Mi., 1. Juni 2022Lesezeit 10 minFather Hans Buob

Pfingstsonntag

Biblische Predigten zu den Sonntagsevangelien im Lesejahr C

Bibelstellen


Johannes 20,19-24

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (vgl. Vers 19)

In diesem kurzen Evangelium steckt eine unwahrscheinliche Tiefe, gewissermaßen das Geheimnis von Pfingsten. Die genaue Zeitangabe „Am Abend des ersten Tages“ ist eigentlich ungewöhnlich und will hier das Geschehen vom Abend des ersten Tages gleichsam mit dem Geschehen vom Morgen verbinden, nämlich mit der Auferstehung. Das Geschehen des Morgens findet jetzt seinen Höhepunkt.

Trotz verschlossener Türen tritt Jesus in ihre Mitte. Dieses Erscheinen Jesu befreit die elf Jünger – Judas ist ja bereits geflohen und hat sich umgebracht – von ihrer Furcht und Trauer. Denn „aus Furcht vor den Juden“ hatten sie ja die Türen verschlossen. Der Friedensgruß Jesu aber und die Gewissheit, dass er es wirklich ist, lassen diese Furcht der Freude weichen. So ist der Friedensgruß zum österlichen Gruß geworden. Es ist das Erste, was der Auferstandene ihnen zuspricht. Hier sind Freude und Friede wirklich die Kennzeichen der Erlösung und des Reiches Gottes. Darum ist es wichtig, dass wir diesen Gruß des Friedens sehr ernst nehmen. Das kann sich auch im alltäglichen Leben äußern, indem wir z.B. die Menschen einfach grüßen. Wir sagen heute allerdings nicht mehr: „Friede sei mit dir“, sondern: „Guten Tag!“, „Grüß Gott!“, „Behüt‘ dich Gott!“ usw. … Das alles sind Friedenswünsche, die aus dieser Beziehung zum auferstandenen Herrn kommen oder wenigstens kommen sollten. Und es handelt sich nicht bloß um einen frommen Wunsch, sondern wir empfangen diesen Frieden ja vom Altar her – „Friede sei mit euch!“ – und sollen ihn weitergeben als Form der Erstevangelisation.

Das Erste, was Jesus nach seiner Auferstehung sagt, ist also dieser österliche Friedensgruß. Das muss uns zu denken geben. Es ist dieser österliche Gruß, der aus der Kraft des Auferstandenen in die Welt strömen kann: Friede, ein großes Gut. Deshalb sprechen wir vom Himmel als „Ewigen Frieden“. Das ist ein Ausdruck für Vollendung und Erfüllung. Dieses Leben in Fülle kommt aus der Auferstehung. Es ist uns vom Auferstandenen gegeben worden und wir sollen es – auf unsere Weise – weitergeben, indem wir den Menschen durch unseren Gruß etwas Gutes zusprechen. Das ist etwas anderes als dieses unpersönliche „Hallo“, das ich zu jemandem sage, den ich nicht kenne. Wenn ich aber jemanden kenne, dann sollte ich ihn auch persönlich grüßen. Sonst geht etwas verloren. Wir müssen uns aber fragen, woher das kommt, dass wir unseren segensreichen christlichen Gruß zugunsten dieses unpersönlichen „Hallo“ gleichsam abserviert haben.

„Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.“ (vgl. Vers 20)

Indem Jesus den Jüngern seine Wundmale an Händen und Seite zeigt, „beweist“ er ihnen, dass er derselbe ist wie vor seinem Leiden. Er überzeugt sie, dass er kein anderer ist.

Das Wort: „dass sie den Herrn sahen“ ist dann eigentlich das Einlösen des Versprechens, das Jesus ihnen vor seinem Leiden gegeben hat: „Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen.“ (Joh 16,22) Diese Verheißung Jesu geht genau hier jetzt in Erfüllung.

„Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (vgl. Vers 21)

Jesus richtet den Friedensgruß ein zweites Mal an die Jünger. Er will damit ausdrücken, dass der Friede im Reich Gottes mehr ist als ein bloßer Gruß oder Segenswunsch. Er wird Mitteilung. Dieser Friede ist ein inneres Geschenk, das sich nach außen auf die Umgebung auswirken soll. Die Menschen sollen wahrnehmen, dass diejenigen, die in Christus verankert sind, selbst dort in einem inneren Frieden leben, wo alles um sie herum gleichsam im Unfrieden oder im Durcheinander und in der Verwirrung lebt.

