest deshalb Corpus Christi - Leib Christi. Wir feiern also das Fest des Leibes Christi, das seit dem II. Vatikanischen Konzil noch genauer mit dem Titel „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ bezeichnet wird – denn wir feiern ja nicht nur das Geschenk seines Leibes sondern auch das seines Blutes.

Woher kommt das Fest? Im 13. Jahrhundert lebte in Belgien die Hl. Juliana von Lüttich (1193-1258). Sie hatte als 16-Jährige während der Heiligen Messe eine Vision. Sie sah einen hell strahlenden Vollmond, durch den ein dunkler Streifen ging. Später in der Anbetung fragte sie den Herrn nach der Bedeutung dieses dunklen Streifens auf dem Mond. Jesus antwortete ihr, dass der leuchtende Mond den Festkreis des liturgischen Kirchenjahres darstelle. Die Kirche feiert im Laufe des Kirchenjahres alle Geheimnisse des Lebens Christi - an jedem Fest greift sie ein Geheimnis aus dem Leben Jesu und seines Heilswerkes heraus und betrachtet es vertieft. In der vergangenen Woche war es der Dreifaltigkeitssonntag, an anderen Tagen ist es z.B. die Geburt Christi an Weihnachten oder sein Sterben und Auferstehen an Ostern, seine Himmelfahrt etc.

Der dunkle Streifen, so erklärte Jesus weiter, bedeute, dass im Kirchenjahr ein Fest fehle. Dazu muss man wissen, dass der Mond schon seit der Zeit der Kirchenväter ein Bild für die Kirche ist. Der Mond hat aus sich selbst heraus kein Licht, aber er spiegelt in der Nacht der Welt das Licht der Sonne wieder und erhellt auf diese Weise die Dunkelheit. So hat auch die Kirche aus sich heraus kein Licht, weil sie ja aus Menschen besteht, also aus Geschöpfen, die aus sich heraus kein göttliches Licht in sich tragen. Durch die Taufe aber, hat Gott in uns Wohnung genommen und so tragen wir in den zerbrechlichen Gefäßen unseres Leibes das göttliche Licht in uns. Aufgabe der Getauften, als Kirche, ist es nun das Licht Gottes in dieser Welt widerzuspiegeln. Die Kirche spiegelt das Licht Christi unter anderem dadurch wider, dass sie die Geheimnisse des Lebens Jesu im Kirchenjahr feiert. Jesus sagte also zu Juliana: „Es fehlt ein wichtiges Fest, nämlich eines, an dem der Einsetzung der Eucharistie gedacht wird; der Tatsache, dass ich in Leib und Blut unter euch gegenwärtig bleibe.“ Juliana teilte daraufhin die Vision ihrem Beichtvater mit und dieser dem Bischof von Lüttich, welcher den Visionen der Heiligen Glauben schenkte. So kam es, dass das Fest schon bald darauf lokal gefeiert werden durfte. Der spätere Papst Urban IV, der zur Zeit der Visionen ein Erzdiakon der Diözese Lüttich gewesen war, setzt schließlich durch, was Jesus der Heiligen Juliana schon mitgeteilt hatte, dass nämlich Fronleichnam ein Fest für die ganze Welt werden sollte.

Der Papst residierte damals nicht in Rom, sondern in Orvieto. Dort war kurz zuvor ein eucharistisches Wunder geschehen. Ein Prälat war aus Böhmen nach Rom gepilgert und hatte im naheliegenden Bolsena die Eucharistie gefeiert. Während der Wandlung überkamen ihn plötzlich Zweifel, ob er wirklich den Leib und das Blut Christi in den Händen hielte. Da traten beim Brechen des Brotes zu seinem großen Schrecken Blutstropfen aus der Hostie hervor und fielen auf das Korporale (das weiße Tuch, das unter der Eucharistie liegt). Damit war sein Zweifel überwunden, und das Wunder, dessen Spuren auf dem Korporale bleibend sichtbar waren, sprach sich schnell bis nach Rom herum. So kam es, dass der Papst im Jahre 1264 in Orvieto damit begann das Fronleichnamsfest zu feiern, und den Heiligen Thomas von Aquin damit beauftragte, die liturgischen Texte für das Fest zu komponieren. Diese Texte gebrauchen wir bis heute in der Liturgie, zum Beispiel das wunderschöne Lied „Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir“. Bis heute ist es so, dass wir an Fronleichnam des Vermächtnis Jesu gedenken, des Geschenkes seines Leibes und Blutes, das wir eigentlich schon am Gründonnerstag gefeiert haben. Am Gründonnerstag feiern wir aber mehrere Glaubensgeheimnisse zugleich: die Einsetzung des Priestertums und die Einsetzung der Eucharistie, das heißt, den Vollzug des gesamten Heilsgeheimnisses in diesem einen Sakrament. An Fronleichnam nun greifen wir einen zentralen Aspekt der Eucharistie heraus und danken Gott ganz besonders dafür, nämlich für die Tatsache, dass Jesus in der Eucharistie sich selbst uns zur Speise gibt und alle Tage bis ans Ende dieser Welt bei uns bleiben wird.

