Fri, September 3, 2021Lesezeit 10 minBernhard Meuser

Wie liest man die Heilige Schrift?

Für viele Menschen ist die Heilige Schrift ein Buch mit sieben Siegeln. Sie ist kein einheitliches Werk, sondern eine Sammlung von Schriften, die im Verlauf von etwa 1500 Jahren entstanden sind und in der uns vorliegenden Form zusammengestellt wurden.

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Was ist das?


Für viele Menschen ist die Heilige Schrift ein Buch mit sieben Siegeln. Sie ist kein einheitliches Werk, sondern eine Sammlung von Schriften, die im Verlauf von etwa 1500 Jahren entstanden sind und in der uns vorliegenden Form zusammengestellt wurden. Man kann die Bibel unter den verschiedensten Gesichtspunkten lesen. Für die einen ist sie ein historisches Dokument, das die Geschichte Israels und die Geschichte einer sektenhaften Abspaltung, die man später Christentum nannte, begleitete. Für die Anderen – Juden wie Christen – ist sie Wort Gottes. Christen wissen freilich (wie YOUCAT 14 sagt): „Die Bibel ist weder fertig vom Himmel gefallen, noch hat Gott sie menschlichen Schreibautomaten diktiert. Vielmehr hat Gott ‘zur Abfassung Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern.’ (Zweites Vatikanisches Konzil, DV 11)“ Weil die Heilige Schrift vom Heiligen Geist inspiriert ist, kann man sie nicht ohne Heiligen Geist lesen und nicht ohne die Frage: „Was möchte uns Gott mit diesem Wort mitteilen“. Die Heilige Schrift, sagt YOUCAT 16 „liest man richtig, wenn man sie betend, das heißt mit Hilfe des Heiligen Geistes liest, unter dessen Einfluss sie entstanden ist. Sie ist Wort Gottes und enthält die entscheidende Mitteilung Gottes an uns.“

Was sagt die Heilige Schrift?


Das Christentum ist keine Buchreligion, so hoch sie das Wort schätzt. Das eigentliche Wort Gottes besteht auch nicht aus 4.410.133 Buchstaben. Das „Wort“ schlechthin ist Jesus Christus. Er ist der von dem es im Johannesprolog heißt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ (Joh 1, 1-2) Dieses Wort ist nicht Buch, sondern „Fleisch“ geworden. Dennoch sind die vielen Worte der Heiligen Schrift überaus kostbar; man darf sie bloß nicht missverstehen als könnte man darin Anweisung zum richtigen Kochen oder himmlische Tipps für die Organisation von Straßenverkehr finden. In den 738.765 Worten der Heiligen Schrift ereignet sich die authentische und unüberholbare Bezeugung des einen Wortes Gottes. Wertschätzung kommt zum Ausdruck, wenn es im 2. Timotheus Brief heißt: „...du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.“ (2 Tim 3, 15-17)

Von Anfang der Kirche an, sind die Heiligen Schriften vor allem im Gottesdienst gelesen worden. In Erinnerung an Mt 4,4 („Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“) unterteilte man die Liturgie in einen Wortgottesdienst und einen Opfergottesdienst. Der Link zwischen beiden Teilen bildet die Predigt, in der es immer um das Gleichnis des Sämanns geht: „Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt Frucht - hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.“ (Mt 13,23) Die Frage „Wie lese ich die Bibel richtig?“ müsste also ergänzt werden durch die Frage: „Wie höre ich das Wort Gottes richtig?“ Christen hören und lesen die Heilige Schrift, indem sie ein Wort aus dem Jakobusbrief im Ohr haben: „Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!“ (Jak 1,22) Meister Eckhart hat daraus ein starkes Diktum gemacht: „Ein Lebemeister ist besser denn tausend Lesemeister.“

Die kleine YOUCAT-Katechese


Nimm und lies!

Hätte es zur Zeit des Augustinus von Hippo (354-430) schon Smartphones gegeben, wir besäßen jede Menge Selfies von ihm. Der junge Algerier war intelligent, schnell, dabei permanent auf sich selbst bezogen. Aus der nordafrikanischen Provinz hatte er sich dorthin begeben, wo es hipp war – nach Mailand. Dort nahm er einen coolen Lehrauftrag in Rhetorik wahr. Heute würde man sagen: Er bildete Texter aus. Augustinus experimentierte mit sich und mit manichäischer Esoterik; er war interessiert an Sex und hatte mit einer Lebensabschnittspartnerin ein Kind.

Mit Anfang 30 stürzte ihn der Tod eines Freundes in eine tiefe Lebenskrise. Den Moment der Wende hat Augustinus festgehalten: „Ich warf mich, ohne zu wissen wie, unter den Feigenbaum auf den Boden und ließ meinen Tränen freien Lauf, ... schrie hinaus: »Wie lange noch? Wie lange noch? Morgen und immer wieder morgen? Warum nicht jetzt? ... « So sprach und weinte ich mit größter Bitterkeit im Herzen. Da hörte ich aus dem benachbarten Haus die Stimme eines Jungen oder eines Mädchens in singendem Ton immer wiederholen: » Nimm und lies, nimm und lies! … «

The Four Doctors of the Western Church, Saint Augustine of Hippo (354–430), attributed to Gerard Seghers.

Nimm und lies!