Mit diesem Gruß leitet Jesus nun die Sendung der Jünger ein. Die Gegenwartsform – Jesus sagt: ich sende euch, nicht: ich sandte euch oder: ich werde euch senden – zeigt, dass jetzt die Stunde der Sendung gekommen ist, und zwar auf Dauer. Die Jünger übernehmen die Sendung, die Jesus vom Vater hatte und so wie im Abendmahlsaal, als er ihnen nach dem Abendmahl sagte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“, (Lk 22,19) sind auch jetzt nur die elf Jünger da, sonst niemand. Jetzt, durch seinen Tod und seine Auferstehung, hat sich erfüllt, was er damals gesagt hat. „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ (Lk 22,19) Jetzt ist gleichsam das Abendmahl zur Eucharistie geworden. Jetzt ist es nicht nur Mahl, jetzt empfangen sie nicht nur Leib und Blut Christi, sondern jetzt ist das Opfer Christi, sein Hingegeben-Sein reale Gegenwart. Darum ist Eucharistie Opfer und Mahl. Ohne Opfer gibt es kein Mahl. Deshalb gehört das Priestertum zum Opfer. Es gibt kein Opfer ohne Priestertum und ein Priestertum ohne Opfer ist sinnlos.

Jesus gibt den Aposteln die Sendung, die er selber hatte. Das ist eigentlich unglaublich: „Wie mich der Vater gesandt hat“, genau so „sende ich euch.“, und zwar in der Gegenwart, d.h. es gilt auch für alle Nachfolger der Apostel, denen sie dann, wie Paulus es beschreibt, durch Handauflegung dieselbe Sendung weitergegeben haben. Da wird das Sakramentale des Auftrages Jesu deutlich: Er kommt zu ihnen. Er spricht sie an. Das ist äußeres Wort, das bewirkt, was es sagt. Er überträgt ihnen seine Sendung, die Erlösung nun in die Welt weiterzutragen. So wie er als der Erlöser vom Vater gesandt war, so sollen sie diese Erlösung den Menschen weitervermitteln. Das geschieht v.a. in den Sakramenten. Sie sind die eigentlichen Quellen des Heils.

Wir müssen uns einmal bewusst machen, was das für ein Auftrag ist und was das für uns Menschen bedeutet: Die Nachfolger der Apostel sind der Papst und die Bischöfe. Die Priester sind ihre Helfer, die ebenfalls an dieser Sendung teilhaben. Wenn sich nur jeder Bischof immer dieser Sendung und dieses Auftrages bewusst wäre! Dieselbe Sendung, die der Vater Jesus gegeben hat, haben die Jünger und damit auch wir heute als ihre Nachfolger. Das Ziel dieser Sendung ist, sein Leben hinzugeben, damit die Menschen das Leben haben, und in dieser inneren Grundhaltung für den Leib zu leben. Das Haupt lebt für den Leib. Das ist genau diese Stunde der Sendung. Die Jünger übernehmen die Sendung, die Jesus vom Vater hatte. Jesus geht es wirklich um die Weitergabe von Vollmacht und Auftrag. Er gibt ihnen seine Vollmacht und seinen Auftrag weiter, genau so, wie der Vater ihn gesandt hat.

Im Evangelium des letzten Sonntags haben wir von der Einheit gehört, in der wir einander anerkennen sollen. Es geht nämlich nicht um Herrschen, sondern darum, dass wir mit unserem Auftrag einander dienen. Durch das Sakrament der Priesterweihe ist der Priester der Nachfolger der Apostel. Darum ist dieses Sakrament eine wirkliche, objektive Mitteilung von Vollmacht. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir mit dieser Sendung dem ganzen Volk Gottes dienen, denn dafür ist sie uns gegeben. Auch dort, wo wir leiten und führen müssen, damit die Schafe sich nicht verirren, wie es Jesus zu Petrus sagt, soll es ein Dienst sein und kein Herrschen. Wenn wir so die Gaben des ganzen Volkes Gottes, des ganzen Leibes und jedes Einzelnen gegenseitig anerkennen, dann ist die Einheit, von der Jesus spricht, gekommen. Diese Einheit ist Voraussetzung dafür, dass die Welt ihn erkennt. Wenn wir aber den Konkurrenzkampf und dieses dauernde Einander-Ausspielen fortsetzen – Laien gegen Priester, Priester gegen Laien usw. –, wenn wir einander nicht wirklich in der ganzen Gabe, die Gott jedem gegeben hat, anerkennen, dann haben wir die Einheit nicht und sind nicht in Christus verankert – unser Wort wird dann keinen Glauben hervorbringen. Das ist das Problem der heutigen Kirche. Wir müssen also zurückkehren zu dieser Einheit, von der wir am letzten Sonntag im Evangelium gehört haben.

