Di., 26. Mai 2020Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Warum gibt es Leid in der Welt?

Unerklärliches Leid lässt viele Menschen mit Gott hadern. Was sagt die Katholische Kirche dazu? Eine Übersicht wichtiger Stellen aus der Bibel und dem Katechismus.

© Photo by Aliyah Jamous on Unsplash.

Was ist das?


Leid/Theodizee

Nicht erst seit dem Holocaust, der industriellen Vernichtung des jüdischen Volkes in der Nazizeit, stellt sich die Frage: „Warum lässt Gott das Leid zu?“ Diese Frage ist auch als Theodizee-Frage bekannt. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen (von theós = Gott und díkē = Gerechtigkeit‘) und bezeichnet den Punkt, an dem Gottes Allmacht und Gottes Güte scheinbar unversöhnlich aufeinanderprallen. Dem Philosophen Epikur (341-270 v.Chr.) schreibt man seine klassische Formulierung zu: „Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott.“

Was sagt die Heilige Schrift?


Die Heilige Schrift verbindet die Theodizee-Frage hauptsächlich mit der Gestalt des IJob. Erst mit dem Buch Ijob löst sich im Alten Testament die Überzeugung auf, Krankheit und Leid sei eine Strafe für den Abfall von Gott; der Gerechte würde gesegnet sein mit Glück und Reichtum. Richtig daran ist, dass ein Leben nach Gottes Geboten gutes, oft glückliches Leben ist. Falsch ist, wenn man hereinbrechendes Unglück automatisch als Strafe Gottes interpretiert. Über den biblischen Ijob („Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse“, Ijob 1,1) bricht alles nur denkbare Leid, das ein Mensch erleben kann, herein. Seine Frau fordert ihn sogar auf, diesen Gott, der so etwas zulässt, zu verfluchen. Doch Ijob lässt sich weder von seiner Frau, noch von den falschen Tröstungen und Erklärungsversuchen seiner Freunde von seinem Glauben abbringen: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10) Die Leidfrage wird bei Ijob nicht theoretisch, sondern biographisch und geschichtlich aufgelöst, indem ein Gott auf den Plan tritt, der mitten im Drama der menschlichen Existenz da ist als ein mitleidender Gott: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7). Das erkennt auch der Jakobusbrief, in dem es heißt: „Ihr habt von der Ausdauer des Ijob gehört und das Ende gesehen, das der Herr herbeigeführt hat. Denn der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid.“ (Jak 5,11). Mit Jesus kommt die Gewissheit: Wir müssen im Leid nicht aufgeben, weil Gott uns nicht aufgibt, denn „so sehr hat Gott die Welt geliebt, „dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,11) Gott am Kreuz ist das einzige Bild, das dem unschuldigen Leid der Schöpfung standhält. „Das Kreuz ist in der Tat der Ort, wo das Mitleid Gottes mit unserer Welt auf vollkommene Weise sichtbar wird.“ (Papst Benedikt XVI.)

Die kleine YOUCAT-Katechese


Warum gibt es Leid in der Welt?

Es gibt Leute, die behaupten, sie wüssten eine Antwort auf die Frage, warum es Leid auf dieser Erde gibt. Ich habe Ihnen nie geglaubt. In keinem Buch der Welt (und auch nicht in der Bibel) finde ich darauf eine Antwort. „Das Böse in der Welt“, heißt es in YOUCAT 51, „ist ein dunkles und schmerzliches Geheimnis“. Eines Tages werden uns die Augen aufgehen und vielleicht auch der Mund. Wir werden Gott selbst fragen können: „Warum hast du all das zugelassen? All die Tränen der Verlorenen, all die Leiden der unschuldigen Kinder? Du hättest es doch verhindern können?“ Angesichts des Leidens ist selbst Jesus für einen Moment unsicher geworden. Bevor er in das Räderwerk des Todes geriet, hat er Blut geschwitzt, hat in Todesangst Fragen in einen scheinbar antwortlosen Himmel geschickt. Sein Vater hat den Gang zum Kreuz nicht verhindert – und auch Jesus ging schließlich seinem schrecklichen Leiden, für das er kein „warum“, aber ein „wozu“ hatte, nicht aus dem Weg.