Da drängte ich meine Tränen zurück und stand auf, konnte ich mir doch keine andere Erklärung geben, als dass eine göttliche Stimme mir befehle, die Heilige Schrift zu öffnen ... Ich griff nach dem Buch, öffnete es und las still für mich den Absatz, auf den zuerst meine Augen fielen: ‘Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht! Vielmehr zieht den Herrn Jesus Christus an.’ (Röm 13, 13-14) Ich wollte nicht weiterlesen, es war nicht nötig; denn beim Schluss dieser Worte kam das Licht des Friedens über mein Herz, und die Schatten des Zweifels entflohen.“ So steht es im achten Kapitel der „Confessiones“, dem wahrscheinlich wichtigsten Buch, das jemals ein Christ nach der Heiligen Schrift geschrieben hat.

Bis dahin war Augustinus ein Trittbrettfahrer des Lebens. Er nahm mit, was er kriegen konnte. Die geistige Welt interessierte ihn nur, wo er daraus Honig saugen konnte für sein Fortkommen oder seine Selbsterhöhung. Und so ging er auch mit Menschen um. Plötzlich aber fühlte er sich gestellt, erkannt, durchschaut. Ende der großen Show! Er wusste, dass er seinem Leben einen ganz anderen Dreh geben musste. Von diesem zufälligen Moment an, kam eine ungeheure Dynamik in das Leben des jungen Intellektuellen. Er ließ sich taufen und zog tatsächlich Christus an, wie man ein paar neue Kleider anzieht. Er fühlte sich nicht nur neugeboren. Er wurde neu geboren.

Augustinus, der bis dahin mit tausend Büchern jongliert hatte, konzentrierte sich auf das eine Buch, das ihn mit seinen Lebenslügen konfrontiert und ihm zugleich die Tür in ein anderes Leben geöffnet hatte. Er gab diesem Buch die Chance, es besser zu wissen: „Wenn du in den Evangelien das glaubst, was du magst, und das ablehnst, was du nicht magst, dann glaubst du nicht ans Evangelium, sondern an dich selbst.“

Ein Buch, das mitwächst

Es gibt Bücher, die werden mit den Jahren kleiner – Kinderbücher, Jugendromane, für die man sich einmal begeisterte – und solche, die anfangs spröde erschienen, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Und es gibt solche, die mit den Jahren immer größer werden, ja, die sich als unerschöpflich erweisen. Ein solches Buch ist die Bibel. Und so hat es auch Augustinus erfahren: „Die Bibel ist so verfasst, dass Anfänger an ihr reifen, ihre Bedeutung aber dabei mitwächst.“ Oder an anderer Stelle: „Die Heilige Schrift ist wie ein Wasser, in welchem ein Lamm waten und ein Elefant schwimmen kann.“

Die Bibel hat man nie ausgelesen; und selbst der große Atheist und Dramatiker Bert Brecht bekannte einmal auf die Frage nach dem Buch seines Lebens: „Sie werden lachen – die Bibel!“ Wahrscheinlich begeisterte sich Brecht am prallen Leben in der Heiligen Schrift. Augustinus fand darin das ewige Leben. Und er bezeugt: „Wenn du die Heilige Schrift liest, spricht Gott zu dir.“

Mit ein paar starken Worten empfahl Papst Franziskus jungen Menschen die Heilige Schrift; er sagte: „Ihr haltet etwas Göttliches in Händen! Ein Buch wie Feuer! Ein Buch, durch das Gott spricht!“ Sein Vorgänger, Papst Benedikt, riet ihnen: „Meditiert oft über das Wort Gottes, und erlaubt dem Heiligen Geist, euer Lehrer zu sein. Dann werdet ihr entdecken, dass Gottes Gedanken nicht die der Menschen sind; ihr werdet dahin geführt werden, den wahren Gott zu betrachten und die Ereignisse der Geschichte mit seinen Augen zu lesen; ihr werdet in Fülle die Freude kosten, die der Wahrheit entspringt.“

Die Wissenschaft kann helfen ...

Wissenschaftliche Bibelauslegung kann helfen, die Zeitumstände und den Wortsinn biblischer Texte besser zu verstehen. Aber wer erwartet, man könnte den Sinn dieser Texte auf Flaschen abziehen oder in objektive Bücher abfüllen, wird enttäuscht werden. Wem hingegen ein einziges Mal die Ohren aufgingen, weil ihn ein Psalmvers oder ein Wort Jesu frontal berührte, wer einmal spürte: Ich bin gemeint, das ist zu mir gesagt, genau in meine Situation hinein, - der wird das Wort Gottes nie wieder für totes antikes Kulturgut halten. Der wird dem großen dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zustimmen, wenn er sagt: „Die Bibel ist der Liebesbrief Gottes an uns“, und sie ist „nicht dazu da, dass wir sie kritisieren, sondern dazu, dass sie uns kritisiert. „Deshalb“, sagt YOUCAT 16, „muss ich die Heiligen Schriften mit großer Liebe und Ehrfurcht in Empfang nehmen: Zunächst gilt es, den Brief Gottes wirklich zu lesen, d.h. nicht Einzelheiten herauszupicken und das Ganze außer Acht zu lassen. Das Ganze muss ich dann auf sein Herzstück und Geheimnis hin deuten: auf Jesus Christus, von dem die ganze Bibel spricht, auch das Alte Testament.  Ich soll also die Heiligen Schriften im gleichen lebendigen Glauben der Kirche lesen, aus dem heraus sie entstanden sind.“ ∎