Wie aber bleibt er bei uns? Vornehmlich in der Eucharistie, unter den Gestalten von Brot und Wein, die durch die Wandlung wahrhaft zu Leib und Blut Christi werden. Aus diesem Grund beten wir auch außerhalb der Eucharistiefeier seit bald 800 Jahren den Leib Jesu im Allerheiligsten Sakrament des Altares an, in dem er mit Gottheit und Menschheit ganz gegenwärtig ist. Und dies ist auch der Grund, warum wir Jesus an diesem Tag öffentlich unsere Anbetung und Liebe schenken, wenn wir ihn in der Monstranz durch die Straßen unserer Städte und Dörfer tragen. Wir wollen ihm vor den Menschen unsere Dankbarkeit kundtun und unseren Glauben an Seine Gegenwart bezeugen. Wo möglich, ist es also sehr zu empfehlen, an einer Fronleichnamsprozession teilzunehmen. Denn zu wem sonst sollte man sich öffentlich bekennen, wenn nicht zu Jesus, der allein uns ewiges Leben schenken kann?

Zu den Texten der Lesungen. In diesem Jahr, dem Lesejahr B, steht nicht, wie man an Fronleichnam erwarten würde, der Leib Christi im Mittelpunkt, sondern sein Blut. Dieses ist über die Jahrhunderte sehr verehrt worden, aber in unserer Zeit haben wir diese Andachtsform, die eigentlich sehr schön und wichtig ist, leider teilweise verloren.

In der ersten Lesung, aus Exodus 24, 3-8, sehen wir, wie Moses den ersten Bund mit Israel schließt. Moses schlachtet Tiere, nimmt deren Blut, gießt es in einen Behälter und sprengt die Hälfte des Blutes auf den Altar, der symbolisch für Gott steht. Anschließend liest er dem Volk Israel die Zehn Gebote vor, die gewissermaßen die Vertragsgrundlage dieses Bundes sind, und fragt, ob das Volk diesen Bund zu diesen Konditionen mit Gott eingehen will. Das Volk antwortet darauf: „Amen, ja amen, das wollen wir.“ Als Zeichen dieses Bundesschlusses nimmt Mose sodann die andere Hälfte des Blutes und besprengt damit das Volk. Was geschieht durch diese Besprengung von Volk und Altar mit dem Blut der Tiere?

Dies war ein altorientalischer Ritus, der zwei Bedeutungsebenen hatte.[1] Zum einen zeigte er an, dass beide Vertragspartner bereit waren füreinander zu sterben und dadurch quasi eine Blutsverwandtschaft eingingen. Das ist zwar im Alten Bund nur symbolisch angedeutet, weil Gott, der reiner Geist ist, kein Blut hat und das Volk nur mit dem Blut von Tieren besprengt wird, aber, da das Blut einer gemeinsamen Quelle entsprang, brachte es dennoch zum Ausdruck, dass beide Parteien füreinander sterben und auferstehen und von nun an „Blutsverwandte“ sind, also zu einer gemeinsamen Familie gehören. Zudem soll es bedeuten, dass wenn einer von beiden diesen Bund bricht, ihm so geschehen sollte wie diesen Tieren, nämlich, dass er als Strafe für den Vertragsbruch, sein Leben würde lassen müssen, d.h. sein Blut vergießen.

Bekanntlich brach das Volk Gottes im Alten Testament unzählige Male diesen Bund. Man hätte also eigentlich erwartet, dass Israel hätte sterben müssen. Das tat es jedoch nur symbolisch, indem es nämlich ins Exil gehen musste. Israel hatte sich quasi selbst unter einen Fluch gestellt, indem es zugestimmt hatte, alle Gebote zu halten und zu sterben, in dem Fall, dass es gegen sie verstoßen würde. Aber genau das hat Gott im letzten nicht zugelassen, denn das Volk hat das Exil ja überlebt und ist ins Land zurückgekehrt. Anstatt sein Volk dem ewigen Tod anheimzugeben, ist er selber Mensch geworden, ein Israelit wie sie, und hat an ihrer, ja tatsächlich an unser aller Stelle, sein eigenes Blut vergossen zur Sühne für unsere Sünden.