© Photo by Il ragazzo on Cathopic.

Keine Antwort, aber eine Lösung

Der Vater im Himmel hat uns keine Antwort, aber eine Lösung geschickt. Besser gesagt: einen Erlöser. In YOUCAT 101 heißt es: „Christus, unser Erlöser, wählte das Kreuz, um die Schuld der Welt zu tragen und das Leid der Welt zu leiden. So hat er die Welt durch seine vollkommene Liebe wieder zu Gott heimgeholt.“ Wie soll man das verstehen? Aus Liebe sterben? Und was hilft das, wenn mitten im großen Sterben noch einer stirbt?

Der christliche Glaube geht von zwei Annahmen aus. Die erste finden wir in YOUCAT 51; dort heißt es: „Eines wissen wir ... sicher: Gott ist hundertprozentig gut. Er kann niemals der Urheber von etwas Bösem sein.“ Gott wäre nicht mehr Gott, wenn er – was manche Esoteriker glauben – zugleich gut und böse wäre. Einen solchen Gott könnte man nur verachten. Wenn Gott aber nicht der Verursacher unseres Elends ist – wer dann?  

Auf Tätersuche

„Gott will nicht, dass Menschen leiden und sterben“, heißt es in YOUCAT 66. Das ist die zweite große Annahme. Das Blut und die Tränen der Menschheit haben so oft menschliche und natürliche Ursachen. Schuld sind nicht nur monströse Tyrannen, die ein ganzes Volk in die KZ-Öfen schicken oder 30 Millionen ukrainische Bauern verhungern lassen. Nein, auch wir Kleinen sind Leidverursacher und trugen und tragen tagtäglich zum Elend der Welt bei, manchmal auf bemerkenswerte Weise, wenn ein kleiner Geschäftsmann Juden nicht mehr bedient – manchmal fast „normal“, wenn wir im Büro jemand am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Wir sind so frei, uns selbst und unsere Mit- und Umwelt zu zerstören. Auf eine unsichtbare Weise hat die schwarze Brühe der Sünde alles was ist, überzogen und vergiftet. Selbst Naturkatastrophen – Tsunamis, Erdbeben, Pandemien – sind wie eine tiefgründige Resonanz auf das Böse in Gestalt der Ungeheuerlichkeiten, die Menschen einander antun, als wäre es nichts. Menschen fragen sich: Wie haben wir das nur angestellt, dass das Gute, Wahre und Schöne an der Schöpfung so besudelt und zerstört erscheint? Man kann sich auch vorstellen, dass der Schöpfer aller Dinge seine Schöpfung kaum noch wiedererkennt.

© Photo by Marcin Czerniawski on Unsplash.

Paradise reloaded

Die „ursprüngliche Idee Gottes für den Menschen“, heißt es in YOUCAT 66, „war das Paradies: Leben für immer und Frieden zwischen Gott, den Menschen und ihrer Umwelt, zwischen Mann und Frau.“ Warum haben wir das Paradies verloren? Nun, - Gott hat uns nicht als Marionetten erschaffen; er hat uns ein bisschen wie er selbst gemacht, hat uns das geschenkt, was nur Gott und den Menschen auszeichnet: eine nahezu grenzenlose Freiheit. Was für ein Risiko! In Freiheit kann man zum Mörder werden. Gedacht ist es anders: In „Freiheit sollen wir Gott wählen, ihn über alles lieben, das Gute tun und das Böse nach Kräften meiden.“ (YOUCAT 285) Ist die Welt ein gescheitertes Experiment Gottes? Wäre es nicht logisch, wenn Gott noch einmal eine große Flut schicken würde, in der die korrupte Menschheit mitsamt der gemarterten Erde für immer versinkt?