Jesus gibt den Jüngern also seine Vollmacht und seinen Auftrag weiter. Sie sollen den Herrn in der Welt gegenwärtig machen, wie Jesus den Vater in der Welt gegenwärtig gemacht hat, und sein Heilswirken fortsetzen. Das ist ein großartiger Auftrag. Und noch einmal: Er geht nur an die elf Jünger. Nur sie waren im Abendmahlsaal anwesend. Man sollte diese Tatsache auch nicht nivellieren: Die Abschaffung des Priestertums (und damit der Sendung durch Jesus) durch die Reformatoren ist eine Katastrophe gewesen, denn die Quellen sind damit ausgelöscht oder zugestopft worden. Wer gibt diese Erlösung weiter, wenn kein Priester mehr da ist, keiner, der an dieser wirklichen Sendung Jesu Christi teilhat? Wir können uns diese Erlösung nicht selber geben! Aber Jesus hat eben nicht allen Auftrag und Vollmacht gegeben – etwa im Pfingstsaal, wo auch alle anderen Jünger anwesend waren –, sondern nur den elf. Nur ihnen hat er sowohl die Eucharistie beim letzten Abendmahl als auch, wie wir jetzt hören, die Sendung und vor allem die Vergebung der Sünden im Bußsakrament gegeben. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Und wir sollten diesen Auftrag, die Heilsquellen zu öffnen, anerkennen und in Anspruch nehmen, damit all die anderen Glieder des Leibes Christi wirklich die Kraft haben, Zeugnis zu geben für Christus und ihre Aufgabe im Leib Christi zu erfüllen.

„Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (vgl. Vers 22-23)

Nach der Sendung folgt nun die Geistmitteilung. Jesus gibt den Aposteln nicht einfach nur seinen Auftrag, sondern er gibt ihnen die ganze Kraft des Geistes, die auch er im Jordan empfangen hat. Wörtlich heißt es: „Er blies ein und sprach: Empfangt den Hl. Geist!“ Einblasen aber bedeutet schon im Alten Testament „übertragen von Leben“. Am Anfang der Schöpfung blies Gott dem Menschen den Lebensodem ein. Hier steht jetzt genau dasselbe Wort. Die Übertragung des Geistes Gottes beinhaltet hier die Teilnahme am Leben des auferstandenen Herrn, der ja den Hl. Geist besitzt und ihn nun seinen Jüngern überträgt.

Jesus macht an dieser Stelle die Sündenvergebung ganz deutlich abhängig von den Aposteln, die dazu gesandt sind. Wenn es nicht die Absicht Jesu gewesen wäre, dass diese Sendung der Apostel weitergegeben wird, so, wie es die Apostel später dann ja auch getan haben, dann würden wir wieder in unseren Sünden leben und niemand könnte uns von der Sünde freisprechen. Denn das kann kein Mensch, denn das Sakrament und der Auftrag, Sünden zu vergeben, sind Handeln Gottes. Das ist diese Sendung, dieses Sakrament, die Jesus den Aposteln gegeben hat. Fast alle Religionen sind auch entstanden aus dieser Erkenntnis der Sünde heraus und aus der Sehnsucht, von der Sünde befreit zu werden. Darum finden wir in den verschiedenen Religionen so viele Formen der Selbsterlösung, die leider häufig selbst von Christen, die ja eigentlich wissen, woher allein ihre Erlösung kommt, praktiziert werden. Aber noch einmal: Wir können uns nicht selbst erlösen.

Die Frucht der Erlösung Jesu Christi aber ist diese Vergebung der Sünden. Das ist der erste Auftrag Jesu am Osterabend an die Jünger: die Sünden zu vergeben. Und er macht diese Sündenvergebung abhängig von den Aposteln, von den Gesandten. „Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ – das sind schon sehr ernste Worte, die wir nicht einfach so abtun können.

Dieses Wort vom Nachlassen der Sünden und vom Zurückhalten ist wirklich ein Vollmachtwort des auferstandenen Herrn, das niemand leugnen kann. Wir sollten im Gegenteil eigentlich gerade für dieses Sakrament der Barmherzigkeit sehr dankbar sein. Wie viele leidende Menschen bräuchten nur dieses Sakrament, um heil zu werden. Es gibt Psychologen und Psychiater, die sehr deutlich sagen, dass sie nur noch halb so viel zu tun hätten, wenn die Menschen beichten gehen würden, weil viel Not, seelische wie körperliche, aus der Sünde kommt. Der Mensch ist als religiöses Wesen an Gott zurückgebunden und das kann er nicht leugnen. Seine Natur verleugnet das jedenfalls nicht. Sie reagiert. Jede Sünde rächt sich am Leib des Menschen und darum sucht er überall verzweifelt nach Erlösung. Würden sie wirklich ihre Schuld vor Gott eingestehen und die Erlösung Jesu in diesem Bußsakrament annehmen, würden sie sich selbst und den andern in diesem Sakrament vergeben, so könnte mancher von ihnen seelisch und körperlich gesund werden. Das ist eine ganz große Wirklichkeit. Dass die Inanspruchnahme des Bußsakraments immer weiter zurückgeht, ist für mich letztlich auch ein Zeichen der Bosheit der Hölle, die die Menschen vom Quell des Lebens, von der Vergebung, derer wir täglich bedürfen, abzuschneiden sucht. Dann kommen wir leichter zu Fall.

Bitten wir darum jeden Tag um den Hl. Geist, dass er uns Tieferes erkennen lässt und uns zu einer echten Umkehr führt, gerade auch im Blick auf die Möglichkeit der Vergebung der Sünden, die Jesus uns hier in einer so großzügigen Weise schenkt. ∎