Diese Glaubenswahrheit hören wir dann in der Lesung aus dem Hebräerbrief noch einmal in anderen Bildern beschrieben (vgl. Hebr 9, 11-15). Da heißt es, dass wir in Jesus einen neuen Hohepriester haben, der nicht wie der Priester des Alten Bundes nur bildlich den Altar mit dem Blut von Böcken und Stieren besprengt. Dies ist eine Anspielung auf den jährlichen Ritus der Sündenvergebung im Alten Testament, bei dem einmal im Jahr an Jom Kippurfest der Priester ins Innerste des Tempels ging und mit dem Blut von Stieren und Böcken den Altar besprengte, um das Volk zu entsühnen.

Das geschah wie gesagt nur bildlich. Der Hebräerbrief sagt hingegen, dass Jesus nicht nur in einen von Menschenhand erbauten Tempel hineingegangen ist und nicht mit dem Blut von Böcken und Stieren, das ja niemals wirklich Sünden wegnehmen kann. Stattdessen ist er mit seinem eigenen Blut in einen ganz anderen Tempel hineingegangen, nämlich in das Innerste der Dreifaltigkeit. Und mit diesem seinem Blut hat er uns von unseren Sünden entsühnt.

Im Evangelium hören wir sodann Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie zu den Jüngern sagen: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Markus 14,24). Mit diesen Worten bringt Jesus genau die beiden zuvor genannten Aspekte des Bundesschlusses im Blut zum Ausdruck, Stiftung von Blutsverwandtschaft und Vergebung von Sünden. Die Menschheit Jesu ist der Altar des neuen Bundes, auf dem Gottheit und Menschheit zugleich mit dem Blut des Menschensohnes besprengt werden und somit zu „Blutsverwandten“ werden. In Jesus sterben Gott und Mensch füreinander und stehen miteinander auf. Zugleich ist es das Blut, das Jesus als Sühne für unsere Sünden vergießt, sodass wir in jeder Eucharistiefeier, da sich der Bundesschluß erneuert, von unseren Sünden reingewaschen werden.

Dieser neue Bund kann nicht mehr wie der Alte durch die Sünden des Volkes zunichte gemacht werden. Nein, der Neue Bund ist ein ewiger Bund, den die Sünde des Menschen nicht zerstören kann, da er im Blut Christi geschlossen wird, der für alle Zeit die Sünden der Menschen gesühnt hat, und der in jeder Eucharistiefeier neu gegenwärtig wird. In jeder Eucharistiefeier werden das Leiden und Sterben Christi, sein Leib und sein Blut vergegenwärtigt, das Jesus nur einmal am Kreuz vergossen hat. Aber durch das Geheimnis der Liturgie ist dieses Sterben und damit sein Blut aktuell gegenwärtig, wenn das Heilige Messopfer dargebracht wird.

Immer wenn der Priester den Kelch erhebt, können wir daher beten:

In diesem Blut möchte ich meinen Taufbund neu mit dir besiegeln. Wasche mich durch dein kostbares Blut, wasche mein Gewissen von seinen toten Werken, reinige mich von meinen Sünden, Herr, und beschütze mich durch dein kostbares Blut vor dem Todesengel (vgl. Ex 12, 23.27).

Immer wenn wir die Eucharistie empfangen, empfangen wir gleichzeitig das Blut Christi (die Kirche lehrt, dass der Leib und das Blut Christi beide unter jeder der beiden Gestalten von Brot und Wein voll gegenwärtig sind, also trinken wir sein Blut, auch wenn wir nur das Brot empfangen) und werden wir ganz real zu Blutsbrüdern mit Christus und durch ihn zu Kindern des Vaters, weil sein Blut in uns fließt. Sein Blut reinigt uns von allen Sünden und sein Blut macht uns zu Priestern, Propheten und Königen vor unserem Herrn, dem wir uns angstlos nahen können, weil wir durch sein Blut von allen toten Werken der Sünde gereinigt sind. ∎


[1] William H.C. Propp, Exodus 19–40, (AYB, New Haven: Yale University Press, 1974), 308.