So ist Gott nicht. „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8). In YOUCAT 33 heißt es: „Der Glaube hält an diesem Wort fest, obwohl die Erfahrung von Leid und Bosheit in der Welt Menschen daran zweifeln lässt, ob Gott wirklich lieb ist.“ Gott tut etwas Unfassbares: Er vernichtet uns nicht. Er schaut auch nicht unbeteiligt zu, indem er sich fein heraushält aus dem Schlamassel. Er lässt die Tragödie der Menschheit an sein Herz heran – ein Herz voller Barmherzigkeit. Er schickt das Liebste, was er hat - seinen Sohn - zu uns in die Todeszone. Das soll uns sagen: Wo Menschen leiden, da leidet Gott. Wir sagen manchmal: Jemand leide wie ein Tier. Nein, hier leidet jemand wie Gott. Mehr noch: Gott leidet nicht wie eine Mensch, sondern als ein Mensch, damit wir wissen, wie der Ewige in seinem innersten Wesen ist. Er leidet wie zum Beweis der vollkommenen Liebe, einer Liebe ohne Grenzen, einer Liebe, in der man sein Leben gibt für den Anderen. Und er leidet, damit kein Mensch sagen kann: „ich kenne einen Ort, wo du, Gott nicht warst: in meinen Schmerzen!“

Gott belässt es nicht bei einer Demo-Aktion („Schaut mal, ich, der Unschuldige, leide auch unter Eurer Misere!“). In seinem universellen Mitleid baut der Schöpfer der Welt uns Menschen einen Rückweg ins Paradies, eine Brücke über die Abgründe des Todes. Christen glauben mit guten Gründen, dass Jesus Christus der einzige Weg, die einzige Brücke ins Leben ist. „Es ist uns Menschen“, heißt es in der Apostelgeschichte, „kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“ (Apg 4,12)

Jesus – die Brücke ins Leben

Jesus nimmt alles, was für Gott und Menschen nur noch zum Wegschauen ist, auf seine Kappe. Wir müssten büßen und büßen auch für unseren Unsinn. Er büßt noch ganz anders. Wir müssten zahlen, zahlen auch für unsere Versäumnisse. Er aber zahlt alle offenen Rechnungen. Wir müssten leiden, erleiden auch manches, was wir uns selbst zuzuschreiben haben. Er aber trägt das Sündenleid der ganzen Welt an Kreuz. Wir müssten zur Strafe sterben. Er stirbt für uns, - stirbt für unseren Rückweg ins Paradies den schrecklichsten Tod, den die Antike sich für Verbrecher ausdachte: den Foltertod am Kreuz.

Und dann geschieht das Wunder: Er, der alles Elend der Sünde, alles Leid auf sich genommen und ausgelitten hat für uns, - er bleibt nicht im Tod. Der Vater holt ihn aus dem Reich des Todes. Christus lebt und zeigt sich den Zeugen seiner Auferstehung als lebendige, berührbare Person. Die Auferstehung Jesu war keine Solonummer und kein “Einmal und nie wieder“. Die Auferstehung Jesu ist deine und meine Lebensversicherung. Sie ist die Brücke, die uns der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit unsrer Tage herausführt. Wie? Darüber wäre mehr zu sagen, als hier gesagt werden kann. Nur soviel: „Weil mit dem Tod nun nicht mehr alles aus ist, ist Freude und Hoffnung in die Welt gekommen.“ (YOUCAT 108) Christen haben jedenfalls mitten im Leid die verrückte Gewissheit, dass hinter allen Schmerzen die Sonne des Ostermorgens aufgeht.

Mit der Sonne im Rücken ...

Mit der Sonne von Ostern im Rücken kann man verstehen, wenn es Menschen gibt, die sogar sagen: „Danke Gott, dass du mir ein paar Steine in den Weg gelegt hast. Sie brachten mich zur Besinnung und auf den Weg des Lebens zurück!“ Und auf jeden Fall gilt, was der hl. Franz von Sales erkannte: „Schwer wie die Berge wäre dein Leid, wenn du es allein tragen müsstest. Aber es ist ein Joch, an dem der Herr dir tragen hilft, und er trägt dich selbst samt deiner Last.“ ∎